Volker Helfrich


Der seit 2006 in Peking lebende Schauspieler Volker Helfrich wurde 1967 in Kaiserslautern geboren. Nach seinem Schauspielstudium an der Schauspielschule Genzmer in Wiesbaden arbeitete er am Theater und spielte in verschiedenen deutschen TV-Produktionen mit, zum Beispiel in Unser Charly, Ein Fall für Zwei und Verbotene Liebe. Neben der Schauspielerei arbeitete er auch hinter der Bühne, vertonte Hörspiele und begleitete Musiker auf Tourneen. Im Jahr 2005 beschloss er – wegen der schlechten Auftragslage in Deutschland – seine bereits als Jugendlicher erworbenen Chinesischkenntnisse aufzufrischen, um in der chinesischen Filmbranche Fuß zu fassen. Als er 2006 nach Peking kam, arbeitete er zunächst als Fotomodell, erhielt aber schon 2007 erste Filmangebote. So war er bis heute u.a. als amerikanischer Botschafter, Spion und Anwalt, als französischer Kriegsreporter und als deutscher Waffenhändler in chinesischen TV-Dramen und Spielfilmen zu sehen. Neben seinen ernsten Rollen wünscht sich der Schauspieler, in Zukunft auch Komödien zu spielen oder an einem chinesischen Theater mitzuwirken.
1) Womit haben Sie sich in der letzten Zeit beschäftigt?
Ich habe gerade die Dreharbeiten zu einem TV-Drama beendet. Ich spiele darin einen Amerikaner, der für die Japaner spioniert und in Folge 17 stranguliert wird. Es war eine schöne Rolle und eine gute Produktion. Nach meiner Rückkehr von den Dreharbeiten habe ich mich gefreut, wieder Zeit für meine Freundin zu haben und endlich meine neue Wohnung einrichten zu können. In der letzten Woche habe ich einem deutschen Werbefotografen bei einem Fotoshooting für Volkswagen geholfen. Seit zwei Jahren habe ich zudem Dimitri Hegemann, den Besitzer des Techno-Clubs Tresor aus Berlin, dabei unterstützt, eine geeignete Location für einen Tresor in Peking zu finden. Im September 2010 wird der Club eröffnet.
2) Wann und wie kamen Sie zum ersten Mal in Berührung mit China?
Ich stamme aus Kaiserslautern, da fällt schon das Hochdeutsch sprechen schwer; daher erschien mir Chinesisch als völlig fremd. Was man in den 70er und 80er Jahren aus China hörte, war für mich wüst, grau und merkwürdig. Ich sah aber chinesische Abenteuerfilme und stellte es mir faszinierend vor, die chinesische Schrift zu beherrschen. Im Alter von etwa dreizehn Jahren hatte ich Kontakt zu zwei chinesischen Studenten, die mir erste Grundlagen der Sprache beibrachten. Als ich im Sommer 2005 im Eigenstudium begann, Chinesisch zu lernen, hat mir dies sehr geholfen. Ich habe angefangen, wieder Chinesisch zu lernen, weil ich mit meinen Berufsperspektiven in Deutschland nicht zufrieden war. Damals habe ich aber keinem erzählt, dass ich vorhabe, in China als Schauspieler weiterzuarbeiten, sonst hätte man mich für komplett verrückt erklärt.
3) In welcher Weise hat die Begegnung mit China Ihr Schaffen oder Ihr Leben beeinflusst?
Ich habe den Eindruck, die einfachen Dinge laufen hier oftmals nicht rund, während das Unmögliche ohne weiteres funktioniert. Mir fällt auf, dass zu wenig im Detail geplant wird und dadurch Probleme bei der Arbeit auftauchen, die absehbar gewesen wären. Aber das ist China – ich kann nicht versuchen, die Arbeitsweise zu verändern, sondern werde mich darin üben, geschickter oder einfach gelassener mit solchen Situationen umzugehen. Vieles fällt mir aber auch positiv auf, beispielsweise wie Chinesen zum Teil bis zur Erschöpfung Einsatz zeigen und dabei kaum meckern.
4) Was war Ihr schönstes Erlebnis in China?
