Martina Hasse
1) Womit haben Sie sich in der letzten Zeit beschäftigt?
Vor allem mit der Übersetzung des Buches Silberne Kakteen der taiwanischen Autorin Long Yingtai. Sie ist eine sehr interessante Autorin, die mit ihrem früheren Buch Wild Fire in der chinesischen Welt berühmt wurde, weil sie wie keine andere unerschrocken heikle Themen anspricht. Sie besitzt in vielen ihrer Bücher einen „feministischen“ Humor – fast könnte man sagen, sie ist eine Art Alice Schwarzer der chinesischsprachigen Welt! Außerdem habe ich mit einem Kollegen gerade die chinesischen Untertitel für den Episodenfilm Invisibles von Wim Wenders und anderen Regisseuren fertig gestellt – ein sehr trauriger Film über Kindersoldaten und sexuelle Gewalt gegenüber Frauen in Angola und im Kongo. Und dann habe ich mich gerade mit Mo Yans neuem Roman Frösche beschäftigt.
2) Wann und wie kamen Sie zum ersten Mal in Berührung mit China?
Ich sah ein Gibbon-Bild von Mu Xi (牧溪), einem songzeitlichen Mönch-Maler aus Sichuan. Damals war ich noch ein Kind, und ich brachte auch nicht viel über diesen Maler in Erfahrung, aber ich kann mich noch sehr genau daran erinnern, es beeindruckte mich sehr. Und mit 16, 17 Jahren las ich Laozis Daodejing und begann nach dem Schulabschluss mein Sinologie-Studium.
3) In welcher Weise hat die Begegnung mit China Ihr Schaffen oder Ihr Leben beeinflusst?
China hat mich seit meinem achtzehnten Lebensjahr völlig in Beschlag genommen, beruflich und privat. Mein gesamtes Fühlen, Denken und Handeln ist von China geprägt.
4) Was war Ihr schönstes Erlebnis in China?
Mein erster Besuch in Dunhuang und die Besichtigung der Mogao-Grotten. Damals war ich noch sehr jung, es ist jetzt 28 Jahre her. Es war unglaublich dort – absolut menschenleer. Heutzutage wimmelt es ja da von Touristen.
Sehr schön war es auch, als ich bei meiner Lehrerin Liang Danmei (梁丹美) auf Taiwan eine Zeit lang lernte, Blumen und Vögel zu malen. Sie hat eine sehr stilvolle Art, eine wunderbare Künstlerin – ganz wie ein alter chinesischer Literatenmaler.
5) Was war Ihr unerfreulichstes Erlebnis in China?
Als ich, ich glaube es war 1983, China besuchte und die in der Kulturrevolution abgeschlagenen Köpfe der Statuen sah. Besonders eine riesige bronzene Buddhastatue in einem Tempel in Lanzhou, die auf mich wie exekutiert wirkte, habe ich in Erinnerung – schlimm war das Bild der sich vorsichtig an den Wänden vorbeidrückenden Mönche, unendlich gedemütigt.
6) Haben Sie eine chinesische Lieblingsspeise?
Zurzeit liebe ich Erdnussreisbrei, den auch die Mönche zum Frühstück essen, und ich liebe rauchig gebratene Sichuan-Chilischoten über Reis.
7) Was ist für Sie „typisch chinesisch“?
Bei Gesprächen irgendwann beim Essen anzugelangen und dann davon zu sprechen. Und die Wichtigkeit in China, geregelte Mahlzeiten und eine geregelte Verdauung zu haben. Die Deutschen machen sich darüber weniger Gedanken, vielleicht macht man mal eine „Reinigungskur“ im Jahr, das war es. In China ist der „Darmbesen“, z.B. durch das Essen von Bambussprossen, ja sehr wichtig.
Noch etwas ist für mich typisch chinesisch: Dass Kinder immer Glück bedeuten. Daher ist die freudige Frage nach vielleicht baldigem Nachwuchs in China ohne die in Deutschland oft bemerkbare, mitgedachte negative Konnotation - „Könnt ihr euch das jetzt leisten?“, „Passt das in alle anderen Pläne?“ - gemeint.
Und zuletzt: Chinesisch ist für mich auch, doch immer irgendwie Zeit zu haben, auch wenn man eigentlich viel zu tun hat.
8) Welche Kulturleistung aus China beeindruckt Sie am meisten?
Bildaufschriften, Stelen und Steinabreibungen. In Europa gibt es diese chinesische Tradition der Bildaufschriften nicht – es finden sich wohl Spruchbänder auf alten Gemälden, wie Ölmalerei, wo einem Engel eine Sprechfahne mit einem „Halleluja“ dazu gemalt ist oder Aufschriften in mittelalterlichen Handschriften oder auf alten Kupferstichen, aber sie haben einen anderen Charakter als die chinesische Bildaufschrift. Die Bildaufschriften in China sind oft die Quintessenz dessen, was das Bild ausdrücken möchte, oder sie stellen die Provenienz eines Bildes anschaulich dar oder berichten ausführlich von Begleitumständen oder anderem. Diese Kalligraphien sind eine fantastische Kunst. Die Abreibungen von alten Stelen, also die Technik, einfach eine Kopie herzustellen und mit nach Hause nehmen zu können, ist bewundernswert, zwar ein Eingriff, den man nicht unbegrenzt vornehmen darf, aber trotzdem wunderbar.
9) Mit wem in China würden Sie gerne einen Tag tauschen?
Mit Zhang Daqian (張大千), als er von 1941 bis 1943 in Dunhuang die Wandmalerei in den Mogao-Grotten vor Ort studierte und kopierte. Er ist für die Kunst des Kopierens bekannt, konnte jedes Bild zu 100% noch einmal erschaffen.
Oder auch mit einem Meister der Qipao-Herstellung. Ich finde diese Kleiderform wunderbar stilvoll. Der Qipao ist ja vom Ursprung her eigentlich ein Mandschurenkleid. Der chinesische Stil hat auch westliche Modeschöpfer inspiriert, man denke an Coco Chanel und ihre Vorliebe für den chinesischen Stil. Die Kunst des Entwerfens und Schneiderns von chinesischen Qipaos würde ich gern beherrschen.
10) Welche Gewohnheit oder Idee aus China würden Sie gerne in Deutschland übernehmen?
Das Vertrauensverhältnis zwischen Lehrern und Schülern, wie es im traditionellen China üblich war. Der große Einsatz der Lehrer für die guten Leistungen und den Fortschritt ihrer Schüler. Das habe ich auf Taiwan erlebt und es hat mich immer zutiefst beeindruckt. So eine Haltung der Lehrer könnten wir hier in Deutschland sehr gebrauchen. Schüler trauen sich hier oft nicht, ihre Lehrer etwas zu fragen.
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Mai 2010
Mai 2010








