Neue Wege im Kulturaustausch


Dr. Hans-Georg Knopp mit chinesischen Schülern in Wuhan, Foto: Julia Hofmann
Der Generalsekretär des Goethe-Instituts, Dr. Hans-Georg Knopp, besuchte vom 24. bis 26. Oktober 2009 Wuhan und die Deutsch-Chinesische Promenade am Yangtze-Fluss. Maja Linnemann, Chefredakteurin des Deutsch-Chinesischen Kulturnetzes, befragte ihn zu seinen Erfahrungen im Kulturaustausch.
ML: Herr Dr. Knopp, Ihr Lebenslauf hat mich sehr neugierig gemacht, da Sie ja ursprünglich Indologie studiert haben.
HGK: Genau.
ML: Wie haben Sie denn den Sprung von Indien zu China gemacht? Vielleicht war es ja auch gar kein Sprung …
HGK: Doch, ja. Also ich sage jetzt mal durch das Haus der Kulturen der Welt. Ich war ja zehn Jahre lang Intendant am Haus der Kulturen der Welt und eigentlich wollte ich mit China nie Programme machen, weil ich immer gesagt habe: Da kommt doch nur Staatskunst her. Dann haben ein alter Freund aus Hongkong, Danny Yung (荣念曾) und Tian Mansha (田蔓莎) von der Theaterakademie Shanghai mir China erschlossen. 1998 haben wir am Haus der Kulturen der Welt mit Hongkong ein großes Projekt mit vielen chinesischen Künstlern und Künstlerinnen vorbereitet. Die ganze Veranstaltung, und vor allem auch die Offenheit, mit der die Künstler und Künstlerinnen zu uns kamen, fand ich so beeindruckend, dass ich mich völlig umgewandelt habe. Wir haben daraufhin weitere Projekte zum Thema „Schönheit“ und zum „Kulturellen Gedächtnis“ begonnen, die wir über drei, vier Jahre vorbereitet haben. In dieser langen Zeit der Vorbereitung bin ich oft nach China gefahren und habe mich dabei immer mehr für China begeistert.
ML: Vor kurzem habe ich das Buch einer indischen Journalistin gelesen, die mehrere Jahre in Peking gelebt und gearbeitet hat. Im letzten Kapitel zieht sie das Résumé, dass ihr in China eine Diskurskultur fehlt, die in Indien sehr stark ausgeprägt ist. Würden Sie diese Feststellung unterstützen?
HGK: Ja, Indien ist par excellence das Land für den intellektuellen Diskurs. Im Gegensatz dazu hat mich in China das pragmatische Herangehen an Probleme doch sehr begeistert. Also ganz schlicht und einfach, dass man hier Probleme – meist nach sehr kurzer Zeit - lösen kann und nicht nur darüber spricht und philosophiert. In Indien bewegt man sich aus dem Diskursiven oft nicht heraus. Das ist schon ein auffallender Unterschied.
ML: Aber Sie würden das für China nicht als Manko sehen?
HGK: Nein, ich glaube, dass uns der chinesische Diskurs vielleicht auch deshalb nicht so bekannt ist, weil es oft an Übersetzungen mangelt. Die Inder können Englisch und das trägt dazu bei, dass wir sie in ihrem Diskurs sehr gut verstehen. Nicht viele Chinesen können Englisch geschweige denn Deutsch, und deshalb bekommen wir den Diskurs nicht mit. Das ist übrigens einer der Gründe, warum wir damals mit Wang Wenzhang (王文章) von der China Art Academy – seit 2008 ist er Vize-Kulturminister – eine Publikation in der Reihe Positionen verabredet haben, in der 29 wichtige Persönlichkeiten, Intellektuelle und Künstler individuelle und persönliche Statements zur Situation der Kultur und Künste hier in China abgeben. Wir sind ja im Westen nicht darüber informiert und versuchen trotzdem oft zu diskutieren oder kritisieren China sogar aus einem Stand der Unkenntnis heraus. Die Publikation wird 2010 im Steidl-Verlag erscheinen.
ML: Herr Dr. Knopp, Sie besuchen hier in Wuhan zum ersten Mal eine Station von Deutschland und China - Gemeinsam in Bewegung. Wie ist Ihr Eindruck, was würden Sie als größten Erfolg dieser Veranstaltung sehen?
