10 Fragen an...

In der Rubrik „Zehn Fragen an…“ erzählen bekannte Persönlichkeiten des deutschen und chinesischen Kulturlebens über ihre persönliche Verbindung zum jeweils anderen Land.

Julia Mok-Russo (莫平诗)

Julia Mok, Foto: ML
Julia Mok, Foto: ML

Julia Mok-Russo, Jahrgang 1972, wuchs in Stuttgart als Tochter eines chinesischen Vaters und einer deutschen Mutter auf. Nach dem Abitur lernte sie ein Jahr lang Chinesisch an der Feng Chia University in Taichung/Taiwan, von 1994 bis 1999 studierte sie an der Universität zu Köln Regionalwissenschaften China. Normalerweise lebt Julia Mok mit ihrem amerikanischen Mann und zwei Söhnen in der Nähe von Köln, seit Januar 2010 aber in Shanghai, wo sie als stellvertretende Pavillon-Direktorin an der Organisation des Deutschen Pavillons auf der EXPO 2010 Shanghai beteiligt ist.

1) Womit haben Sie sich in der letzten Zeit beschäftigt?

Mit der Abnahme des deutschen Pavillons vor der Eröffnung der EXPO, insbesondere was die Ausstellung, aber auch was den Bau angeht. Und damit, bis zu 240 Leuten mit zu koordinieren. Zur Vorbereitung des Betriebs gehörten auch viele, viele Diskussionen mit dem EXPO-Veranstalter.

2) Wann und wie kamen Sie zum ersten Mal in Berührung mit China?

Ja, das ist eine Lebensgeschichte. Natürlich ganz früh durch meinen Vater, meine chinesischen Wurzeln liegen in Guangdong. 1979 war ich das erste Mal in China - mit sieben Jahren - und habe dort meine chinesische Familie getroffen, in Kanton und in Hongkong. Schon als Zehnjährige habe ich angefangen Chinesisch zu lernen, 1992/93 dann richtig in Taiwan.

3) In welcher Weise hat die Begegnung mit China Ihr Schaffen oder Ihr Leben beeinflusst?

Ja, es hat mich schon beeinflusst, denn ich habe dann ja etwas studiert, was mit China zu tun hat, aus Interesse, wegen der Verbindung zu der Kultur und aus Spaß an der Sprache und an der Begegnung mit den Menschen. Ursprünglich wollte ich auch mal Gesang studieren, aber es ist Chinesisch geworden – moderne China-Wissenschaften, angeregt durch die Begegnung mit Taiwan 1992/93. Seitdem hatte ich beruflich zwar nicht immer, aber immer wieder mit China zu tun, und wenn mit China, dann mit Begeisterung. Und auch jetzt hier in China empfinde ich die Begegnungen mit den Chinesen als sehr spannend. Es gibt da für mich schon ein großes Gefühl der Verbundenheit.

4) Was war Ihr schönstes Erlebnis in China?

Also ich glaube, mein schönstes Erlebnis in China war einfach, in Taiwan unheimlich jung zu sein, frisch nach dem Abitur, und unheimlich viel Freiheit auszukosten, Vespa zu fahren, Nächte mit Karaoke und MTV zu verbringen und Mitternachtssnacks einzunehmen - einfach ein unheimlich lustiges Leben… So wie andere Leute natürlich auch studentisches Leben beschreiben, so haben wir das in Taiwan noch mal doppelt erleben können. Zusammen mit anderen Überseechinesen, mit Koreanern, Japanern und auch noch einigen anderen Westlern im Wohnheim zu leben und dann spontan zu sagen: „Eh, wir machen die Nacht durch“, und uns interessierte nicht, dass wir nachts aus dem Wohnheim ausgesperrt wurden, wir kamen halt morgens um sechs Uhr wieder, da war es wieder geöffnet. Und die entsetzte Lehrerin sagte: „Was macht denn ihr hier, wieso kommt ihr jetzt erst nach Hause?“ Das war eine schöne Zeit. Aber für China selbst fällt es mir unheimlich schwer zu sagen, was das schönste Erlebnis war. Ich glaube, das schönste Erlebnis ist einfach, sich mit den Leuten im Gespräch zu treffen. Oder auch so Erlebnisse, wie letzte Woche zum Beispiel, da bin ich über das EXPO-Gelände gelaufen und dann guckt mich einer so an, runzelt die Stirn und sagt: „Die ist aber keine Ausländerin.“ Und ich: „Hey, stimmt sogar. Ich bin sozusagen ein Mischling.“ Das sind so Ereignisse, die machen mir Spaß.

5) Was war Ihr unerfreulichstes Erlebnis in China?

Ich erinnere mich an das eine Mal, als ich mit jemandem in Peking unterwegs war und durch die Straßen gelaufen bin und dann gab es irgendeinen Chinesen, der sagte: „Mädchen, du bist echt hässlich“. Ich weiß nicht mehr, auf wen er sich bezogen hat, aber das war sehr nervig. Unerfreulich jetzt hier in Shanghai ist, wenn ich mit meinen Kindern hier unterwegs bin und die Leute sie immer anfassen wollen. Da muss ich oft eingreifen und sagen: „Hey Leute, ein Kind ist kein Spielzeug, lasst den Jungen bitte in Frieden.“ Das ist unangenehm.

6) Haben Sie eine chinesische Lieblingsspeise?

Gekochte Dumplings mit Lauchfüllung. Und Feuertopf.

7) Was ist für Sie „typisch chinesisch“?

Typisch chinesisch? Das ist gar nicht so einfach zu beantworten. Vielleicht dass man mit den Chinesen relativ leicht ins Gespräch kommt. Zum Beispiel beim Taxi fahren. Gut, vieles sind immer wieder die Standardsätze: „Ach du sprichst ja so gut Chinesisch, wo kommst du denn her?“ Und zu Deutschland kommt immer gleich Daimler Benz und BMW. Trotzdem finde ich, dass es für mich leichter ist, mit Chinesen ins Gespräch zu kommen, ohne dass ich das Gefühl habe, ich muss jetzt unheimlich intelligent oder unheimlich intellektuell oder sonst wie erscheinen. Einfach ein ganz leichtes Aufeinanderzugehen.

8) Welche Kulturleistung aus China beeindruckt Sie am meisten?

Die Schrift und die Sprache. Also die Schrift, weil vor allem die Langzeichen unheimlich schön sind und eine große Verdichtung von Sprache darstellen. Wobei ja eigentlich das Verrückte ist, dass die Schrift so komplex und die Aussprache wiederum so wenig ausgefeilt ist.

9) Mit wem in China würden Sie gerne einen Tag tauschen?

Ich glaube, mit einem buddhistischen Mönch. Ich möchte gerne einmal die Seelenruhe eines Mönches verspüren und mal einen Tag im Kloster verbringen, mit - wie ich erwarten würde - viel, viel mehr Ruhe im Tagesablauf.

10) Welche Gewohnheit oder Idee aus China würden Sie gerne in Deutschland übernehmen?

Manchmal die Anspruchslosigkeit, auch zum Beispiel die Anspruchslosigkeit im Gespräch, dieses unkomplizierte Herangehen an Menschen, das würde ich mir in Deutschland auch wünschen. In Deutschland muss man immer etwas darstellen, man muss intellektuell sein oder man muss seine eigene Meinung vertreten und alles ist immer ganz extrem wichtig und ernsthaft – und da würde ich mir etwas mehr Gelassenheit wünschen.
Copyright: Deutsch-Chinesisches Kulturnetz
April 2010
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