Chris Dercon


Chris Dercon, Foto: Marion Vogel, 2009
Chris Dercon wurde 1958 in Lier/Belgien geboren. Nach dem Studium der Kunstgeschichte, Theaterwissenschaften und Filmtheorie in Amsterdam und Leiden war Chris Dercon - neben Tätigkeiten beim belgischen Rundfunk und Fernsehen – zunächst Dozent der Fachbereiche Video und Kino beim Hoger Instituut voor Beeldende Kunsten in Brüssel. Nach Jahren als künstlerischer Programmdirektor verschiedener Institutionen in New York, Rotterdam und anderen Städten übernahm er 2003 die künstlerische Leitung als Direktor am Haus der Kunst München. Hier wurde er vor allem durch künstlerische Programme im Rahmen des „kritischen Rückbaus“ des Hauses bekannt: Die nach dem 2. Weltkrieg als architektonische Entnazifizierung vorgenommenen baulichen Veränderungen im Haus der Kunst machte er rückgängig – der so neugewonnene Blick auf die Architektur zur Zeit Hitlers wird nun regelmäßig von Künstlern neuen Deutungen unterworfen. Chris Dercon ist in verschiedenen Jurys und Kuratorien aktiv – 2008 erhielt er vom Freistaat Bayern die Auszeichnung Pro meritis scientiae et litterarum. Im Oktober 2009 brachte Chris Dercon die bislang größte Einzelausstellung Ai Weiweis (艾未未) nach München. Sie läuft unter dem Titel So Sorry bis 17. Januar 2010.
1) Womit haben Sie sich in der letzten Zeit beschäftigt?
Seit dem 13. September 2009 war ich täglich mit Ai Weiweis Gesundheitszustand beschäftigt. Ich habe der Presse über Ai Weiweis Gesundheitszustand und seine politischen Statements Bericht erstattet, Ai Weiweis Ausstellung und Vernissage vorbereitet, Hunderte von Ehrengästen sowie Tausende begeisterter Besucher betreut. Nebenbei habe ich die faszinierenden Bücher des Sinologen François Jullien gelesen, um die traditionelle und die neue chinesische Ästhetik zu verstehen und dadurch Ai Weiweis Kunst besser zu begreifen. Und natürlich beschäftige ich mich mit der Lektüre von Mark Leonhards Was denkt China, Ian Burumas Chinas Rebellen und nicht zuletzt Liao Yiwus ( 廖亦武) Fräulein Hallo und der Bauernkaiser.
2) Wann und wie kamen Sie zum ersten Mal in Berührung mit China?
Meine bester Kumpel in Brüssel Dominique und ich sind 1978 zusammen an die Universität Leiden gegangen. Er studierte Sinologie, während ich Kurse in Kunstgeschichte belegte. Seitdem hat mich das Thema China nie wieder losgelassen. Dominique hat eine schöne und intelligente chinesische Wissenschaftlerin geheiratet und lebt seit langer Zeit mit seiner Familie in China. Als Marco Müller – seines Zeichens auch Sinologe und von chinesischen Filmen und chinesischer Küche besessen – als Direktor des Internationalen Filmfestivals Rotterdam zu uns stieß, rückte China noch näher. Marco ist derzeit Direktor der Filmbiennale Venedig und redet andauernd chinesisch mit mir. 2000 wurde ich schließlich durch die Kunststiftung Annie Wong Foundation zu einer umfassenden Studienreise durch ganz China eingeladen. Danach lud mich Uli Sigg, ehemaliger Schweizer Botschafter in China und weltweit einflussreichster Sammler moderner chinesischer Kunst, ein, an den Juryberatungen für seinen Preis der chinesischen Gegenwartskunst teilzunehmen. Rem Koolhaas hatte mir davor schon die Augen für die großen städtischen Herausforderungen Chinas geöffnet und mir die „Hexerei“ der eigenartigen Wirtschaftsdynamik in Shenzhen erklärt. Über Sigg und die Baseler Architekten Herzog&de Meuron lernte ich Ai Weiwei kennen. Wir wurden Freunde und Weiwei hat für mich chinesische Jacken entworfen. Obendrein verpasst mir Weiwei gerne mal einen Haarschnitt und gibt mir Kopfmassagen, die perfekt gegen Migräne helfen.
