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„Frieden im Lande und ruhige Zeiten“ - bei aller Vaterlandsliebe darf man sich selbst nicht vergessen

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Der bekannte Phoenix TV-Moderator Liang Wendao (梁文道) © www.icpress.cn
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Der folgende Kommentar von Phoenix TV-Moderator Liang Wendao (梁文道) erschien am 13. Januar 2010 in Southern Weekend.

„Frieden im Lande und ruhige Zeiten“, das ist seit einigen Jahren mein Spruch, wenn alljährlich zum Frühlingsfest und anderen Feiertagen wieder der Moment kommt, sich gegenseitig alles Gute für die Zukunft zu wünschen. Dieser Segenswunsch kommt recht schlicht daher und verbreitet nicht gerade eine Bombenstimmung, ja man könnte ihn sogar als bescheiden bezeichnen. Allerdings geht ja auch ein bescheidener Wunsch nicht unbedingt leicht in Erfüllung. Indessen ist der Traum von einer starken Nation, dem die Chinesen seit einem Jahrhundert hinterherlaufen, nun ganz urplötzlich Wirklichkeit geworden.

Werfen wir einen Blick in die tonangebenden ausländischen Medien des letzten Jahres, so ist dort entweder die Rede davon, dass China als alleiniger Gewinner aus dem Finanz-Tsunami hervorgeht, oder es wird empfohlen, die USA sollten von China lernen; auf der kürzlich zu Ende gegangenen Klimakonferenz von Kopenhagen zog China sogar in der Hauptrolle die Blicke der Weltöffentlichkeit auf sich. Im Nu war das Schlagwort von den „G2“ in aller Munde. Es scheint also, als hätten die von uns alljährlich wiedergekäuten Segenswünsche unserem Vaterland tatsächlich zu „blühender Prosperität“ verholfen. Ist es also nicht allzu unspektakulär und kleinlaut, sich in dieser hoch kochenden Euphorie nun ausgerechnet „Frieden im Lande und ruhige Zeiten“ zu wünschen? Weshalb ich dennoch an diesem noch nicht ausreichend glückverheißenden Glückwunsch festhalte, liegt vielleicht an jenen etwa 150 Millionen Armen, die es in China immer noch gibt, und daran, dass die Erfüllung von „Frieden im Lande und ruhigen Zeiten“ für eine ganze Menge Menschen immer noch ein allzu ferner Traum ist.

Die liberale Tradition des Westens hat niemals wirklich verstanden, was es mit der Vaterlandsliebe der kleinen Leute auf sich hat. Denn der Liberalismus neigt generell dazu, den Staat – ganz nach dem Motto ‚erst der Mensch, dann die Nation‘ – als ein Werkzeug zur Verwirklichung individuellen Wohlstands zu betrachten. Ein Werkzeug aber hat per se keinen besonders vorrangigen Wert. Was hilft uns denn auch ein noch so mächtiger Staat, wenn dem individuellen Wohl der Bürger nicht Genüge getan wird? Entsprechend dieser Logik müsste die Unterschicht, die in den Zeiten des Booms kein Stückchen vom Kuchen abbekommt, eigentlich am unpatriotischsten sein. Hat sie doch unmittelbar vor Augen, wie das Land immer mehr im Saft steht, während ihr eigener Lebensstandard eher sinkt als steigt. Wie soll man da seinen inneren Frieden machen? Die Realität sah aber trotzdem schon immer anders aus: In der Geschichte konnten sich die Regierungen mächtiger Staaten immer wieder der Unterstützung der einfachen Bevölkerung sicher sein, ganz gleich wie miserabel diese lebte, waren sie doch bereit, sich für das Vaterland einzusetzen, und sich so in dessen unermesslichem Ruhm zu sonnen.

