Cao Weidong (曹卫东)


Cao Weidong © Cao Weidong
Cao Weidong, geboren 1968 in der Provinz Jiangsu, studierte Deutsch am Institut für westliche Sprachen der Peking-Universität, 1998 erwarb er an der Chinesischen Akademie für Sozialwissenschaften (CASS) den Doktortitel. Von Anfang 1999 bis Oktober 2000 hielt er sich zu Forschungszwecken in Frankfurt auf Derzeit ist er Vizedekan und Professor an der School of Chinese Language and Literature der Beijing Normal University. Bekannt wurde Cao Weidong durch seine Forschungen zur Frankfurter Schule, insbesondere zum Werk von Jürgen Habermas. Am 18. September 2008 wurde Cao Weidong der „DekaBank-Preis des Literaturhauses Frankfurt für die Förderung der deutschen Literatur im Ausland“ verliehen. Damit erhielt zum ersten Mal ein Chinese diese hohe Auszeichnung. In der Begründung der Jury heißt es: „Der Philosoph, Soziologe und Literaturwissenschaftler Cao Weidong hat in dem vergangenen Jahrzehnt eine einzigartige Vermittlertätigkeit in Beijing ausgeübt. Er hat die Werke von Adorno, Horkheimer, Habermas und Honneth in China bekannt gemacht. Dies ist ihm in einem einzigartigen Zusammenspiel als Hochschullehrer, Übersetzer und Koordinator mit den chinesischen Verlagen gelungen. Die Auszeichnung von Cao Weidong soll den Diskurs zwischen China und Deutschland, gerade zum jetzigen Zeitpunkt, beflügeln.“
1) Womit haben Sie sich in der letzten Zeit beschäftigt?
Ich habe mich in der letzten Zeit mit zwei Dingen beschäftigt, die ich persönlich als meine beiden wichtigsten Aufgaben als Hochschullehrer ansehe – zum einen meine wissenschaftlichen Forschungsvorhaben: Eine mehrbändige Ausgabe der „Gesammelten Werke von Habermas“. Die erste Hälfte ist bereits erschienen. Ich möchte diese Ausgabe fertig stellen und dann eine „Deutsche Geistesgeschichte“ in drei Bänden schreiben. Zum anderen möchte ich einige hervorragende Studenten ausbilden. Ich bin Hochschullehrer – die Ausbildung von Studenten ist für mich eine sehr wichtige Aufgabe und es liegt mir daher sehr am Herzen, in Bereichen wie deutsche Kulturwissenschaft und chinesisch-deutscher Kulturaustausch sowie in der Forschung zu den Entwicklungstheorien der gegenwärtigen Gesellschaft gute Studenten heranbilden zu können. Deshalb arbeite ich seit kurzem mit einigen Stiftungen, akademischen Forschungseinrichtungen und Universitäten in Deutschland zusammen, um eine Plattform für Zusammenarbeit zu schaffen. Die bei uns vorhandenen Plattformen für Zusammenarbeit mit dem Ausland legen den Schwerpunkt zum großen Teil auf die wissenschaftliche Forschung und weniger auf die Ausbildung von Studenten. Ich möchte sowohl den Mangel an solchen Plattformen ausgleichen als auch die Gelegenheit ergreifen, einige gute Studenten auszubilden und hoffe also, mit einem Streich zwei Ziele erreichen zu können.
2) Wann und wie kamen Sie zum ersten Mal in Berührung mit Deutschland?
Als ich 1985 an der Fakultät für westliche Sprachen und Literatur der Peking-Universität Deutsch zu studieren begann. Gleich in der ersten Unterrichtsstunde hatten wir einen deutschen Lehrer. Durch ihn lernten wir ein ganz konkretes Deutschland kennen und hatten auch zum ersten Mal Kontakt zu einem echten Deutschen.
3) In welcher Weise hat die Begegnung mit Deutschland Ihr Schaffen oder Ihr Leben beeinflusst?
Man kann nicht sagen, dass die Begegnung mit Deutschland meine Arbeit „beeinflusst“ hat, denn sie ist ja ein Teil meiner Arbeit. Wenn man es unter dem Aspekt der rein akademischen Forschung betrachtet, dann macht die Begegnung mit Deutschland sogar den Hauptanteil an meiner Arbeit aus. Weil meine Forschungsschwerpunkte im modernen Geistesleben und in der modernen Kultur Deutschlands liegen, und dort insbesondere in den deutschen philosophischen Theorien der Gegenwart, wie zum Beispiel den Theorien der Frankfurter Schule, ist es absolut erforderlich, dass ich zu Deutschland eine Beziehung guter Zusammenarbeit unterhalte und einen regelmäßigen Austausch pflege.
Mein Leben verändernde Einflüsse scheint es nicht sehr viele gegeben zu haben, weil ich einen rein chinesischen Lebensstil führe. Ich bin nicht besonders eingedeutscht, schließlich war mein Aufenthalt in Deutschland nicht lang, es waren zwei Jahre für das Studium. Danach war ich natürlich oft in Deutschland, aber immer nur kurz. Deshalb denke ich, dass dies für mein Leben keine sehr große Herausforderung darstellt.
4) Was war Ihr schönstes Erlebnis in Deutschland?