Als schönste Zeit ist mir mein erster Sommer in China in Erinnerung. Ich war zu Beginn des Jahres 2006 für vier Wochen in Peking auf einer Sprachschule. Damals bin ich per Zufall in einer Reggae-Bar gelandet, die gerade eröffnet worden war. Bei meinem nächsten Aufenthalt in China, im Sommer desselben Jahres, bot mir der Besitzer an, in der Bar zu wohnen. Ich blieb einen Monat und hatte reichlich Zeit und Gelegenheit, Chinesisch zu lernen. Zu dieser Zeit fand die Fußballweltmeisterschaft statt und die Bar wurde immer populärer – ich traf dort Leute aus aller Welt. Das war ein wunderschöner Sommer. Heute ist auch noch Vieles schön, aber so entspannt ist das Leben jetzt nicht mehr.
5) Was war Ihr unerfreulichstes Erlebnis in China?
Es gibt immer wieder Momente, in denen ich richtig enttäuscht bin. Ich stelle fest, dass sowohl bei der Arbeit als auch im Privatleben oftmals vieles nicht durchdacht wird und logische Schlussfolgerungen nicht selbstverständlich sind. Intelligente Menschen schlagen beispielsweise plötzlich merkwürdige Lösungen vor. Vielleicht liegt das an der Erziehung oder den verschiedenen Denkmustern der Menschen, Vieles entsteht vermutlich aber aus Missverständnissen und ist kein spezifisches Problem in China, sondern ein allgemeines Kommunikationsproblem.
6) Haben Sie eine chinesische Lieblingsspeise?
Nein, es gibt viel zu viel gutes Essen in China. Ich reise viel und halte mich in verschiedenen Regionen Chinas auf, dabei nutze ich diese Gelegenheiten, um regionale Spezialitäten zu probieren. Wenn ich sehe, dass irgendwo viele Chinesen essen, dann entscheide ich mich für dieses Restaurant und probiere immer etwas Neues aus.
7) Was ist für Sie „typisch chinesisch“?
Typisch chinesisch ist beispielsweise, dass man auf eine allzu direkte Frage keine direkte Antwort bekommt. Ich muss erst noch herausfinden, wie ich wichtige Informationen möglichst schnell erhalte. Und es scheint, als ob die Chinesen eine Engelsgeduld besäßen. Auch wenn ich nicht glaube, dass Chinesen grundsätzlich geduldiger sind als Deutsche, habe ich den Eindruck, dass sie es länger verbergen können, wenn sie genervt sind. Darüberhinaus ist mir aufgefallen, dass die Menschen in China im Moment jede kleine Chance nutzen, um ihr Leben zu verbessern. Wir Deutschen hingegen verschwenden unglaublich viel Zeit mit Nörgeln, obwohl wir ebenso die Chance hätten, Vieles zu verändern.
8) Welche Kulturleistung aus China beeindruckt Sie am meisten?
Immer noch die Schrift, das ist so typisch chinesisch. Wir Deutschen haben eine komplexe Sprache. Mit der chinesischen Schrift hingegen kann man alles Komplexe ausdrücken, aber an der Stelle wo wir Grammatik haben und verschiedene Begriffe, die fast austauschbar sind, aber immer wieder für etwas Anderes stehen, haben die Chinesen feststehende Schriftzeichen, die unbeweglich sind. Das verändert auch das Denken und die Philosophie - sie reduzieren sich auf das Wesentliche, und wir versuchen, immer komplexer und detaillierter zu werden.
9) Mit wem in China würden Sie gerne einen Tag tauschen?
Ehrlich gesagt komme ich so viel herum, treffe so viele interessante Menschen und bekomme so viele Sachen mit - manchmal sogar mehr als mir lieb ist - dass ich wirklich nicht tauschen will.
10) Welche Gewohnheit oder Idee aus China würden Sie gerne in Deutschland übernehmen?
Wie schon zuvor beschrieben finde ich es wichtig, die Chancen zu nutzen, etwas zu verbessern und nicht immer zu meckern und die Schuld auf andere zu schieben. Chinesen sehen immer eine kleine Chance, etwas zu verbessern, auch wenn es manchmal nur darum geht, Geschäfte zu machen. Wir Deutschen sind behäbiger und denken zu oft, wir könnten alles besser machen. Aber das stimmt nicht unbedingt, wir könnten Vieles viel besser machen, wenn wir unsere Denkweise ändern würden und flexibler wären. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Höflichkeit und Freundlichkeit der Chinesen. Man hört – abgesehen von Taxifahrern – selten ein böses Wort. Wir Deutschen schimpfen im Alltag zum Druckausgleich oft drauf los. Ich denke, dass bringt nichts als schlechte Laune, daher versuche auch ich, mein Verhalten ein bisschen zu verbessern.
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Juli 2010
Juli 2010