Wie kann es sein, dass ein Mensch, der von der Hand in den Mund lebt, während der Staat nach außen so glänzend dasteht, nicht nur nicht murrt, sondern sich in noch größere Bewunderung hineinsteigert? Wie kann es zugehen, dass ihm das Herz blutet, wenn der Staat einen Rückschlag erleidet, und ihm die Brust schwillt, wenn dieser auftrumpft? Wie können sie sich alle für das „große Ich“, wie man in China den Staat bezeichnet, dreingeben, und darüber ihr „kleines Ich“ vergessen? Manche Wissenschaftler meinen, das sei genau die Funktion und das Resultat der Ideologie, es handele sich um eine Art Verschleierung und Betrug. Indessen muss man nur einmal genauer hinschauen, und sich ein bisschen mehr Mühe geben, um zu erkennen, dass die Gefühlswirklichkeit dieser Menschen durch die althergebrachte Ideologiehypothese nicht hinreichend erklärt werden kann.

Man nehme das Beispiel Japans während des Zweiten Weltkriegs, damals traten ausgerechnet diejenigen am mutigsten in die Armee ein, um „dem Land zu dienen“, welche im normalen Leben die geringsten Aussichten hatten. Damals erfüllte sich Japan seinen Traum von einer mächtigen Nation blitzschnell, denn industriell war es gut ausgestattet und das Militär war unerschrocken. Doch gleichzeitig wurde die Kluft zwischen Arm und Reich größer, so dass zahlreiche Menschen das Gefühl hatten, auf der Strecke zu bleiben. Diesen Habenichtsen, die in der Gesellschaft keinen Platz fanden, blieb nur, sich auf ihren Status als „Japaner“ etwas einzubilden. Allein der geistige Totem des „großen japanischen Kaiserreichs“ konnte ihnen Würde verleihen. Auch wenn sich der kleine Mann mit dem sich in Monopolstellung befindenden Geldadel in keiner Weise messen konnte, stand er doch wenigstens in punkto seines Status‘ als Japaner auf einer Stufe mit jenen mächtigen Familien, die im Überfluss lebten. Für das Land sein Leben zu opfern und so die eigene „Märtyrerseele“ dem Yasukuni-Schrein zur Verehrung durch die Nachwelt anheim zu geben, war sein letztes Mittel, um seine Würde zurückzuerlangen. Mit andern Worten, durch das erhebende Gefühl, in dem „großen Ich“ aufzugehen, wurden die trivialen Defizite des eigenen Menschenlebens ein für allemal hinweg gefegt.

Wir können dieses Streben nach Würde zwar voll Anteilnahme nachvollziehen, aber wir müssen auch erkennen, dass Würde nicht einfach ein abstrakter, unscharfer Wert ist, sondern ein allumfassendes Lebensgefühl. Wenn ich feierlich um „Frieden im Lande und ruhige Zeiten“ bitte, stelle ich mir darunter eine friedvolle Ära vor, die jedem einzelnen ein Leben in Würde ermöglicht. In der jeder Mensch, neben dem Aufblicken zum Staat und der krampfhaften geistigen Selbsterhöhung, ganz konkret und in aller Banalität sein stabiles und sicheres Umfeld hat. Die Menschen liebten nicht nur ihr Land, und wären nicht allein stolz auf ihr Vaterland, sondern würden auch ihr eigenes Leben als äußerst liebenswert empfinden, sie wären selbstbewusste und aufrechte Menschen, weder überheblich noch unterwürfig.

Nehmen wir einen Straßenkehrer. Den Passanten fiele es nicht ein, ihn, der tagtäglich den Dreck von den Straßen räumt, geringschätzig zu behandeln. Selbst wenn er aus Versehen ein dickes Auto ankratzte, würde der Besitzer nicht grimmig auf ihn einschimpfen: „Du traust dich was, du Hund, weißt du eigentlich, wen du vor dir hast?“ Denn in einer Gesellschaft, in der jeder Einzelne respektiert wird, hätte dieser letzte Satz kein besonderes Gewicht.

