Fang Weigui (方维规)


Dr. habil. Fang Weigui (方维规), geboren in Shanghai, studierte Germanistik in Shanghai, Peking und an der Humboldt Universität Berlin und promovierte 1991 an der Philosophischen Fakultät der RWTH Aachen im Hauptfach Komparatistik. Nach seiner Postdoc-Arbeit (1992-1996) im Sinologischen Institut der Universität Trier arbeitete er zwischen 1996 und 2000 als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Ostasiatischen Seminar der Universität Göttingen. Nach der Habilitierung im Jahr 2002 lehrte Fang Weigui an den Universitäten Erlangen-Nürnberg und Trier. Seit 2006 ist er Professor an der School of Chinese Language and Literature der Beijing Normal University und Research Fellow im Centre of Literary Theory.
Seine Lehr- und Forschungsschwerpunkte sind Vergleichende Literaturwissenschaft, Literatursoziologie, moderne chinesische Kultur und Literatur sowie Sprachwandel des Chinesischen (historische Semantik). Er hat zahlreiche Arbeiten in deutscher Sprache publiziert, darunter: Selbstreflexion in der Zeit des Erwachens und des Widerstands. Moderne chinesische Literatur 1919-1949 (Harrassowitz Verlag, 2006), Das Internet und China. Digital sein, digitales Sein im Reich der Mitte (Heinz Heise Verlag 2004), Das Chinabild in der deutschen Literatur, 1871-1933 (Peter Lang Verlag, 1992) und Brecht und Lu Xun. Eine Studie zum Verfremdungseffekt (Centaurus Verlag, 1991).
Professor Fang Weigui fördert seit Jahren aktiv den deutsch-chinesischen Austausch. Im April 2011 hielt er auf Einladung der Mercator-Stiftung einen Vortrag zum Thema „Aufklärung und Sprache“ im Rahmen der Salonreihe „Aufklärung im Dialog“ in Peking.
1) Womit haben Sie sich in der letzten Zeit beschäftigt?
Als Hochschullehrer steht bei mir natürlich die Lehre im Mittelpunkt, die Betreuung der Studierenden bei ihren Doktorarbeiten. Eine weitere wichtige Arbeit ist das Verfassen von Artikeln und Büchern, und die Teilnahme an allen möglichen wissenschaftlichen Konferenzen. Derzeit schreibe ich ein Buch über die deutsche Literatur, der Abgabetermin steht kurz bevor. Der endgültige Titel wird wohl Das literarische Denken im Deutschland des 20. Jahrhunderts sein. Außerdem schreibe ich an einem Buch zur Begriffsgeschichte.
2) Wann und wie kamen Sie zum ersten Mal in Berührung mit Deutschland?
Die Beschäftigung mit Deutschland habe ich mir nicht selbst ausgesucht. Dass ich in der Mittelschule der Deutschklasse zugeteilt wurde, war eine Entscheidung der Schule. Damals sah man in China nur sehr wenige Deutsche, aber zu Anfang der 1970er Jahre kamen bereits einige deutsche Reisegruppen nach China. Einmal besuchten einige Deutsche unsere Klasse, um unserem Unterricht zuzuhören und ein bisschen mit uns zu plaudern. Als sie kamen, waren wir Schüler alle ganz begeistert, weil wir merkten, dass wir uns mit anderen Menschen auf Deutsch verständigen konnten. Das war also meine erste Begegnung mit Deutschen. So richtig mit Deutschland in Berührung kam ich dann aber erst 1986, als ich zum Studieren nach Ostdeutschland ging, und von dort dann direkt nach Westdeutschland zum Promovieren. Wenn man Studium und Arbeit zusammenzählt, habe ich insgesamt 20 Jahre in Deutschland verbracht.
3) In welcher Weise hat die Begegnung mit Deutschland Ihr Schaffen oder Ihr Leben beeinflusst?
Der größte Einfluss liegt vielleicht darin, dass die Begegnung mit Deutschland die Richtung bestimmt hat, die mein Leben genommen hat. Als ich mit der Uni fertig war, hatte die Reform- und Öffnungspolitik in China gerade erst richtig angefangen und viele Menschen gingen in die Wirtschaft, ich aber blieb an der Universität und unterrichtete Deutsch. Auch die Kommilitonen aus meiner Zeit in Deutschland haben später praktisch alle etwas anderes gemacht. Ich habe als einziger nach der Promotion ohne Unterbrechung an verschiedenen deutschen Hochschulen gearbeitet. Bis heute war ich immer an der Universität tätig, nie habe ich in irgendeinem anderen Bereich gearbeitet. So hat Deutschland, von dem Moment an, als ich in Deutschland die Akademikerlaufbahn einschlug, meinen Lebensweg beeinflusst.
