10 Fragen an...

In der Rubrik „Zehn Fragen an…“ erzählen bekannte Persönlichkeiten des deutschen und chinesischen Kulturlebens über ihre persönliche Verbindung zum jeweils anderen Land.

Angie Hiesl und Roland Kaiser

Angie Hiesl und Roland Kaiser © Angie Hiesl und Roland Kaiser
Angie Hiesl und Roland Kaiser © Angie Hiesl und Roland Kaiser
Angie Hiesl und Roland Kaiser © Angie Hiesl und Roland Kaiser

Angie Hiesl(安吉•海森), Regisseurin, Choreographin und Performance-Künstlerin und Roland Kaiser (罗兰德•凯瑟), Darstellender und Bildender Künstler, leben und arbeiten in Köln. Ihre interdisziplinären und interkulturellen Projekte, in denen sie sich mit verschiedenen Themen mittels Tanz, Theater, Performance, Klang und Installation auseinandersetzen, finden an öffentlichen, halböffentlichen oder privaten Orten statt. Die ortsbezogenen Arbeiten verwandeln Alltagsräume temporär in Kunsträume, sie laden Publikum und Passanten ein, einen neuen Blick auf vertraut Geglaubtes zu werfen.

Die immer wiederkehrenden Themen von Angie Hiesl und Roland Kaiser sind: Mensch, Körper und Raum – Tanz und Architektur – Alltag und Absurdität. Ihre künstlerischen Arbeitsansätze vermitteln die beiden in Workshops und Unterrichtsprojekten an Hochschulen, Akademien und Theater-/Tanzschulen sowie auf Tanzfestivals.

Im Rahmen des Crossing Festivals 2008 in Peking, das vom 24. September bis 12. Oktober stattfand, führten Hiesl und Kaiser das chinesisch-europäische Performance- und Installations-Projekt China-Hair-Connection Köln-Peking auf. Mitten im noch sehr dörflich geprägten Caochangdi-Viertel in Peking präsentierten sie das Projekt zur chinesischen und europäischen Alltagskultur mit speziellem Fokus auf das Thema „Haar“. Acht Akteurinnen und Akteure aus China und Europa tauchten „mit Haut und Haar“ in die Architektur vor Ort ein und verschmolzen performativ mit der Umgebung.

1) Womit haben Sie sich in der letzten Zeit beschäftigt?

Das Projekt „China-Hair-Connection Peking-Köln“ füllt uns momentan bis zum allerletzten Winkel aus. Die Uraufführung war im August 2008 in Köln, und seit drei Wochen haben wir nun die Aufführungen für den Abschluss des Crossing Festivals vorbereitet.

2) Wann und wie kamen Sie zum ersten Mal in Berührung mit China?

Wir sind 2005 zum ersten Mal nach China gekommen. Auf Einladung des Living Dance Studios hielten wir damals im Rahmen des Crossing Festivals hier in Peking einen Workshop und einen Vortrag. Das wurde von den Teilnehmern und Besuchern begeistert angenommen, so dass wir 2006 wieder kamen und auch auf dem Fringe-Festival in Shanghai einen Workshop hielten. Dort erarbeiteten wir ein Work-in-Progress-Projekt, dessen Aufführung wir als Test für das jetzige „China-Hair-Connection“-Projektes sahen, ob ortsspezifisches Arbeiten hier in China möglich ist. Im Herbst 2007 waren wir dann in Peking, um erste Recherchen für das Hair-Projekt anzustellen und im Frühjahr dieses Jahres konkretisierten wir diese Ideen weiter.

3) In welcher Weise hat die Begegnung mit China Ihr Schaffen oder Ihr Leben beeinflusst?

Die Orientierung nach China war für uns völlig neu. Inhaltlich hat es unsere Arbeit natürlich geprägt, weil wir das Hair-Projekt ohne länderübergreifende Zusammenarbeit nicht mit interkulturellem Bezug verwirklichen hätten können. Wir haben uns zwar in Köln schon mit dem Thema „Haare“ beschäftigt, aber erst durch die Begegnung mit einigen Facetten und Aspekten der chinesischen Kultur haben wir verstärkt den Blick auf die Verbindung „Haar und Alltagskultur“ gerichtet.

