Jing Bartz (王竞)

Jing Bartz wurde 1968 in Peking geboren. Sie studierte an der Peking-Universität chinesische Literatur und ging 1991 als Chinesisch-Lektorin an die Universität Kiel, wo sie auch promovierte. Nach der Promotion folgte noch ein MBA an der Handelshochschule Leipzig. 2002 übernahm sie die Professurvertretung für Wirtschaftskommunikation mit Asien an der Hochschule Konstanz Technik, Wirtschaft und Gestaltung. Von 2003 bis 2010 war Jing Bartz Leiterin des Buchinformationszentrums (BIZ) der Frankfurter Buchmesse in Peking. Höhepunkte ihrer Arbeit waren der Gastlandauftritt Deutschlands bei der Beijing International Book Fair 2007 und der Gastlandauftritt der Volksrepublik China bei der Frankfurter Buchmesse 2009. Zusammen mit dem Chefredakteur der Literaturzeitschrift Renmin Wenxue, Li Jingze (李敬泽), gab sie 2009 die Anthologie Unterwegs: Literatur - Gegenwart China im DIX-Verlag heraus. Ganz besonders setzte sich Jing Bartz während ihrer Zeit beim BIZ für die Verbreitung deutscher Kinder- und Bilderbücher in China ein. Seit April 2010 ist sie Geschäftsführerin des Verlags-Joint Ventures Hachette-Phoenix Culture Development Co. in Peking.
1) Womit haben Sie sich in der letzten Zeit beschäftigt?
Ich habe gerade meine Stelle gewechselt. Die Stelle zu wechseln bedeutet zweierlei: Erstens muss man sich von der alten Arbeit verabschieden, das ist einerseits ein innerlicher Abschied, denn immerhin war ich sechseinhalb Jahre beim BIZ und werde dieser Arbeit auch nach meinem Weggehen sehr verbunden bleiben. Andererseits muss man die praktische Übergabe machen, das habe ich schon erledigt.
Der zweite Aspekt des Wechsels ist die Vorbereitung auf die neue Arbeit, auf die ich mich sehr freue. Denn abgesehen von meinem deutschen und chinesischen Hintergrund werde ich durch sie auch die französische, amerikanische und englische Kultur kennenlernen können. Außerdem stellt die neue Arbeit für mich eine große Herausforderung dar: den Einstieg in das Kultur-Business. Meine neue Aufgabe ist die Leitung der Hachette-Phoenix Culture Development Co, eines Joint Ventures zwischen der weltweit zweitgrößten Verlagsgruppe Hachette und der reichsten Verlagsgruppe Chinas namens Phoenix.
2) Wann und wie kamen Sie zum ersten Mal in Berührung mit Deutschland?
Mit viereinhalb Jahren. Da gerade Kulturrevolution war, habe ich die ersten viereinhalb Jahre meines Lebens bei meiner Großmutter in Hunan verbracht und kam erst später zu meinen Eltern nach Peking zurück. Mein Vater hat als Philosoph vor allem zu Hegel geforscht. Überall in unserer Wohnung lagen die Bücher von Hegel und Kant mit Bildern der melancholisch schauenden beiden Alten. Seitdem kenne ich die beiden von Bildern her.
Mein erster echter Kontakt zu lebenden Deutschen entstand 1988, und zwar zu einer Sinologin, die in Peking arbeitete – wir machten Sprachaustausch, sie lehrte mich Englisch und ich sie Chinesisch – später machten wir auch Projekte zusammen. Ihr Name ist Gudula Linck, sie baute später die Sinologie in Kiel auf und lud mich als Chinesisch-Dozentin nach Kiel ein.
3) In welcher Weise hat die Begegnung mit Deutschland Ihr Schaffen oder Ihr Leben beeinflusst?
Ich habe jetzt zwei Identitäten, mein kultureller Hintergrund ist chinesisch, mein Pass ist ein deutscher. Mein Vorname Jing ist chinesisch, mein Nachname Bartz deutsch. Das hat alles seine Spuren hinterlassen, zeigt also, dass ich schon keine reine Chinesin mehr bin, aber ebenso keine echte Deutsche. In mir gibt es zwei Kulturen. Außerdem hat mir Deutschland einen deutschen Ehemann und ein deutsch-chinesisches Kind beschert. Und reiche Erfahrungen im Austausch zwischen den beiden Kulturen.
4) Was war Ihr schönstes Erlebnis in Deutschland?
