10 Fragen an...

Golo Berg

Golo Berg Shanghai 2006 Copyright: Golo BergGolo Berg Shanghai 2006 Copyright: Golo BergGolo Berg, geboren 1968 in Weimar, ist seit 2000 Generalmusikdirektor am Opernhaus Dessau. Im Mozartjahr 2006 war er auf Einladung des Goethe Instituts eine Woche in Shanghai und dirigierte dort mit dem Shanghai Symphony Orchestra einen Mozartabend. 2008 kam er zum zweiten Mal nach China, wo er im Rahmen der Veranstaltung „Deutschland und China gemeinsam in Bewegung" mit dem sehr jungen Chongqing Symphony Orchestra mehrere Konzerte aufführte. Golo Berg beantwortete die „10 Fragen an..." im Mai 2008 nach einer Probe in Chongqing.

1. Womit haben Sie sich in der letzten Zeit beschäftigt?

In den letzten Monaten habe ich mich intensiv mit dem Parsifal von Richard Wagner beschäftigt. Das war meine Premiere, bevor ich nach China kam. Sich mit Parsifal zu beschäftigen, heißt, sich auch mit vielen anderen Fragen, wie zu Religion und zur philosophischen Entwicklung der letzten 150 Jahre, auseinanderzusetzen.

Die Reise nach China, die die letzen Tage bestimmt hat, hat natürlich ganz andere Fragestellungen mit sich gebracht. Die Unterschiede bei der Arbeit mit europäischen und chinesischen Orchestern sind immens. Ich merke doch immer wieder, dass die europäische, klassische Musik für chinesische Musiker etwas weitgehend Abstraktes ist. Man nähert sich der Musik erst einmal über die technische Seite und versucht, die Musik von ihren technischen Abläufen her zu verstehen. Aber es ist eben nicht möglich, einen Rhythmus richtig zu spielen oder einen Akkord richtig zu intonieren, wenn man den Sinn hinter der Musik nicht versteht.

Ich habe hier in China immer versucht, den Musikern Hilfestellungen aus ihrem täglichen Erleben zu geben, damit sie verstehen, wie eine klassische Symphonie - wie zum Beispiel Beethovens Fünfte - abläuft, auf welche Weise sie mit Leben erfüllt wird. ist. Da kann als Vergleich auch ein BMW-Motor oder ein Fußballspiel dienen. Das Wichtige ist, für die Musiker Assoziationen entstehen zu lassen, die ihnen den Zugang zur Musik ermöglichen.

2. Wann und wie kamen Sie zum ersten Mal in Berührung mit China?

Eine wirklich ernst zu nennende Berührung mit China war meine Reise nach Shanghai vor 2 Jahren. Im Mozartjahr wurde ich gebeten, ein Konzert mit einem reinen Mozartprogramm zu dirigieren. Das war der erste Kontakt, der für mich bestimmend und horizonterweiternd war.

3. In welcher Weise hat die Begegnung mit China Ihr Schaffen oder Ihr Leben beeinflusst?

Ich könnte nicht sagen, dass sie mein Leben grundsätzlich beeinflusst hat, aber jede Erfahrung mit einer so gänzlich anderen Kultur bedeutet eine enorme Horizonterweiterung und fließt in mannigfaltiger Weise auch in die künstlerische Arbeit ein. Die spezielle Herausforderung, die die Arbeit mit einem chinesischen Orchester darstellt, ist auch für die Arbeit mit deutschen Orchestern hilfreich.

4. Was war Ihr schönstes Erlebnis in China?

Mein schönstes Erlebnis hatte ich gestern in der Lobby meines Hotels. Ich sah einen kleinen Jungen mit seiner Mutter in der Lobby sitzen, der Junge war zwei, höchstens drei Jahre alt. Die Mutter übte mit dem Kind Geigespielen. Es war für mich ein wunderschöner Anblick, ein so kleines Kind zu sehen, das mit Freude ein europäisches Instrument übt. Das war sozusagen ein symbolischer Moment. Ich hatte das Gefühl, dass es hier eine Zukunft für klassische Musik gibt, während gleichzeitig die Bedingungen für klassische Musik in Deutschland immer schlechter werden.

5. Was war Ihr unerfreulichstes Erlebnis in China?

Ich hatte kein unerfreuliches Erlebnis, ich fühle mich in China sehr offen und positiv aufgenommen.

6. Haben Sie eine chinesische Lieblingsspeise?

(Lacht) Also ich muss gestehen, ich habe keine chinesische Lieblingsspeise, bei allem Respekt für China und seine Kultur, werde ich mich mit der Küche wohl nicht anfreunden.

7. Was ist für Sie „typisch Chinesisch"?

Typisch Chinesisch scheint mir der Sinn fürs Praktische zu sein.

8. Welche Kulturleistung aus China beeindruckt Sie am meisten?

Über das aktuelle Kulturleben weiß ich möglicherweise nicht genug, mich beeindrucken die historischen Kulturleistungen am meisten, zum Beispiel alle Erfindungen, an denen wir später auch teil gehabt haben.

9. Mit wem in China würden Sie gerne einen Tag tauschen?

Da muss ich lange nachdenken... Nach diesen zwei Wochen – die eine jetzt und die eine Woche in Shanghai – habe ich noch niemanden getroffen. Ich bin mit meinem Leben ganz zufrieden.

10. Welche Gewohnheit oder Idee aus China würden Sie gerne in Deutschland übernehmen?

Ja, ich glaube beobachten zu können, dass es in China eine gewisse grundsätzliche Demut der Kultur gegenüber gibt. Man begreift Kultur als etwas Nicht-alltägliches, uns in Europa ist der Sinn für das Extraordinäre der Kultur etwas verloren gegangen.
Copyright: Deutsch-Chinesisches Kulturnetz
Juni 2008

    Literarische Brückenbauer

    Die Robert Bosch Stiftung und das Literarische Colloquium Berlin (LCB) laden vom 8. bis 15. März 2009 zur Internationalen Übersetzerwerkstatt nach Berlin und Leipzig ein. Bewerbungsschluss ist der 30. November 2008.

    Medienbotschafter - Blog

    Die "Medien- botschafter" Zheng Lu und Pan Zhi berichten aus Hamburg