Kulturaustausch Querbeet

Deutsch-chinesische Begegnung auf der lit.COLOGNE

Ai Weiwei und Herta Müller, Karikatur: Lao Du
Ai Weiwei und Herta Müller, Karikatur: Lao Du

Zuerst fallen die Gegensätze, körperlich wie geistig, ins Auge: Die eine wirkt feinnervig, sensibel, ja zerbrechlich, der andere bäuerisch-robust, rustikal. Dabei teilen sie die zentrale Erfahrung, die ihrem kreativen Schaffen zugrunde liegt: die Erfahrung der Diktatur. Herta Müller, die Literaturnobelpreisträgerin mit den rumäniendeutschen Wurzeln, schreibt seit mehr als drei Jahrzehnten über die Auswirkungen der rumänischen Diktatur auf den Einzelnen. Ai Weiwei, der im Westen gern als bekanntester Künstler Chinas apostrophiert wird, löckt in seinen Arbeiten mit Vorliebe wider den Stachel der chinesischen Diktatur.

Zusammenprall zweier Welten

Und dennoch – das wird bei ihrer Begegnung schnell spürbar – prallen hier Welten aufeinander. Herta Müller und Ai Weiwei, das sind nicht nur zwei Kulturen – hier der Westen, dort China –, das sind auch zwei Zeitalter und zwei mediale Mentalitäten – hier das ,alte Europa‘, das sich mit nichts als der Sprache bewaffnet gegen das Trauma der einstigen Diktaturen stemmt, dort das neue China, das sich im Kampf gegen seinen akuten Gegner virtuos der Medien und der Macht der Bilder bedient.

Der fremde Blick

Moderiert wurde die Begegnung, die im ausverkauften Kölner Schauspielhaus am 11. März 2010 im Rahmen der lit.Cologne stattfand, von Michael Krüger, dem Chef des Hanser-Verlags und Verleger von Herta Müller. Mit einem Ausschnitt aus ihrer Erzählung Der Fremde Blick oder das Leben ist ein Furz in der Laterne entführte die 56jährige das Publikum eingangs in eine Welt der Fremde inmitten des nur vermeintlich vertrauten Alltags – eine Welt, in der ein Haarbleichmittel die Kopfhaut in eine Wunde verwandelt und Möbel ein Eigenleben zu führen scheinen. Leise, zurückhaltend und doch zutiefst eindringlich ließ Herta Müller dabei die innere Beklemmung einer Verfolgung im Zuhörer lebendig werden.

Der Stinkefinger

Ai Weiwei führte über an die Wand projizierte Bilder in sein Werk ein. Die Demütigungen, die sein Vater, der berühmte Dichter Ai Qing (艾青), unter Mao Zedong erlitt – rund zwanzig Jahre der Verbannung als Latrinenputzer im fernen Xinjiang –, haben den Sohn geprägt. Ob als Künstler, Blogger oder Aktivist, ob mit Stinkefinger vor dem Platz des Himmlischen Friedens, mit einer fotografischen Dokumentation des Angriffs chinesischer Polizisten auf ihn samt dessen Folgen oder ob mit der Veröffentlichung der Namen von über 5000 Kindern, die beim Erdbeben in Sichuan 2008 aufgrund maroder Schulbauten ums Leben kamen – der mit provozierender Offenheit geführte Kampf gegen Verfolgung und Restriktionen zieht sich wie ein roter Faden durch Leben und Werk von Ai Weiwei.

Die (Ohn-)Macht des Internets

Dass zwischen diesen beiden unangepassten Geistern dennoch kein rechtes Gespräch zustande kommen wollte, lag sicher nicht an der hellwachen Herta Müller – schon eher an Ai Weiwei, der auf der Bühne mehr damit beschäftigt schien, Fotos für seine diversen Blogs zu schießen als den anderen zuzuhören. Freilich gehört dies zur Logik einer öffentlich-medialen Existenz, die wesentlich von der Selbstdarstellung lebt. Aber auch die Fragen von Michael Krüger waren nicht dazu angetan, zum eigentlich versprochenen Thema vorzudringen: „Wie politisch kann, darf oder muss künstlerische Arbeit sein?“ Nur ganz am Ende blitzte schlaglichtartig auf, was der Abend hätte sein können. Während der manische Blogger Ai Weiwei die Geschichte in ein „Post-“ und ein „Präinternetzeitalter“ einteilt und größte Hoffnungen in die Solidarisierung und Mobilisierung durch das Netz setzt, äußerte Herta Müller – offensichtlich noch eine Bewohnerin des Präinternetuniversums – grundsätzliche Zweifel: Ist die Verbindung durch das Internet nicht zu unpersönlich und abstrakt, um tatsächlich Wirkung zu erzielen?

Leise vs. laute Ästhetik

Da waren sie wieder, die Bewohner zweier Welten: Herta Müller, die intime, leise, geradezu lyrische Stimme, die ohne den Nobelpreis immer ein literarischer Geheimtipp geblieben wäre, und der ästhetisch wie argumentativ ,laute‘ Ai Weiwei. Auf der einen Seite literarische Kammermusik auf höchstem ästhetischem Niveau, auf der anderen Seite ein wandelndes Medienspektakel, dessen ästhetische Überzeugungskraft nicht immer mit der moralischen Schritt hält. In der deutschen Presse als die „Stimme Chinas“, als „oberster Dolmetscher seines Landes in der westlichen Welt” (Mark Siemons am 6.5.2009 in der FAZ) gefeiert, scheint Ai Weiwei als moralische Instanz unantastbar. „Aber ist man“, wie Oliver Jungen am 12.03.2010 ebenfalls in der FAZ gefragt hat, „schon ein Diktaturenfreund, wenn man den künstlerischen Wert von Stinkefingerfotos […] nicht erkennt?“

Auf dem Markt der China-Bilder

Dazu kommt ein noch subtileres Problem: Verdankt Ai Weiwei seinen Erfolg im Westen neben seiner ,lauten‘ Ästhetik vielleicht auch dem Umstand, dass er das westliche China-Bild so perfekt bedient? Einer wie er fügt sich jedenfalls höchst dankbar in die hierzulande vorherrschende Schwarzweiß-Dichotomie von ,bösem‘ Regime und ,guten‘ Dissidenten, wie sie schon die Wahrnehmung des chinesischen Gastlandauftritts auf der letztjährigen Frankfurter Buchmesse verzerrte. Wenn Kunst sich gerade dadurch auszeichnet, dass sie bestehende Wahrnehmungsmuster aufbricht, dann drohen Ai Weiweis Arbeiten – ähnlich wie der Mainstream-Journalismus – umgekehrt nur das zu bestätigen, was wir ohnehin schon immer zu wissen glaubten. Die Frage, ob sich das heutige China in all seiner Komplexität und Widersprüchlichkeit überhaupt noch mit einem totalitären Regime, wie es Ai Weiwei, aber auch Herta Müller als Kinder erlebt haben, vergleichen lässt, kommt so gar nicht erst auf.

Die ursprüngliche Frage indes, wie politisch Kunst sein solle, hat Herta Müller auf ihre leise Art für die Literatur fast unbemerkt beantwortet: Sprache ist immer schon politisch, insofern sie das Ich in eine Beziehung zur Welt setzt. Auch ohne Stinkefinger.
Text: Martina Bickmann und Marc Hermann
Sinologin, Shanghai und Übersetzer und Sinologe, Bonn
März 2010
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