Mein erster Weihnachtsbaum. Damals war ich 24 und hatte meinen ersten deutschen Freund, mit dem ich viel über deutsche Literatur diskutierte. Ich hatte gehört, dass Weihnachten ein heiliges Familienfest ist und dachte also, mein Freund würde die Feiertage zuhause verbringen und ich müsste alleine in meinem kalten Zimmer sitzen. Ganz entgegen meinen Erwartungen lud mich seine Mutter ein, das Fest mit ihnen zusammen zu verbringen, und so schmückten wir gemeinsam den Weihnachtsbaum. Der Baum war wunderschön und die Liebe der Familienmitglieder zueinander war in viele kleine Geschenke verpackt, die als Überraschungen unter dem Baum lagen, dazu der Schein der vielen Kerzen auf dem Baum – das war mein schönstes Erlebnis!
5) Was war Ihr unerfreulichstes Erlebnis in Deutschland?
Mein erstes Jahr. Denn ich konnte, als ich nach Deutschland ging, kein einziges Wort Deutsch. Mein Englisch ging gerade so. Ich dachte, an der Uni zu unterrichten, dürfte kein Problem sein. Um meinen Unterricht interessant zu gestalten, erzählte ich den Studenten chinesische Witze, die ich dann auf Englisch erklärte. Es lachte aber keiner und ich war äußerst frustriert.
Auch in der Freizeit war ich gerne mit Menschen zusammen. Die sprachen aber nicht extra meinetwegen Englisch, und wenn sie zusammen über etwas lachten, saß ich unglücklich daneben. Daher dachte ich mir, wenn ich diese Sprache nicht lerne, dann werde ich von allem ausgeschlossen bleiben. Im ersten Jahr fühlte ich mich also gar nicht wohl und strengte mich an, Deutsch zu lernen.
6) Haben Sie eine deutsche Lieblingsspeise?
Ja, und zwar Bratkartoffeln, denn das ist das einzige Gericht, das mein Mann kochen kann.
7) Was ist für Sie „typisch deutsch“?
Der Satz: „Alles in Ordnung. “
8) Welche Kulturleistung aus Deutschland beeindruckt Sie am meisten?
Ich denke, für mich ist es die Gesamtheit: von der deutschen Philosophie, den Büchern von Kant und Hegel, die mein Vater mir zu lesen gab, bis zur Literatur – ich mag am liebsten Goethe, Schiller und Hesse. Auch die deutsche Architektur ist Teil dieses Ganzen. Und natürlich die Musik.
9) Mit wem in Deutschland würden Sie gerne einen Tag tauschen?
Mit Angela Merkel. Und zwar weil meine Arbeit äußerst stressig ist, immer sind tausende Kleinigkeiten zu bedenken, dazu der Umgang mit den unterschiedlichsten Institutionen; natürlich kann ich mich nicht mit Frau Merkel vergleichen, die die Verantwortung für eine ganze Regierung trägt; aber ich wüsste gerne, wie stressig der Arbeitstag einer so einflussreichen Politikerin ist und ob ich diesen Stress aushalten könnte. Und ob es bei all diesem Stress auch Freude gibt. Die letzten sechs Arbeitsjahre waren für mich nämlich eine Dauerbelastung, aber doch zu jeder Zeit auch mit Freude erfüllt.
10) Welche Gewohnheit oder Idee aus Deutschland würden Sie gerne in China übernehmen?
Was ich an den Deutschen am meisten schätze ist die Sachlichkeit. Deutsche können sehr vernünftig miteinander streiten. Zwar trägt jeder seine Argumente mit großer Leidenschaft vor, aber das beeinträchtigt nicht die persönlichen Beziehungen. Das ist für einen offenen, fairen und sinnvollen Austausch sehr wichtig. Die Kommunikation zwischen Chinesen, vor allem wenn sie unterschiedlicher Meinung sind, ist heikel, kompliziert und angstbesetzt, weil Streit die persönlichen Beziehungen beeinflusst. Wenn man also Meinungsverschiedenheiten und persönliche Beziehungen voneinander trennen könnte und sich an Vernunft und Sachlichkeit hielte, dann würden sich Qualität und Tempo der Kommunikation hier erhöhen.
Copyright: Deutsch-Chinesisches Kulturnetz
Übersetzung: Maja Linnemann
April 2010
Übersetzung: Maja Linnemann
April 2010








