Thomas Grube


Thomas Grube, Regisseur und Produzent, wurde 1971 in Berlin geboren und studierte u.a. Politologie an der Freien Universität Berlin sowie Film- und Fernsehwirtschaft an der Hochschule für Film und Fernsehen „Konrad Wolf“ in Potsdam-Babelsberg. 1999 gründete er gemeinsam mit Uwe Dierks und Andrea Thilo BOOMTOWN MEDIA, eine Produktionsfirma, die auf Dokumentar- und Musikfilme spezialisiert ist. Im Jahr 2004 führte Thomas Grube Regie bei dem Film Rhythm Is It! über ein innovatives Tanzprojekt der Berliner Philharmoniker mit sozial benachteiligten Jugendlichen. Rhythm Is It! wurde in der Kategorie Dokumentarfilm mit dem Deutschen Filmpreis und dem Deutschen Kritikerpreis ausgezeichnet. 2008 folgte der Film Trip to Asia, der die Berliner Philharmoniker auf einer Tournee nach Peking, Seoul, Shanghai, Hong Kong, Taipei und Tokio begleitet. Trip to Asia erhielt 2009 beim Hongkong International Film Festival den Preis Bester Dokumentarfilm.
Im Dezember 2009 nahm Thomas Grube am fünftägigen IDOCS Internationales Dokumentarfilm Forum –„Made in Germany“ in Peking teil. Rhythm is it und Trip to Asia wurden dabei mehrmals gezeigt. Der intensive Austausch mit seinem chinesischen Publikum hat Thomas Grube sehr beeindruckt.
1) Womit haben Sie sich in der letzten Zeit beschäftigt?
In der letzten Zeit war ich mit zwei neuen Filmen beschäftigt, die wir gerade fertiggestellt haben. Der eine heißt Porgy & Me (Regie: Susanna Boehm), da geht es um eine Truppe von schwarzen Opernsängern, die seit vielen Jahren Porgy & Bess aufführen. Und der andere heißt Friedensschlag – Das Jahr der Entscheidung (Regie: Gerardo Milsztein), da geht es um Jugendliche, die zwischen 15 und 21 Jahre alt und gewalttätig sind, denen es bisher in ihrem Leben an männlichen Identifikationsfiguren fehlte und die nun ihre letzte Chance bekommen: Sie müssten eigentlich ins Gefängnis gehen, aber zwei Männer versuchen, ihnen doch noch zu helfen, indem sie Vaterfiguren für sie werden. Wir haben den Prozess der Veränderung in diesem letzten Jahr beobachtet, bevor die Entscheidung, ob sie in den Knast gehen müssen oder nicht, ansteht. Jetzt steht gerade der Kinostart dieser Filme in Deutschland bevor und da gibt es viel vorzubereiten: Trailer müssen geschnitten, Plakate entworfen werden ...
2) Wann und wie kamen Sie zum ersten Mal in Berührung mit China?
Meine allererste Berührung mit China war in der Tat der Film Trip to Asia. Als ich das Projekt angefangen habe, hatte ich erst ein bisschen Angst, weil ich mich ja in China gar nicht auskannte. Ich war auch vorher nie in Korea oder in Japan. Allerdings habe ich auch keine klassische Musikausbildung und bin auch kein Fachmann für klassische Musik und habe trotzdem zwei Filme über klassische Musik gemacht, mit einem der besten Orchester der Welt.
Diese erste Begegnung mit Asien war sehr interessant, weil man in Europa oder in Deutschland immer denkt, Asien ist irgendwie so EINE große Sache. Während der Dreharbeiten hatten wir alle drei Tage einen Ortswechsel, also von China nach Korea, zurück nach China, dann nach Hongkong, weiter nach Taiwan und dann nach Japan. Diese kurze Abfolge innerhalb von wenigen Wochen war sehr spannend, weil wir in jedem Land mit Partnerfirmen zusammengearbeitet haben und dadurch extrem stark die unterschiedlichen Mentalitäten erleben konnten. Dabei wurde mir wirklich sehr klar, dass man Asien keinesfalls über einen Kamm scheren kann.
3) In welcher Weise hat die Begegnung mit China Ihr Schaffen oder Ihr Leben beeinflusst?