In Deutschland hat man sich in den vergangenen Monaten und auch Jahren ja hauptsächlich aus wirtschaftlicher Perspektive oder wegen der Olympischen Spiele mit China beschäftigt. Neben diesem begrenzten, da medialen Zugang in direkten Kontakt mit Menschen in Peking und Shanghai zu treten und wirklich hineinzutauchen in die chinesische Alltagskultur, hilft sehr, diese Perspektive zu differenzieren.

4) Was war Ihr schönstes Erlebnis in China?

Wir haben ein unheimliches Interesse entgegen gebracht bekommen. Es war für uns verblüffend, diese Neugierde an unserer Arbeit zu erleben. Gleichzeitig haben beide Seiten, sowohl das chinesische Publikum als auch die jungen KünstlerInnen und TänzerInnen die Experimentierfreude unserer Arbeit angenommen, haben sehr viele Fragen gestellt und wollten mitbekommen, was wir machen und wie. In Deutschland erfahren wir öfter eine Art Übersättigung: Alle haben alles schon gesehen. Das ist hier ganz anders, hier spüren wir noch eine ausgeprägte Wissenslust.

5) Was war Ihr unerfreulichstes Erlebnis in China?

Gewisse Gewohnheiten, speziell das viel Spucken auf der Straße, verunsichern uns, weil man nicht genau weiß, ob es einen trifft... Auch der Umgang mit Tieren ist teilweise schockierend; wenn man Heuschrecken, Seepferdchen oder Skorpione bei lebendigem Leibe aufspießt und frittiert, kann das für einen Europäer sehr abschreckend sein.

6) Haben Sie eine chinesische Lieblingsspeise?

Generell sind der Reichtum und die Vielfalt der chinesischen Küche beeindruckend. Wir haben diverse Küchen kennen gelernt und wissen gar nicht mehr, wie alles heißt. Allerdings ist es für Vegetarier sehr schwierig, sofern man sich sprachlich nicht eindeutig verständigen kann. Grundsätzlich ist es toll, dass auf' Essen so viel Wert gelegt wird.

7) Was ist für Sie „typisch chinesisch“?

Wir haben eine gewisse Haltung als typisch chinesisch empfunden, die sich stark von unserer brüsken deutschen Direktheit unterscheidet. Gerade hier im künstlerischen Arbeitsprozess kommen wir manchmal in Situationen, in denen wir an den Reaktionen und Körperhaltungen der betreffenden Person merken, dass wir mit unseren Verbesserungen und Anweisungen jetzt vielleicht etwas zu weit gegangen sind, etwas zu direkt waren. Mit bestimmten Umständen wird hier anders umgegangen, Dinge werden nicht direkt angesprochen, Kritik nicht offen geübt, Personen nicht klar zurechtgewiesen.

8) Welche Kulturleistung aus China beeindruckt Sie am meisten?

Die Arbeit mit dem Körper und das Training des Körpers im Alltag sind faszinierend. Gerade weil wir selbst soviel mit dem Körper arbeiten, fällt uns die chinesische Einstellung zum Körper, vor allem bei den älteren Menschen, positiv auf. Tanzen und Tai Chi, die Übung des Körper bis ins hohe Alter, das finden wir toll. Leider verschwindet das bei den Jüngeren immer mehr.

9) Mit wem in China würden Sie gerne einen Tag tauschen?

Nicht gerade tauschen, vielmehr möchte ich der uigurischen Menschenrechtlerin Rebiya Kadeer begegnen oder einen Einblick in ihre Heimat bekommen.

10) Welche Gewohnheit oder Idee aus China würden Sie gerne in Deutschland übernehmen?

Ganz schön wäre, wenn hier noch lange beibehalten wird, dass man egal wann und wo mit dem Schlafanzug durch die Straßen laufen kann. In Deutschland wird das leider kaum einführbar sein.
Copyright: Deutsch-Chinesisches Kulturnetz
November 2008
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