Kulturaustausch Querbeet

Der chinesische Komplex: Wenn alle über die schmale Brücke zum Erfolg wollen

© Lao Du
© Lao Du
© Lao Du

Der folgende Kommentar erschien am 2. Juni 2010 in Southern Weekend.

Im Leben geht es im Grunde genommen um die Suche nach dem Glück. Dabei ist Glück für viele nicht nur ein subjektives Gefühl, sondern auch davon abhängig, ob man selbst als erfolgreich angesehen wird. Genau hier wird es problematisch: Dem Menschen ist es als sozialem Wesen und Angehörigem einer Kultur nicht möglich, sich nach seinen eigenen Maßstäben glücklich zu fühlen. Der hohe Beamte ist so selbstzufrieden, weil die Gesellschaft ihm Honig um den Bart schmiert, und der reiche Geschäftsmann fühlt sich beliebt, wenn er mit neidischen Blicken bedacht wird; die TV-Moderatoren wiederum fühlen sich happy, weil die Öffentlichkeit ihnen zu Füßen liegt, und die Models stolzieren angesichts der Tatsache, dass sie allgemein heiß verehrt werden, wie stolze Pfauen einher.

Chinesen ist es äußerst wichtig, was andere über sie denken, und so richten sich allzu viele von ihnen auf der Suche nach ihrem Glück nach gesellschaftlich anerkannten Normen. Der Grund für General Xiang Yus (项羽, 232-202 v. Chr.) Scheitern war, dass er meinte, er könne nur dann glücklich sein, wenn er seinen Erfolg in seiner Heimat Chu verbreitete. „Wenn ich mit Reichtum und Ruhm nicht in die Heimat zurückkehre, dann ist es doch, als würde ich mit prächtigem Gewand in der Dunkelheit wandeln.“ Es würde doch niemand sehen können!“ Auch heute noch empfindet es der Großteil der Chinesen als den Gipfel der Zufriedenheit, wenn die Familie zu Ruhm und Ehre aufsteigt, denn erst dann ist ihr Glück für alle Augen sichtbar.

Das über tausendjährige kaiserliche Prüfungssystem Chinas wurde im Europa der Aufklärung allseits gerühmt. Was man für den Wegbereiter für eine „Politik der Fähigen“ hielt, sollte der ganzen Welt zum Vorbild dienen. Die Chancengleichheit entlockte den westlichen Menschen erst recht Seufzer der Bewunderung, hatte hier doch jeder Mensch - ganz nach dem Motto „morgens noch ein Bauernsohn, abends im Kaiserpalast schon“ - die Möglichkeit, sich zu Höherem aufzuschwingen. Doch die Frage, wie viele Menschen eigentlich in einer Gesellschaft glücklich werden können, welche die kaiserlichen Prüfungen als einzige Messlatte des Erfolgs ansieht, wurde nicht gestellt. Schließlich wurden in ganz China jährlich nur ein gutes Dutzend Talente auserlesen. Gibt es nur einen einheitlichen Erfolgsmaßstab, bleiben die meisten Menschen frustriert auf der Strecke und der Weg wird für die Gesellschaft als Ganzes erbärmlich eng. Heute führen viele ins Feld, dass das imperiale Prüfungssystem vielleicht in den Inhalten überholt, aber rein formal doch gar nicht so schlecht gewesen sei. Dabei liegt der Fehler eben gerade in der Form und zwar in der Uniformität des Chancenmonopols.

Nach dem Niedergang der Beamtenprüfungen am Ende der Qing-Dynastie und zu Beginn der Republikzeit ging in China einerseits der Trend zum Auslandsstudium, andererseits kam es zu einer Welle von Schulgründungen. Seltsamerweise vertauschten zu jener Zeit besonders viele die Feder mit dem Gewehr, um eine Militärlaufbahn einzuschlagen. In der kaiserlich-japanischen Heeresakademie, beim Truppen-Training in Xiaozhan bei Tianjin, in der Militärakademie in Baoding, den Militärschulen der verschiedenen Provinzen und Kadettengruppen der einzelnen Armeen wurden etliche „soldatische Talente“ ausgebildet. Diese Menschen zog es schon in jungen Jahren zum Militär, und gewiss waren es allesamt ausgezeichnete junge Leute, die sich mit großer Leidenschaft darauf vorbereiteten, den Großmächten entgegenzutreten und ihr Leben für das Vaterland zu lassen. So gingen in nur neun Jahren durch die Militärakademie von Baoding beinahe 500 Militärs, welche später in den Generalsrang erhoben wurden. Dies hatte zur Folge, dass sich die kriegerischen Auseinandersetzungen unter den chinesischen Warlords später wie ein militärischer Wettkampf unter Klassenkameraden ausnahm. Dass sich der Bürgerkrieg in China über lange Jahre hinzog, hatte viele Gründe. Wenn aber derart viele „Soldatentalente“ ihr Können unter Beweis stellen und ihrem Namen Ehre machen wollen, ist es umso schwerer, nicht loszuschlagen.