Also die ersten 35 Jahre meines Lebens habe ich mich sehr wenig mit Asien beschäftigt, aber ich spüre, dass sich meine Lebensphilosophie in einigen Punkten mit den Philosophien, die die Menschen hier in Asien haben, deckt. Das hat angefangen mit Trip to Asia, aber diese Produktion bedeutete natürlich vor allem Stress, Arbeit und Bewegung. Aber jetzt beim zweiten Besuch hier in Peking gab es nach den Veranstaltungen oft wunderschöne Gespräche mit dem chinesischen Publikum, wo ich auch immer wieder gehört habe, dass die Menschen etwas in meiner Arbeit sehen können, das sie ihnen etwas sagt. Das ist sehr schön, denn ich gehe sehr intuitiv an meine Arbeit heran.
4) Was war Ihr schönstes Erlebnis in China?
Oh, das ist schwer zu sagen. Eigentlich war diese ganze Woche eine Aneinanderreihung von beeindruckenden menschlichen Begegnungen. Was ich so toll finde, ist die Offenheit und Direktheit. Niemand hat Berührungsängste. Die Leute kommen auf dich zu, es geht unglaublich schnell bis das Eis bricht, und trotzdem habe ich auch das Gefühl von einer gewissen Ernsthaftigkeit hier. Das Interesse ist nicht nur gespielt, sondern es gibt wirklich Spaß am Fremden, Lust auf Menschen, die von außerhalb kommen, auf Neues... Und auch so eine Liebenswürdigkeit und Herzlichkeit. Ich bin selber auch ein sehr emotionaler Mensch und relativ distanzlos, und hier kann ich das einfach voll ausleben.
5) Was war Ihr unerfreulichstes Erlebnis in China?
Eigentlich keines. Ich glaube, irgendwie passe ich ganz gut nach China. Es gibt andere Länder in Asien, wo ich Schwierigkeiten habe, wo eben meine Offenheit oder dieses Direkte überhaupt nicht gut ankommt.
6) Haben Sie eine chinesische Lieblingsspeise?
Ich weiß ja nicht wie die heißen, die Speisen. Am liebsten mag ich Fisch und Fleisch, das in lauter Chilis schwimmt.
7) Was ist für Sie „typisch chinesisch“?
Im Asienvergleich würde ich sagen, dieses sehr emotionale, distanzlose, offene, direkte, recht unängstliche Aufeinanderzugehen – auch extrem gastfreundlich. Gerade für einen Deutschen ist das eine starke Erfahrung, weil die Deutschen doch manchmal lange brauchen, bis sie ein bisschen warm werden.
8) Welche Kulturleistung aus China beeindruckt Sie am meisten?
Was mich am meisten beeindruckt sind einfach diese tausende von Jahren alte Geschichte und Tradition. Und das Gefühl, dass es eine Sehnsucht gibt, diese alten Traditionen wieder zu entdecken oder wertzuschätzen. Ich habe sehr viele Gespräche mit jungen Leuten Anfang zwanzig geführt und war erstaunt darüber, wie viel sie sich damit beschäftigt haben und wie viel sie mir von den Dynastien erzählen können und was 1890 war , und dass sie das auch interessiert. Und neben der Geschichte aber auch noch die Philosophie, die sozusagen in der Kultur verankert ist. Die Art und Weise, wie man versucht, die Welt zu sehen, das Leben zu sehen, das Dasein zu sehen, das Ende zu sehen, den Anfang, die Zusammenhänge. In Deutschland würde man sagen, das ist esoterisch, aber hier ist es einfach ein Teil des Lebens und so normal verinnerlicht.
9) Mit wem in China würden Sie gerne einen Tag tauschen?
Worüber ich wirklich nichts weiß: Wie funktioniert die Macht hier. Wie wird dieses Land regiert, wer regiert? Deshalb würde ich gerne mal mit Hu Jintao (胡锦涛) tauschen, um zu sehen, wie sein Tag aussieht, was für Gespräche er führt, was für Entscheidungen er jeden Tag treffen muss, was für Fragen er gestellt bekommt.
10) Welche Gewohnheit oder Idee aus China würden Sie gerne in Deutschland übernehmen?
Die Art zu essen. Keine großen vollen Teller mit viel Fleisch und Kartoffeln wie bei uns. Sondern an einem runden Tisch mit vielen kleinen Portionen und einer großen Auswahl an Gerichten und dem Gefühl, dass es immer wieder etwas Neues zu entdecken gibt. Schade, dass es das in den chinesischen Restaurants in Deutschland eigentlich nicht oder nur ganz selten gibt.
Copyright: Deutsch-Chinesisches Kulturnetz
Januar 2010
Januar 2010








