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Kindergartenmorde – Symptom einer kranken Gesellschaft?

Ein Polizist bewacht den Eingang einer Grundschule © www.icpress.cn
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Vom 23. März bis zum 12. Mai 2010, also innerhalb weniger Wochen, ereigneten sich in China sechs Fälle von Mordattentaten in Kindergärten und Grundschulen. In Nanping (Provinz Fujian), Hepu (Guangxi) und Hanzhong (Shaanxi) führten die Attentate zu mehreren Todesopfern und vielen Verletzten. In Leizhou (Guangdong), Taixing (Jiangsu) und Weifang (Shandong) wurden ebenfalls viele Menschen verletzt. Dass die Täter ausgerechnet gegen Grundschüler und Kindergartenkinder vorgingen, ist dabei besonders unmenschlich. Die Nachrichten von diesen Verbrechen erschütterten die ganze Nation.

Da es sich offenbar um einen Domino-Effekt handelte, entstand eine allgemeine Panik. Regierungsstellen auf zentraler und lokaler Ebene ergriffen sofort strenge Maßnahmen, um die Sicherheit der Kindergärten und Grundschulen zu gewährleisten. Die Vorfälle bewirkten ein Aufschrecken in allen Bereichen der Gesellschaft und besonders bei den Intellektuellen. Sie bewirkten außerdem, dass der psychischen Gesundheit der Menschen im heutigen China verstärkte Aufmerksamkeit gewidmet wird, ebenso wie der extremen Verzweiflung und Grausamkeit der von der Gesellschaft frustrierten Menschen.

In zwei der oben erwähnten sechs Fälle, in Hepu und in Leizhou, wurden bei den Tätern relativ eindeutige psychische Erkrankungen festgestellt. Die Täter in den anderen vier Fällen gelten nicht als psychisch Kranke, ihre Motive können im weitesten Sinne unter „Frustrationen“ zusammengefasst werden, wie zum Beispiel elende Lebensumstände, gescheiterte Ehen und Liebesbeziehungen, Probleme im Arbeitsleben und Auseinandersetzungen und Streitigkeiten mit anderen. Deshalb wird allgemein angenommen, dass diese Verbrechen nicht nur die psychischen Probleme der einzelnen Täter widerspiegeln, sondern eine „psychische Erkrankung der Gesellschaft“ in Zeiten des Umbruchs. Es sind offenbar hauptsächlich soziale und nicht individuelle Faktoren, welche die psychischen Störungen verursacht und beschleunigt haben. In den letzten Jahren sind in großem Ausmaß viele gesellschaftliche Probleme aufgetreten, wie die Kluft zwischen Arm und Reich, Korruption, eine ungerechte Justiz, Enteignungen und Umsiedlungen, Arbeitskonflikte, Umweltverschmutzung etc. Diese Probleme haben für breite Bevölkerungsschichten und vor allem für die frustrierten Menschen unter ihnen einen großen und geradezu unerträglichen psychischen Druck zur Folge, der stetig weiter wächst und gärt, ohne dass eine Möglichkeit bestünde, Dampf abzulassen. Einige der Frustrierten suchten sich nun die Schwächsten aus, kleine Kinder, die sich am wenigsten wehren können, um sich zu rächen, um ihren Hass auf die Gesellschaft abzureagieren und sogar mit ihren Opfern „gemeinsam zu Grunde zu gehen“.

In ähnlichen Fällen hatten die offiziellen Stellen in der Vergangenheit stets betont, dass es sich um geisteskranke Täter handele - so eine psychische Krankheit nachgewiesen werden konnte. Wenn dies nicht der Fall war, wurden konkrete individuelle Ursachen herausgestellt und die sozialen Hintergründe sowie die Verantwortung der Regierung vehement verharmlost. Jetzt scheint sich jedoch etwas zu ändern. Nach dem sechsten Fall äußerte Premierminister Wen Jiabao (温家宝) in einer Pressekonferenz im Mai 2010, man werde nicht nur starke Sicherheitsmaßnahmen ergreifen, sondern sich auch darauf konzentrieren, die tieferen Ursachen für diese Probleme zu finden, um sie dadurch lösen zu können – und dabei auch die sozialen Widersprüche und Konflikte berücksichtigen. Außerdem solle die vermittelnde Funktion von Organisationen an der Basis gestärkt werden. Meng Jianzhu (孟建柱), der Minister für Öffentliche Sicherheit, hob ebenfalls hervor, wie wichtig es sei, diese Arbeit zu intensivieren, Konflikte und Widersprüche aufzudecken und zu lösen, in Not geratenen Bevölkerungsgruppen zu helfen, begründeten Beschwerden nachzugehen sowie gesellschaftlichen Widersprüchen vorzubeugen und diesen von Anfang an entgegenzuwirken.. Die Aussagen von Wen Jiabao, Meng Jianzhu und anderen hochrangigen Persönlichkeiten zeigen, dass die Regierung allmählich die „psychische Erkrankung der Gesellschaft“ als tiefere Ursache der Kindergartenmorde erkannt hat und dass sie begreift, dass man in der Gesellschaft ansetzen muss, um sozialen Gegensätzen von Anfang an vorzubeugen und diese zu reduzieren – und dass man nur so mit größter Wahrscheinlichkeit verhindern kann, dass solche Verbrechen erneut geschehen.