4) Was war Ihr schönstes Erlebnis in Deutschland?
Die Promotion und die Habilitation sind sowohl unvergessliche als auch sehr schöne Erlebnisse. Darüber hinaus reise und fotografiere ich gerne.
Und noch etwas: mit den deutschen Kommilitonen abends in die Kneipe zu gehen. Während meiner Studentenzeit kannte ich die Studentenkneipen ziemlich gut. Dort zusammen zu trinken und sich zu unterhalten gehörte zu den angenehmsten Dingen. Auch später bin ich oft mit Kollegen, mit denen ich mich gut verstand, nach der Arbeit in die Kneipe gegangen um über Gott und die Welt zu reden, manchmal bis zum Morgengrauen. Das gibt es jetzt in China praktisch gar nicht, wenn Chinesen sich treffen, gehen sie fast nur ins Restaurant.
5) Was war Ihr unerfreulichstes Erlebnis in Deutschland?
Dazu kann ich auf die Schnelle gar nichts sagen. Ich habe so lange dort studiert und gelebt, da gab es Erfreuliches und sicher auch Unerfreuliches.
6) Haben Sie eine deutsche Lieblingsspeise?
In Deutschland habe ich eigentlich nie über diese Frage nachgedacht. Jetzt aber sehne ich mich am meisten nach deutschem Brot, besser gesagt nach frischen Frühstücksbrötchen. Das ist natürlich nicht wirklich ein deutsches Gericht, aber mir scheint, dass man solche frischen Brötchen selbst in vielen Fünfsternehotels in China oder in Ostasien nur äußerst selten finden kann.
7) Was ist für Sie „typisch deutsch“?
Generell bin ich gegen solche Formulierungen wie „typisch deutsch“ und „typisch chinesisch“. An jedem Ort gibt es solche und solche Leute. Wenn ich aber unbedingt etwas dazu sagen muss, denke ich, dass die Deutschen sehr „korrekt“ sind. Das heißt, jeder kümmert sich um seine eigenen Angelegenheiten und befindet sich in einem relativ ausgeglichenen seelischen Zustand. Auch wenn sie mit vielem unzufrieden sind, so bringen sie doch immer zuerst ihre eigenen Angelegenheiten in Ordnung. Auf diese Weise erledigen sie alles ziemlich gründlich, ohne darüber große Worte zu verlieren, oder anders herum gesagt: Sie werden nicht viel Gedöns machen und dann keine Taten folgen lassen.
8) Welche Kulturleistung aus Deutschland beeindruckt Sie am meisten?
Als Akademiker würde mir da zuerst das spekulative und theoretische Denken der Deutschen einfallen. Die deutsche Philosophie hat eine lange Tradition und ist auch heute noch weltberühmt, selbst die deutsche Literatur ist stark vom Philosophischen durchdrungen.
Wenn ich die deutsche Kultur in ihrer Gesamtheit betrachte, dann hat mich vor allem die Liebe der Deutschen zur Musik beeindruckt. Deutsche Studenten haben nicht viel Geld. Besucht man sie auf ihren Zimmern, um bei einem Drink mit ihnen zu plaudern, dann sind die Zimmer vielleicht sehr spärlich und einfach möbliert, aber in jedem steht garantiert eine Hi-Fi-Anlage. Die gehört in den Zimmern scheinbar zur Grundausstattung.
9) Mit wem in Deutschland würden Sie gerne einen Tag tauschen?
Ich würde mit einem Landarbeiter tauschen, um mich an der Natur zu erfreuen. Ich weiß allerdings nicht, ob ich seine Arbeit schaffen würde.
10) Welche Gewohnheit oder Idee aus Deutschland würden Sie gerne in China übernehmen?
Die meisten Deutschen, die ich getroffen habe, sagen im Umgang mit anderen – abgesehen von einigen grundlegenden Höflichkeitsfloskeln – nur das, was sie wirklich sagen wollen und nichts, was gegen ihre Überzeugung wäre. So ist das Miteinander relativ einfach, denn man muss nicht versuchen, die wahre Absicht des anderen zu erraten.
Als Intellektueller muss man in Deutschland bei Kongressen und Zusammenkünften keine verlogenen Plattheiten von sich geben, man muss nicht schmeicheln und keine Positionen vertreten, die mit dem eigenen Gewissen nicht zu vereinbaren sind. Genau das brauchen die Chinesen.
Copyright: Deutsch-Chinesisches Kulturnetz
Übersetzung: Maja Linnemann
Dezember 2011
Übersetzung: Maja Linnemann
Dezember 2011








