10 Fragen an...

In der Rubrik „Zehn Fragen an…“ erzählen bekannte Persönlichkeiten des deutschen und chinesischen Kulturlebens über ihre persönliche Verbindung zum jeweils anderen Land.

Hei Ma (黑马)

Hei Ma © Hei Ma
Hei Ma, Foto: Karen Luedecke


Der Schriftsteller Bi Bingbin (毕冰宾), der unter dem Pseudonym „Schwarzes Pferd“, Hei Ma (黑马) schreibt, wurde 1960 in der Provinz Hebei geboren. 1984 schloss er sein Anglistikstudium an der Pädagogischen Hochschule in Fujian ab. Nach dem Studium wurde er einem Verlag in Peking als Redakteur und Übersetzer zugeteilt. Seine Erfahrungen und Erlebnisse in dieser Zeit inspirierten ihn zu dem Roman Verloren in Peking, der 1992 in China erschien und 1996 ins Deutsche übersetzt und vom Eichborn-Verlag herausgegeben wurde. Drei Jahre später erschien bei Eichborn dann Das Klassentreffen oder Tausend Meilen Mühsal. 1988 verbrachte Hei Ma als Gastwissenschaftler einen Monat in München. Der dortige Kontakt zu Studenten aus China veranlasste ihn, Brüder und Schwestern gehen nach Westdeutschland zu schreiben, das unter chinesischen Auslandsstudenten jener Zeit großen Anklang fand. Hei Ma forscht außerdem über den britischen Schriftstellers D. H. Lawrence und übersetzt dessen Werke ins Chinesische, eine Beschäftigung, die ihn ebenfalls indirekt nach Deutschland führte.

Heute arbeitet Hei Ma als Produzent beim englischsprachigen Kanal von CCTV. Sein Roman Verloren in Peking wurde 2010 in die Bibliothek der Metropolen, einer Reihe der Süddeutschen Zeitung aufgenommen.

1) Womit haben Sie sich in der letzten Zeit beschäftigt?

Ich bin dabei, Bücher zu verschenken, man könnte das auch meinen persönlichen „Tribut an die Allgemeinheit“ nennen. Mit der Entwicklung des Internets lässt sich heute der Bestand jeder Bibliothek ganz einfach online abfragen. So habe ich zufällig entdeckt, dass meine Alma Mater und die Universitäten meiner Heimatprovinz bei weitem nicht alle meine Bücher in ihrem Bestand haben. Meiner Meinung nach sollten viele meiner Bücher, beispielsweise die Übersetzungen von D. H. Lawrence, an jeder Universität vorhanden sein und die Literaturwissenschaftler Zugriff auf sie haben. Ich habe also recherchiert, welche meiner Werke in meiner Alma Mater, den Hochschulen meiner Heimatregion und weiteren wichtigen chinesischen Universitäten noch fehlen und bemühe mich, ihre Bibliothekskataloge zu vervollständigen.

2) Wann und wie kamen Sie zum ersten Mal in Berührung mit Deutschland?

Meinen ersten offiziellen Kontakt zu Deutschland hatte ich 1988, als ich als Redakteur für internationales Copyright bei der China Youth Press arbeitete. Die Leiter der Internationalen Jugendbibliothek München besuchten damals unseren Verlag, um sich mit uns auszutauschen. Durch sie ergab sich für mich die Gelegenheit, in München an einem internationalen Bibliothekskongress teilzunehmen. Im Anschluss an die Konferenz blieb ich noch einen Monat als Gastwissenschaftler dort und befasste mich mit ausländischer Jugendliteratur.

Damals bin ich von China sechs Tage lang mit der Eisenbahn nach Deutschland gefahren, ich durchquerte Sibirien, habe Ost- und Westberlin vor der Wiedervereinigung erlebt und die Berliner Mauer gesehen. In Berlin stieg ich in den Zug nach München um. Während der langen Zugfahrt begegnete ich chinesischen Studenten, die auf eigene Kosten zum Studium nach Deutschland fuhren. Wir hatten nichts anderes zu tun und sprachen über unsere persönliche Geschichte, über unsere Familien oder über die Gründe, ins Ausland zu gehen. Die Erlebnisse der Studenten haben mich zugleich berührt und erschüttert. In München verbrachte ich die Tage dann in der Bibliothek über den Büchern und schrieb abends zuhause die Geschichten auf. Schließlich entstand mit Brüder und Schwestern gehen nach Westdeutschland meine erste Reportageliteratur.

3) In welcher Weise hat die Begegnung mit Deutschland Ihr Schaffen oder Ihr Leben beeinflusst?