Im Verlauf der Entwicklung von der Planwirtschaft zur Marktwirtschaft und von einer traditionellen zur modernen Gesellschaft ist es in China infolge einer langfristigen Blockade politischer Reformen vor allem hinsichtlich der sozialen Absicherung zu einem gravierenden Rückstand beim Aufbau der Gesellschaft gekommen. Deshalb sind die politischen Strukturen und die Verwaltung der Gesellschaft in China auf dem Niveau einer Diktatur bzw. einer Autokratie stehengeblieben, weit entfernt von Rechtsstaat und Demokratie. Weil die öffentlichen Machtorgane und die Befugnisse ihrer Beamten nicht überwacht werden, werden die Rechte der einfachen Leute leicht missachtet – und sie können in solchen Fällen auch kaum auf den Beistand und Schutz des Gesetzes rechnen. Da die Medienberichterstattung und Diskussionen im Internet streng kontrolliert und eingeschränkt werden, ist es den Bürgern kaum möglich, ihre Nöte durch diese Kanäle kund zu tun. Gleichzeitig können sie aufgrund der gesetzlichen Beschränkungen und der starken Kontrolle der Exekutivorgane ihre Beschwerden auch nicht durch Demonstrationen, Streiks, öffentliche Proteste oder auf andere Weise zum Ausdruck bringen und daher ihre aufgestauten Emotionen nicht abreagieren. In einem derartigen politischen System mit einer solchen Verwaltungsstruktur ist die chinesische Gesellschaft zu einer schwer bewachten „umzingelten Festung“ geworden, in der die Menschen, deren Rechte willkürlich verletzt wurden und die vielfach Frustrationen erlebten, jene stummen, verbissenen und unterdrückten Personen, früher oder später von der „sozialen Geisteskrankheit“ infiziert wurden. Mit aufgerissenen Augen suchten sie in der Finsternis der Nacht in dieser „umzingelten Festung“ nach einer Lücke, um auszubrechen und sich abzureagieren, und fanden den schwächsten Punkt, um zuzuschlagen – eben bei den Grundschulen und Kindergärten....

Beunruhigend ist, dass nach den Kindergartenmorden viele Menschen nicht nur voller Hass auf die Täter schimpften, sondern zugleich unwillkürlich ihren Zorn gegen die Regierung wandten. Manche schrieben SMS-Nachrichten wie diese: „Unrecht hat eine Adresse, schuld ist die Regierung, auf der Straße gleich nach links!“, will heißen, wer seinen Hass abreagieren und sich an der Gesellschaft rächen will, sollte nicht unschuldige Kinder verletzen, sondern die wahren „Schuldigen“ suchen – von der Schule oder aus dem Kindergarten „auf der Straße gleich nach links“ zum nächsten Verwaltungshochhaus der Regierung, um dort abzurechnen. Wenn solche Reaktionen sich häufen, bedeutet das, dass die Kindergartenmorde nicht nur die Kluft zwischen den Frustrierten und der von ihnen geschädigten Allgemeinheit verschärfen, sondern auch die zwischen den Frustrierten und der Regierung sowie zwischen der Allgemeinheit und der Regierung. Wenn sich die antagonistischen Gefühle zwischen der Allgemeinheit und der Regierung dauerhaft verstärken, werden die Frustrierten zwangsläufig immer mehr, und verrückte Racheakte an Unschuldigen können sehr leicht zunehmen. Dadurch würde sich die Kluft zwischen Frustrierten und Allgemeinheit wiederum verstärken, ebenso wie zwischen Frustrierten und Regierung sowie Allgemeinheit und Regierung: Aus dieser antagonistischen Dreiecksbeziehung würde schließlich ein fataler Teufelskreis entstehen. Das wäre eine sehr gefährliche Situation, vor deren schrecklichen Folgen wir zittern müssen.

Die „psychische Erkrankung der Gesellschaft“, die sich über ganz China ausgebreitet hat, ist in Wirklichkeit eine durch angehäufte Missstände entstandene „soziale Krankheit“ und auch eine „politische Krankheit“. Will man sie gründlich kurieren, dann besteht das einzige Rezept unweigerlich in einer beschleunigten Reform des politischen Systems, einer verstärkten Aufsicht über die öffentlichen Machtorgane und einer Stärkung des gesetzlichen Schutzes der Bürger gegen die Verletzung ihrer Rechte. Die Bürger müssen ihre Rechte – auf Information, auf Meinungsäußerung, auf Partizipation und auch darauf, dass Machtorgane kontrolliert werden – ungehindert ausüben dürfen und brauchen einen Raum, in dem sie ihren Beschwerden Ausdruck geben, ihre Rechte einklagen und selbstbewusst ihre gesetzlich festgeschriebenen Rechte verteidigen können. Premierminister Wen Jiabao sprach davon, „die tieferen Ursachen dieser Probleme zu lösen“. Die tiefste Ursache ist eigentlich genau jene, die ich gerade dargelegt habe.
Text: Pan Duola (潘多拉)
Übersetzung: Martin Winter
Mai 2010
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