Das Einkommen des Straßenfegers wäre zwar bescheiden, aber er würde gerade so über die Runden kommen und für drei Mahlzeiten am Tag wäre gesorgt. Trotz der hohen Immobilienpreise, würde es doch zu einer ganz einfachen Wohnung reichen, denn er und seine Frau würden hart arbeiteten, und dann bekäme man ja noch Vergünstigungen seitens der Regierung. Hätte er ein Kind, müsste er für die Schulgebühren nicht aufkommen, denn eine staatliche Schulpflicht gäbe es tatsächlich. Wäre das Kind darüber hinaus noch clever und würde sich beim Lernen anstrengen, würde es vielleicht sogar einmal die Aufnahmeprüfungen für eine Schlüsseluniversität schaffen. Mit dem Alter wäre es unvermeidlich, dass die Zipperlein des Straßenkehrers zunähmen, aber die Türen der staatlichen Krankenhäuser blieben ihm nicht verschlossen. Ganz richtig, ein Einzelzimmer könnte er sich da natürlich nicht leisten, aber wenn es nötig würde, könnte er doch zumindest in eine Klinik gehen. Zu reisen würde für ihn wahrscheinlich immer ein frommer Wunsch bleiben, doch was soll`s, ein Picknick in den Parks am Stadtrand hat doch auch was, und die verlangten keinen Eintritt. Auch wenn man dort keinen Panoramablick auf Berge und Seen hat, die Luft wäre dort zum Glück noch sauber.

Auch wenn diese Familie nicht aus dem Vollen schöpfen könnte, hätte sie andererseits doch keine Existenznöte. Dass sie einfach und günstig äßen, bedeutete ja nicht, dass die Lebensmittel unhygienisch und gesundheitsgefährdend wären, sie tränken oft Leitungswasser, aber die Quelle wäre ja nicht verschmutzt. Sie wohnten zwar einfach, aber es könnte nicht jederzeit jemand vorbeikommen und sie zum Auszug zwingen. Eine selbstlose Familie von Helden wären sie nicht, aber sie hätten auch keine Angst, Zivilcourage zu zeigen oder hin und wieder etwas Gutes zu tun. Schließlich würden in dieser Gesellschaft nicht allzu viele Menschen die Gutherzigkeit anderer ausnutzen, und so etwas wie „Lockvogel-Praktiken“ seitens der Ordnungshüter wäre ganz und gar undenkbar.

Die Leute hätten Zukunftsträume, doch sie blieben dabei auf dem Boden der Tatsachen; es wäre nicht so, dass die Staatsangelegenheiten sie nicht kümmern würden, aber doch eher nur am Rande. Allerdings wüssten sie, dass die Regierung ein offenes Ohr für sie hätte. Vielleicht könnte die Regierung ihren Wünschen nicht immer entsprechen, und vielleicht wäre ihnen auch nicht ganz klar, in welchem administrativen Verfahren ihre Anliegen letztendlich landen würden, aber die Beamten, mit denen sie Kontakt hätten, wären höflich, freundlich und geduldig...

Wenn ich so fortfahre, denken Sie wahrscheinlich noch, dass ich träume. Aber was ist diese kleine Träumerei schon verglichen mit dem großen Traum von einer mächtigen Nation? Erst neulich hat mir ein Freund eine Geschichte von einem Taxifahrer erzählt. Der Taxifahrer habe mit seiner Schimpftirade bei den Mautstationen, welche die Straßen säumten, angefangen, und bei der Verschwendung öffentlicher Gelder und korrupten Beamten, die ihre Leute ausschwärmen lassen, um hilflose Bittsteller abzufangen, geendet. Mit nahezu nichts in der Gesellschaft war er einverstanden, er selber werde alle Nase lang ungerecht behandelt. Das Seltsame war jedoch, dass er urplötzlich das Thema wechselte und die Hoffnung äußerte, die Regierung möge die Taiwan-Frage baldmöglichst mit Waffengewalt lösen, und wenn die USA es wagten, sich einzumischen, meinte er noch, würde man entschlossen zustoßen und ihnen schon beibringen, wer global die erste Supermacht sei.

Wie kommt dieser Taxifahrer zu solch einer verquasten Logik, bei der er völlig unterschiedliche Sachen in einen Topf wirft? Sollte er nur von einem Leben in Würde träumen und sich nach einer Gesellschaft sehnen, die in etwa seinen Erwartungen, dann wünsche ich mir für ihn, dass er eines Tages einen bescheidenen Weg findet, der zwar nicht so großtuerisch und glorreich, dafür aber ruhig und friedlich ist.
Text: Liang Wendao (梁文道)
Moderator bei Phoenix TV
Übersetzung: Julia Buddeberg
Februar 2010
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