10 Fragen an...

In der Rubrik „Zehn Fragen an…“ erzählen bekannte Persönlichkeiten des deutschen und chinesischen Kulturlebens über ihre persönliche Verbindung zum jeweils anderen Land.

Gesine Danckwart

Gesine Danckwart © Gesine Danckwart
Gesine Danckwart © Gesine Danckwart


Gesine Danckwart wurde 1969 in Schleswig-Holstein geboren und arbeitete in verschiedenen Funktionen an Theatern in Wien, Mülheim, Hamburg, Mannheim und Berlin. In Berlin gründete die Theaterwissenschaftlerin eine Spielstätte für freies Theater. Sie entwickelte – teils in Kooperation mit festen Häusern – eine Reihe von Theater- und Kunstprojekten, so zum Beispiel das deutsch-chinesische Projekt Ping Tan Tales (Sophiensaele Berlin 2008), zu dem 2009 das Buch Chinaland im Verlag Blumenbar erschien. Sie realisierte eine Mobilitätstrilogie via Bahn und Schiff zum Thema Auto (Mannheim/Hau 2007-2009) sowie Hörspiele (u.a. Wo sind wir bitte wann). Ihre Texte wurden in mehr als 15 Sprachen übersetzt. 2009 hatte ihr erster Kinofilm UmdeinLeben auf dem Münchener Filmfest Premiere. Gesine Danckwart lebt in Berlin.

Im Oktober 2009 hielt sich Gesine Danckwart auf Einladung des Goethe-Instituts Peking 12 Tage in Peking auf, wo sie mit einem deutsch-chinesischen Ensemble eine Fortsetzung von Ping Tan Tales inszenierte. Mit der Pekinger Premiere setzte sich eine Zusammenarbeit fort, die Gesine Danckwart 2008 in Berlin mit der chinesischen Tänzerin und Choreografin Xiao Ke (小珂), dem chinesischen Musiker Huzi (虎子) und dem in Berlin lebenden Schauspieler Marcus Reinhardt begann. Tales fragt nach der Identität des Individuums zwischen lokaler Tradition und globaler Erneuerung.

1) Womit haben Sie sich in der letzten Zeit beschäftigt?

Ich war die letzten neun Tage in Peking und habe eine chinesische Variante von einem Stück erarbeitet, welches ich mit einem deutsch-chinesischen Ensemble 2008 in Berlin aufgeführt habe: Tales. Wir haben das jetzt quasi nach China zurückgebracht. Das Stück hatte gestern Abend (18. Oktober 2009, Anm.d.Red.) sozusagen seine Premiere auf dem Festival für Neue Deutsche Dramatik hier in Peking.

2) Wann und wie kamen Sie zum ersten Mal in Berührung mit China?

Also dass China eine Bedeutung hatte, als eine Art von Sehnsuchtsort oder als ein Land der größten denkbaren Ferne ist eigentlich etwas, was sich aus der Kindheit speist. Ich hatte ein Lieblingskinderbuch, das hieß Pflaumenblüte und Kai Li, das wird auch an dem Abend zitiert – eine ganz kitschige Liebesgeschichte von einem jungen Mädchen, das verkauft wird und sich dann in den Herrn des Hauses verliebt. Das hat mich quasi in der Kindheit begleitet. Und dann gab es einen ganz klaren Startpunkt für das Projekt, 2005 in Berlin, wo China präsent in den Medien war, als eine Art von Angstort, als eine Wirtschaftsmacht, die unsere Arbeitsplätze wegnimmt. Da war das Gefühl, es besteht einerseits eine Faszination und gleichzeitig wird alles darauf projiziert, womit Europa gerade hadert: mit seinem Tempo, mit seiner Art von Arbeitsplatzausstattung, mit seinem Bedürfnis nach Sicherheit. Damals befand ich mich in einer langen Projektphase, wo ich mich immer weiter nach Osten bewegt habe – durch Osteuropa Richtung Russland. Und irgendwie hatte ich das Gefühl, jetzt muss ich richtig gegen Osten ziehen und bin dann 2006 zum ersten Mal in China gewesen.

3) In welcher Weise hat die Begegnung mit China Ihr Schaffen oder Ihr Leben beeinflusst?

Also das Tolle ist, dass wir in so einer großen Kontinuität an diesem Projekt arbeiten konnten, die man sonst ganz selten im Theater oder bei solchen Projekten realisieren kann. Dies ist meine fünfte Reise nach China und ich konnte die chinesischen Künstler 2008 ja auch nach Berlin einladen, die haben drei Monate da gelebt und gearbeitet. Es gibt jetzt so einen Punkt, wo von dieser großen Fremdheit und dem ersten Hiersein bis jetzt eine große Nähe entstanden ist. Also letztendlich ist China das Land, in dem ich in den letzten Jahren am häufigsten war, mit dem ich mich am meisten auseinandergesetzt habe – mit der Oberfläche, aber auch mit der Art des Denkens.

4) Was war Ihr schönstes Erlebnis in China?

Die Premierenfeier gestern fand ich sehr schön, weil wir alle das Gefühl hatten: Ja, wir haben es geschafft, unser Theaterstück zurück nach China zu bringen. Es war eine große Freude auch für alle beteiligten Schauspieler und wir hoffen sehr auf eine Fortsetzung unserer Arbeit im nächsten Jahr. Ich finde das immer wieder etwas ganz Unglaubliches, dass es funktioniert, dass man Theater mit so verschiedenen Kulturkreisen machen kann. Das hat mich gestern sehr froh gemacht, dass wir unser Ziel in einem langen Arbeitsprozess erreicht haben.

5) Und was war Ihr unerfreulichstes Erlebnis in China?

Ja, das ist nicht ein Erlebnis, sondern es gibt da so Sachen, die sich häufen, die dann sehr anstrengend sind, ganz Banales, wie das Aushalten von Verkehrsbeeinträchtigungen, von Nichtverständigung, von Taxifahrern, die sich nicht zuständig fühlen, von Toiletten, die man in den tollsten Restaurants nicht betreten möchte...

6) Haben Sie eine chinesische Lieblingsspeise?

Ich esse extrem gerne chinesisch und davon alles mögliche und viel Verschiedenes - keine Lieblingsspeise – aber immer gerne mit diesen kleinen goldenen Nadelkopfpilzchen, die kann ich sogar auf chinesisch bestellen.

7) Was ist für Sie typisch chinesisch?

Essen und das Weiß des Himmels.

8) Welche Kulturleistung aus China beeindruckt Sie am meisten?

Die Opernformate. Ich durfte einmal eine Konferenz miterleben, in der 90-jährige Kun-Oper-Wissenschaftler zur Beweisführung selbst Arien vorgetragen haben. Eine musikalisch und formal ungeheuer komplexe Form.

9) Mit wem in China würden Sie gerne einen Tag tauschen?

Kann ich nicht sagen.

10) Welche Gewohnheit oder Idee aus China würden Sie gerne in Deutschland übernehmen?

Oh my god. Keine Ahnung. Vielleicht sanftstrategische Konzepte. Ich trau mich jetzt nicht, schon wieder auf dem Essen rumzureiten.
Copyright: Deutsch-Chinesisches Kulturnetz
November 2009
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