Ma Jian (马建)


Der 1953 in Qingdao geborene Autor Ma Jian zog 1976 nach Peking. Dort arbeitete er als Fotojournalist für ein staatliches Magazin. 1983 verließ Ma Jian die Hauptstadt und begab sich auf eine Reise durch die chinesische Provinz. Seine Eindrücke von dieser dreijährigen Wanderschaft verarbeitete Ma Jian in dem beeindruckenden Buch Red Dust, welches 2002 den Thomas Cook Travel Book Award erhielt. Seit 2009 liegt es in Übersetzung von Barbara Heller auch auf deutsch vor. 1987 ging Ma Jian nach Hong Kong, wo er das Verlagshaus Hong Kong New Century Press gründete. Von 1997 bis 1999 lebte Ma Jian in Deutschland, seit 1999 in London. Er ist verheiratet mit Flora Drew, die seine Bücher ins Englische übersetzt.
In seinen Werken ruft Ma Jian die Menschen dazu auf, ihren Traumata ins Auge zu schauen und kämpft gegen das Vergessen. In dem beim Rowohlt-Verlag erschienenen 900-Seiten-Werk Peking-Koma (Übersetzung: Susanne Höbel) verfolgt er aus der Perspektive eines ins Koma gefallenen Opfers die Ereignisse um den 4. Juni 1989. Auf der Frankfurter Buchmesse im Oktober 2009 war Ma Jian Gast des nicht-offiziellen China-Programms. Ma Jian nahm während der Buchmesse an vielen Veranstaltungen teil, wobei er nicht nur aus der Position eines distanzierten Beobachters aus dem Ausland heraus die chinesische Geschichte und die aktuelle Gesellschaft kritisierte, sondern auch Vergleiche zwischen dem Umgang von Deutschen und Chinesen mit ihrer Geschichte anstellte.
1. Womit haben Sie sich in der letzten Zeit beschäftigt?
Mit dem Füttern meiner Zwillingstöchter. Sie halten mich dermaßen auf Trab, dass ich noch nicht einmal Namen für die beiden finden konnte, dabei sind sie schon über einen Monat auf der Welt.
2. Wann und wie kamen Sie zum ersten Mal in Berührung mit Deutschland?
Das war 1995, als ich an einer Literaturveranstaltung im Haus der Kulturen der Welt in Berlin teilnahm. Ich besuchte das wiedervereinte West- und Ostberlin, außerdem Köln, München und andere Städte. Danach habe ich noch zwei Jahre an der Ruhr-Universität in Bochum unterrichtet.
3. In welcher Weise hat die Begegnung mit Deutschland Ihr Schaffen oder Ihr Leben beeinflusst?
Deutschland war das erste Land, dass ich in Europa besucht habe; die Museen, die Straßen, jedes Geschäft ist mir so klar im Gedächtnis, als wäre ich gestern dort gewesen. Der im Krieg von Bomben zerstörte Anhalter Bahnhof, die abgerissene Berliner Mauer und die modernen Bauten – sie stellen zusammen Geschichte und gegenwärtiges Leben dar. Das machte mir bewusst, wie wichtig das persönliche und das kollektive Gedächtnis sind: Jeder Mensch ist ein loses Blatt im Buch der Geschichte.
4. Was war Ihr schönstes Erlebnis in Deutschland?
Wie ich einmal in der Abenddämmerung an der Elbe in Dresden spazieren ging und die Sonnenstrahlen dem Pflaster vor der Semper-Oper Leben verliehen; und im Schwarzwald mit meiner Freundin im Schnee und in absoluter Stille Liebe zu machen.
5. Was war Ihr unerfreulichstes Erlebnis in Deutschland?
Kein Deutsch zu verstehen war sehr deprimierend. Und die trostlosen Wochenenden und Feiertage, wenn nur die Springbrunnen arbeiten, alle Menschen frei haben und alles geschlossen ist.
6. Haben Sie eine deutsche Lieblingsspeise?
Naturtrübes Bier, Sauerkraut, Wurst, Brot und geröstete Zwiebelringe.
7. Was ist für Sie „typisch deutsch“?
Dass am Wochenende alle Geschäfte nachmittags um vier schließen und alle Kunden gleichzeitig hinaus auf die Straße geschoben werden.
8. Welche Kulturleistung aus Deutschland beeindruckt Sie am meisten?
Die ernste Philosophie und Musik, auch die ernste Kleidung mag ich sehr. Dahinter gibt es immer etwas von Hölderlins rationaler Verrücktheit. Außerdem gibt es sehr kultivierte Trödelmärkte.
9. Mit wem in Deutschland würden Sie gerne einen Tag tauschen?
Tagsüber mit einem Angestellten im Saal des Pergamon-Tempels der Berliner Staatlichen Museen. Das ist das Paradies. Abends mit einem Besoffenen auf dem Münchener Oktoberfest – da könnte man in die Hölle schauen.
10. Welche Gewohnheit oder Idee aus Deutschland würden Sie gerne in China übernehmen?
Pünktlichkeit, das Aufgeben der Einfarbigkeit, aus dem Verworrenen zum Einfachen zurückzufinden. Diese Ideen haben dem Leben, der Kultur und den intellektuellen Neigungen zugleich Vielseitigkeit als auch Einsamkeit verliehen.
Copyright: Deutsch-Chinesisches Kulturnetz
Übersetzung: Maja Linnemann
November 2009
Übersetzung: Maja Linnemann
November 2009