3) In welcher Weise hat die Begegnung mit China Ihr Schaffen oder Ihr Leben beeinflusst?
Am meisten interessieren mich Dinge, die ich noch nicht kenne. Außerdem macht es mir nichts aus, viel Recherche zu betreiben, auch um dann nur ein bisschen zu verstehen. Zu guter Letzt fasziniert mich das scheinbare Durcheinander, dem aber eine grundlegende Ordnung innewohnt. Deshalb passt das gegenwärtige China gut zu mir und meinem Charakter.
4) Was war Ihr schönstes Erlebnis in China?
Ich hatte so viele. Ich habe von meinen Erfahrungen u.a. in Essays wie Hyperreality in China für das holländische Architekturmagazin Archis und kürzlich in Lang lebe die Partei für die Süddeutsche Zeitung berichtet. Ich denke, einige Erlebnisse werde ich nie vergessen: Als wir in Hongkong waren, beschlossen meine Mitreisenden Okwui Enwezor, Sarat Maharaj und ich, einen Spaziergang durch die engen Gassen der ehemaligen Enklave zu machen. Unsere Gastgeberin, die superreiche Annie Wong, folgte in wenigen Metern Entfernung mit ihrem riesigen Rolls Royce mit Chauffeur, wodurch es zu einem gewaltigen Stau kam. In derselben Nacht machten wir uns von Hongkong nach Shenzhen auf und tanzten in einer schäbigen Disko, die von der Armee der Volksrepublik betrieben wird. Diesmal fuhren Unmengen junger chinesischer Nutten in Kleinbussen an uns vorbei. Noch in derselben Woche verfolgten uns in Taipeh Dutzende von Kunststudenten auf Motorrädern und winkten wie verrückt, um auf ihre Mappen aufmerksam zu machen. Es regnete ununterbrochen. Es fühlte sich an, als ob man in einem dieser traurigen neuen asiatischen Filme gefangen sei. Auch über diese Episode schrieb ich etwas mit dem Titel Tseng Yu-Chin, das von Siggs CCAA (Chinese Contemporary Art Awards) herausgebracht wurde.
5) Was war Ihr unerfreulichstes Erlebnis in China?
Siehe Antwort vier. Ich denke, dass die meisten Dinge, ob gut oder schlecht, Hand in Hand gehen. So wie die meisten Chinesen, wie es im Daoismus gelehrt wird, viele Wege auf einmal beschreiten können oder müssen, ohne "zu urteilen oder zu wählen". Ich muss schon zugeben, dass mich einige "chinglische" Ausdrücke zum Lachen bringen, wie z.B. „wish you happy china too“. Ist es denn zum Lachen oder zum Weinen, wenn man ein überdimensioniertes, und dazu noch mit künstlich eingefärbten Fischen gefülltes grün-bläuliches Aquarium sieht, wie sie oft in chinesischen Lokalen zu finden sind? Ich für meine Person habe solche kleinlichen Unterscheidungen und Urteile überwunden, seit ich In Praise of Blandness von François Jullien gelesen habe.
6) Haben Sie eine chinesische Lieblingsspeise?
Eine morgendliche Hühnersuppe, kreiert und serviert von Ai Weiwei.
7) Was ist für Sie „typisch chinesisch“?
Dass es nichts zu großes oder zu kleines gibt.
8) Welche Kulturleistung aus China beeindruckt Sie am meisten?
Diese jahrhundertealten, unglaublich komplexen Holzkonstruktionen, die von Ai Weiwei verwendet und neu präsentiert wurden. Historische Vorbilder sind seit dem 22. Oktober 2009 im Architekturmuseum der Pinakothek der Moderne in München zu sehen.
9) Mit wem in China würden Sie gerne einen Tag tauschen?
Mit dem Filmemacher Wang Bing (王兵), der für seine stundenlange, faszinierende Filmdokumentation Tie Xi Qu: West of the Tracks bekannt ist.
10) Welche Gewohnheit oder Idee aus China würden Sie gerne in Deutschland übernehmen?
In China werden Gespräche oder Treffen oft mit der Frage “Haben Sie schon gegessen?” begonnen, statt „Hallo, wie geht es Ihnen“ zu sagen.
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November 2009
November 2009