Wer hätte gedacht, dass es heute, ein Jahrhundert später, wieder „neue Beamtenprüfungen“ geben würde. Die Zeitungen bringen in einem fort Berichte über die neuesten Quoten-Rekorde von Bewerbern und Auserwählten. Im Büro der Provinzregierung von Anhui betrug diese Quote 400:1. Für die Industrie- und Handelsorganisation der Stadt Hefei wurde nur ein Mitarbeiter gesucht, doch es bewarben sich 470. Es heißt, dass ein „Nachhilfeexperte für die Beamtenprüfung“ einen Stundensatz von 2000 Renminbi nimmt. Ich bin überzeugt, dass es sich bei denjenigen, die hier zur Leistungsshow antreten, durchweg um außergewöhnliche Begabungen handelt. Es ist jedoch erschütternd, die Masse junger Menschen zu sehen, die immer weiter und unter Einsatz ihrer Ellbogen auf die schmale Brücke zum Erfolg drängt, wohl wissend, dass die Mehrheit von ihnen hinuntergeschubst und fortgespült wird.

Dafür ist die Beamtenprüfung nicht das einzige Beispiel. Wie viele Studierende drängen seit zwanzig Jahren in die wirtschaftlichen Fakultäten und Fachrichtungen. Doch obgleich hier das Personal geformt wird, das der Staat eigentlich am dringendsten benötigt, haben die Absolventen die größten Probleme, in Lohn und Brot zu kommen. Das erinnert mich an den Anfang der 1980er Jahre, als ich an der kalifornischen Universität Berkeley in Komparatistik promovierte. In der gesamten Fakultät war ich der einzige Chinese. In der Fakultät für Civil Engineering indessen war der Hörsaal im ersten Semester so voll von schwarzen Schöpfen mit dunklen Augenpaaren, dass die Professoren bei der Hochschulleitung Protest anmeldeten. Doch diese war ebenfalls ratlos, wie man auf diese Schieflage reagieren könnte. Die Chinesen erreichten eben hohe Punktzahlen und demgemäß war auch der Anteil der Studenten aus China, welche die Prüfungen für eine Top-Universität bestanden hatten, groß. Doch ist das ein Grund, sich wie ein Schwarm von Bienen auf die Fakultäten und Fächer zu stürzen, die eine „eiserne Reisschüssel“ versprechen?

Anscheinend liegt es im kulturellen Gen der Chinesen, die schmale Brücke zum Erfolg anzupeilen und sich wie auf Kommando gemeinsam auf sie zu stürzen: Zu groß ist der Respekt vor den Glücksnormen, die uns von außen aufgedrängt werden.

Auf der anderen Seite sind chinesische Studenten, welche Orchideenfächer studieren, so selten wie Phönixfedern und Einhornhörner. Während meines Studiums in den USA begegnete ich Professor Wang Lingzhi (王灵智), der sich mit der Keilschrift des alten Mesopotamien beschäftigte. Ich habe nie wieder einen Chinesen getroffen, der diese tote Schrift einer uns fremden Kultur studiert hätte. Zwar kann ich nicht beurteilen, ob dieses Fach ein beruflicher Erfolgsgarant ist, doch eines kann ich versichern: Das Glück, das er aus diesem Studium schöpft, ist nicht von anderen abhängig, und China und der Welt bringt seine Wahl den größeren Nutzen. Seitdem habe ich den größten Respekt vor jungen Leuten, die sich antiken Schriftformen, toten Sprachen oder anderen „unnützen“ Fächern widmen: Der jahrtausende alte Komplex der Chinesen, dass nur eine schmale Brücke zum Erfolg führt, wird durch sie hoffentlich überwunden, das Glück liegt in ihnen selbst.
Text: Zhao Yiheng (赵毅衡)
Institut für Literatur und Journalismus der Universität Sichuan
Juli 2010
Links zum Thema

Städte-Puzzle

Online-Puzzle zu 10 deutschen Städten

Zeichensalat?

Chinesische Namen werden in der deutschen Sprachversion dieser Webseite auch in chinesischen Zeichen wiedergegeben. Wenn Sie in ihrem Browser keinen chinesischen Zeichensatz installiert haben, werden statt chinesischer Zeichen Kästchen, Fragezeichen oder andere Symbole angezeigt