Der Staat, die Angst und die Freiheit


Eugene Delacroix: "Die Freiheit führt das Volk", 1830 (Ausschnitt) © picture-alliance / akg-images
Chinas Angst vor der Freiheit – so heißt das kürzlich erschienene Buch von Helwig Schmidt-Glintzer: Schmidt-Glintzer ist nicht nur Sinologe und Direktor der renommierten Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel, er beschäftigt sich seit vielen Jahren vor allem auch mit dem chinesischen Buddhismus. Dies befähigt ihn, Entwicklungen, die sich im modernen China vollzogen haben, in vielschichtige historische Zusammenhänge einzuordnen. Und da Schmidt-Glintzer über profunde Kenntnisse sowohl der europäischen, als auch der chinesischen Geistes- und Texttraditionen verfügt, sind seine Analysen gleich um mehrere Grade differenzierter und daher letztlich auch alltagstauglicher als so mancher hochgelobte China-Bestseller, der in den vergangenen Jahren auf dem deutschen Buchmarkt erschienen ist. Freilich: Wie fast jedes Buch, das sich ernsthaft mit der Vergangenheit und Gegenwart Chinas auseinandersetzt, fordern auch die Thesen Schmidt-Glintzers die Debatte, ja manche von ihnen auch den Widerspruch heraus. Schon aus diesem Grunde lohnt es sich, sie hier in kurzgefasster Form einmal vorzustellen:
Der Begriff der Freiheit

„Chinas Angst vor der
Freiheit“ © Verlag C.H.Beck
Freiheit“ © Verlag C.H.Beck
Darin vor allem ist, nach Schmidt-Glintzer, der Unterschied zu den Freiheitsvorstellungen des Westens begründet: Während die Rechtstraditionen Europas um die Frage kreisen, wie der einzelne Bürger vor der Willkür und den Eingriffen des Staates zu schützen sei, so ist es in China die Staatsmacht, die darauf pocht, „dass in jedem Falle der Staat stark werden müsse, während die Freiheiten des Einzelnen zu beschränken seien im Interesse des Überlebens Chinas“, wie Schmidt-Glintzer schreibt.
Der Staat und das Volk
Die tiefsitzende Angst nicht nur der kommunistischen Führung vor Freiheits- und Autonomiebestrebungen und ihre oft panisch-überzogenen Reaktionen sind für ihn Symptome eines Paradoxons: Die autoritären Machtdemonstrationen des Staates offenbaren in Wahrheit seine Schwäche – eine Schwäche, die in der chinesischen Tradition verankert ist. Nach traditioneller Lesart ist sowohl der Einzelne, als auch der Staat in einen kosmischen Zusammenhang eingebunden. Was bedeutet: Der politischen Führung kommt von alters her die Verantwortung für nahezu alles zu, was sich ereignet: seien es nun Naturkatastrophen, die Bewahrung der Einheit des Landes und der Zufriedenheit des Volkes. Es liegt auf der Hand, dass der Staat mit dieser „Zuständigkeit für alles“ immer überfordert ist und daher stets das fürchten muss, was den Kaiserdynastien schon im alten China passierte: Dass ihnen „das Mandat des Himmels“ entzogen wird, sie im Volke ihre Herrschaftslegitimation verlieren – und schließlich gewaltsam gestürzt werden. Und da es in China, so Schmidt-Glintzer, keine geordneten Prozeduren für einen Machtwechsel gibt, drohen mit jedem Machtwechsel gleich Revolten und Chaos. Für Schmidt-Glintzer gibt es also genug Gründe für die chinesische Führung, dem Streben – etwa der nationalen Minderheiten Chinas – nach Autonomie und wirklicher Partizipation mit Misstrauen zu begegnen und allzu weitreichende Kritik als prinzipielle Bedrohung zu empfinden.
Ausblicke

Prof. Dr. Helwig Schmidt-Glintzer
Text: Dr. Dagmar Lorenz
Sinologin, Literaturwissenschaftlerin und Publizistin
Januar 2010
Sinologin, Literaturwissenschaftlerin und Publizistin
Januar 2010