Der unmittelbarste Einfluss besteht darin, dass ich einerseits Tantiemen aus Deutschland beziehe und anderseits in Deutschland Steuern und Agentenhonorare zahle. Das gibt mir das Gefühl, in Deutschland zu leben. Was meine Arbeit angeht, gibt es aber eigentlich keinen Einfluss, da ich ja aus dem Englischen übersetze und es daher keinen direkten Bezug zu Deutschland gibt. Auf mein Leben gab es sicherlich einen unterschwelligen Einfluss, denn 1988 hatte sich China noch nicht geöffnet, Deutschland war damals ein regelrechter Kulturschock für mich, besser gesagt, eine echte Horizonterweiterung. Meine Lebensweise hat sich aber nicht aufgrund meines Deutschlandaufenthalts gewandelt, sondern infolge der langjährigen chinesischen Reform- und Öffnungspolitik, während der die Wirtschaftsbeziehungen zwischen Deutschland und China ständig enger geworden sind, und durch die sich das Leben aller Chinesen, mich eingeschlossen, verändert hat. Das erste Auto, das ich fuhr, war ein VW, meine Kühlschränke sind Marke Siemens oder Haier, (ehemals Qingdao-Liebherr, Anm. d. Übers.) und meine Sportklamotten und Turnschuhe sind von Adidas, das sind alles deutsch-chinesische Joint-Venture-Produkte. So haben deutsche Produkte Einzug in meinen Alltag gehalten. Dass ich gerne zu deutschen Markenprodukten greife, mag mit meiner engen Verbindung zu Deutschland zu tun haben – das könnte man also auch einen Einfluss nennen.

4) Was war Ihr schönstes Erlebnis in Deutschland?

Da gibt es zwei. Als ich 1988 zum ersten Mal nach München kam, hinkte China in seiner Entwicklung wohl fast zwanzig Jahre hinterher. Durch die Erfahrung von damals kam ich also schon früh in Berührung mit der Modernisierung. Das andere Mal war, als ich 2002 an einem Dialog zum Thema Globalisierung auf der Frankfurter Buchmesse teilnahm. Anschließend nutzte ich die Gelegenheit zu einem Ausflug ins Münchner Umland. Ich begab mich auf Feldforschung nach Icking und Beuerberg, wo Lawrence und seine deutsche Ehefrau Frieda von Richthofen ihre Flitterwochen verbracht hatten, nachdem sie gemeinsam durchgebrannt waren und erlebte die Idylle des bayerischen Landlebens. Zurück in China schrieb ich Durchgebrannt an die Isar und andere Essays über Deutschland.

5) Was war Ihr unerfreulichstes Erlebnis in Deutschland?

Eigentlich gab es kein besonders unerfreuliches Erlebnis. Kleinere Unannehmlichkeiten gab es allerdings immer mal wieder. Mancher Deutsche verhält sich etwas reserviert gegenüber Menschen, die wie ich asiatisch aussehen und sich nicht verständigen können.

6) Haben Sie eine deutsche Lieblingsspeise?

Würstchen und Schwarzbrot. Der spezielle säuerliche Geschmack hat sich mir eingeprägt, außerdem ist es sehr gesund.

7) Was ist für Sie „typisch deutsch“?

Chinesen halten Deutsche für äußerst sorgfältig. Deutsche Produkte gelten als solide und unverwüstlich. Das zeigt sich auch in der chinesischen Werbung, in der deutsche Technologie gerne als Aushängeschild genutzt wird. Mein eigenes Verhalten bestätigt das, denn zahlreiche Produkte, die ich benutze, stammen aus deutsch-chinesischen Joint-Ventures.

8) Welche Kulturleistung aus Deutschland beeindruckt Sie am meisten?

Die Werke von Schriftstellern wie Goethe und deutsche Philosophie gehörten für uns während des Bachelor- und Masterstudiums zum Pflichtprogramm – darunter natürlich auch Karl Marx. Ich persönlich habe durch meine wissenschaftliche Arbeit über D. H. Lawrence den Zugang zur deutschen Kultur gefunden, weil Lawrence mit Frieda von Richthofen nach Deutschland durchgebrannte. Friedas ältere Schwester war promovierte Ökonomin und hatte sowohl ein Verhältnis mit Max Weber als auch mit seinem Bruder. Es interessiert mich sehr, wie diese Menschen Lawrence beeinflusst haben.

9) Mit wem in Deutschland würden Sie gerne einen Tag tauschen?

Mit einem deutschen Zeitungsredakteur. Die Welt bat mich einmal, einen Artikel zum Thema „Revolution“ zu schreiben. Ich empfand den Blickwinkel der Redakteure auf das gewählte Thema als sehr originell, und fand es auch passend, dass man sich für einen Autor aus meiner Generation entschied. So einen Job würde ich ebenfalls gerne mal ausprobieren.

10) Welche Gewohnheit oder Idee aus Deutschland würden Sie gerne in China übernehmen? 

Die methodische, sorgfältige und durchdachte Art und Weise mit der die Deutschen die Dinge angehen. Das stößt bei Chinesen allgemein auf Anerkennung.
Copyright: Deutsch-Chinesisches Kulturnetz
Juni 2010
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