Es gab sehr viele schöne Erlebnisse. Ich denke, zwei Erlebnisse aus meiner Studienzeit in Deutschland bleiben mir als die schönsten in Erinnerung: Das eine war, bei einigen namhaften Professoren der deutschen Gegenwart, darunter einigen berühmten Denkern studieren zu können, ihre Vorlesungen zu besuchen, mit ihnen während des Unterrichts in Kontakt zu stehen, die Gelegenheit zu haben, sie zu konsultieren und sich mit ihnen auszutauschen – all das hatte auf mich einen sehr großen Einfluss. Wenn ich daran zurückdenke, habe ich noch heute den Eindruck, sehr viel davon profitiert zu haben. Das andere Erlebnis war, damals in einem vergleichsweise ruhigen Umfeld studiert zu haben, bei dem es wenig andere Verpflichtungen gab, so dass ich jeden Tag genügend Zeit zum Lesen und Nachdenken hatte. Jeden Tag nach dem Essen ging ich auf dem Sportplatz am Studentenwohnheim der Frankfurter Universität spazieren. Viele der Aufsätze, die ich damals geschrieben habe, wurden während dieser Spaziergänge entworfen. Heute scheint es fast unmöglich, noch einmal in den Genuss solcher Muße und Ruhe zu kommen.
5) Was war Ihr unerfreulichstes Erlebnis in Deutschland?
Wahrscheinlich wohl das Essen. In Wirklichkeit war das für mich auch kein sehr großes Problem, aber möglicherweise war ich da auch von den Vorstellungen der Allgemeinheit, wonach es in Deutschland mit dem Essen sehr schwierig ist, beeinflusst. Nachdem meine Familie in Deutschland eingetroffen war, hatte sich dieses Problem aber sowieso erledigt. (Lacht)
6) Haben Sie eine deutsche Lieblingsspeise?
Ich esse gern Kartoffelbrei mit Würstchen. Mir schmecken Würstchen jeder Art.
7) Was ist für Sie „typisch deutsch“?
Die deutsche Sprache ist für mich typisch Deutsch.
8) Welche Kulturleistung aus Deutschland beeindruckt Sie am meisten?
Mein Forschungsgegenstand sind die Theorien, deshalb interessieren mich momentan an Deutschland noch immer seine sozialen und politischen Theorien, besonders die Theorien mit neomarxistischer Färbung, wie die Theorien der Frankfurter Schule, die ja zur Zeit mein Forschungsschwerpunkt sind. Überdies sind Entstehung und Entwicklung des modernen Denkens in Deutschland ein weiterer Schwerpunkt meiner Forschungen, dabei im wesentlichen die folgenden zwei Aspekte: Zum einen der historische Entwicklungsverlauf des deutschen Konservatismus, weil der deutsche Konservatismus auf die moderne Gesellschaft und Politik in Deutschland einen tiefgreifenden Einfluss ausgeübt hat. Zum anderen die „Tragödie“ des deutschen Liberalismus – der Liberalismus ist in Deutschland nie zu einer Hauptströmung des Denkens geworden.
9) Mit wem in Deutschland würden sie gerne einen Tag tauschen?
Das ist eine sehr schwer zu beantwortende Frage. Ich glaube, man lebt sein ganz eigenes Leben. Den Lebensstil anderer anzunehmen – das ist in letzter Zeit bei jungen Leuten in Mode gekommen, wenn beispielsweise zwei Familien sich gegenseitig ihre Wohnungen ausstatten. Für mich ist das nicht akzeptabel, seine eigene Wohnung soll man selbst ausstatten, und sein eigenes Leben soll man natürlich umso mehr selbst leben. Deshalb meine ich, dass bei mir der Gedanke, mit jemandem zu tauschen, nicht aufkommen wird.
10) Welche Gewohnheit oder Idee aus Deutschland würden Sie gerne in China übernehmen?
Eine Frage, die mich zur Zeit viel mehr beschäftigt: Wir dürfen nicht bloß deutsche Kultur nach China bringen, sondern sollten uns aktiv darum bemühen, dass chinesische Kultur nach Deutschland dringt, sollten viele Ideen aus China nach Deutschland bringen, denn meiner Meinung nach sollte ein Kulturaustausch in beiden Richtungen vonstatten gehen. Auf dieser Welt gibt es keinen Kulturaustausch, der nur in eine Richtung geht. Modernisierung ist im Grunde genommen ein Prozess, bei dem die eigene Kultur mit anderen Kulturen verschmilzt. Wird von einem solchen Prozess abgewichen, ist es keinem Land und keiner Nation möglich, eine Modernisierung zustande zu bringen. Ich habe immer schon den Eindruck gehabt, dass unsere Kenntnisse über den Westen weit größer sind als die des Westens über uns, was in gewissem Sinne unfair ist. Von daher gesehen haben wir bei der Förderung des Kulturaustausches zwischen China und dem Ausland noch sehr viel Arbeit zu leisten und einen sehr weiten Weg zurückzulegen.
Übersetzung: Annalena Scholl / Ute Gebina Gareis
Copyright: Deutsch-Chinesisches Kulturnetz
November 2008Cao Weidong © Cao Weidong
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November 2008Cao Weidong © Cao Weidong