HGK: Dass sie sich an die allgemeine Öffentlichkeit richtet, denke ich, ist schon mal sehr wichtig. Gestern Abend waren mehr als 70.000 Menschen hier, das ist ein großer Erfolg! Ich finde es auch sehr gut, dass man Wirtschaft, Politik und Kultur an einen Tisch gekriegt hat. Was ich gerne noch etwas stärker sehen würde, wäre die Kultur. Jedenfalls wurde ich gestern von Journalisten kritisch befragt, ob ein Pavillon von zweiundzwanzig, der der Kultur gewidmet ist, nicht ein bisschen zu wenig sei. Es gibt natürlich neben dem Kulturpavillon noch mehr Aktionen rund um die Kultur, wie zum Beispiel die Theaterkonferenz gestern. Mir scheint, dass das so eine Art Appetitanreger ist – danach muss aber dann mehr kommen.
ML: Von deutscher Seite meinen Sie?
HGK: Ja, und zwar tiefergehende Kulturveranstaltungen, die in gemeinsamen Produktionen münden, das könnte ich mir vorstellen.

Kulturpavillon bei der Deutsch-Chinesischen Promenade in Wuhan, Foto: ML
ML: Hätten Sie da ein Lieblingsprojekt?
HGK: Ich habe so viele Lieblingsprojekte, sage ich Ihnen - ich finde es wunderbar, wenn man etwas mit Kunstformen machen kann, die uns sehr fremd sind wie die bei uns so genannte chinesische Oper. Also wenn man da mal etwas zum Bühnenbild initiieren könnte, das blüht hier in China ja nicht gerade, in Deutschland ist es aber ein sehr wichtiger Teil der Oper. Da Verbindungen zu schaffen und gemeinsame Produktionen zu machen, fände ich toll.
ML: Das Interesse an der chinesischen Kultur ist in Deutschland doch sehr groß ist, das zeigt auch unser Kalender beim Deutsch-Chinesischen Kulturnetz, überall finden Ausstellungen, Lesungen und Symposien zur zeitgenössischen Kunst usw. statt. Gleichzeitig ist die Presse zu China oft eher negativ. Wie erklären Sie sich diese Diskrepanz?
HGK: Da muss man einfach feststellen: Wir haben Vorurteile. Und ich glaube, dass sich das nur ändern wird, indem man langfristig arbeitet und indem man auch China ermuntert, nach Deutschland zu gehen. Ich war jetzt gerade zur Eröffnung der Europalia in Brüssel eingeladen und ich finde, das hat das Kulturministerium wunderbar hingekriegt, ein hervorragendes Programm. Es gibt dort auch eine Ai Weiwei-Ausstellung, die Ai Weiwei (艾未未) zusammen mit einem belgischen Kurator kuratiert hat. Diese Dinge muss man bestärken, damit wir besser informiert werden. Ich glaube, die Chinesen wissen viel mehr über uns als wir über die Chinesen.
ML: Ein anderes Thema ist der EU-China-Kulturdialog, den Sie als Präsident von EUNIC zusammen mit Vize-Kulturminister Wang Wenzhang initiiert haben. 2008 fand dazu in Peking eine erste Konferenz statt.
HGK: Richtig, ich komme gerade aus Kopenhagen, wo wir den dritten Teil des Dialogs beschlossen haben, der 2010 in Shanghai stattfinden wird. Im nächsten, also im dritten Jahr, wollen wir den Dialog sogar auf Asien ausdehnen. Dieses Mal war es ein überraschender Erfolg für viele. Aber es entstehen ja auch ganz konkrete Projekte aus dem Dialog, beispielsweise vom Goethe-Institut ein Handbuch für chinesische und europäische Kulturinstitutionen: Was muss ich alles beachten, wenn ich mit einem Partner in Europa oder in China zusammen etwas machen will? Das geht über die Begrifflichkeiten, die schwierig sind – was ist Kultur, was ist Moderne, was ist Avantgarde, was ist zeitgenössisch – bis hin zu ganz praktischen Ratschlägen. Dieses Werk wird in Deutsch, Englisch und Chinesisch erscheinen. Neben solchen praktischen Hilfestellungen wird es auch Diskussionen zu großen Themen wie Kulturelles Gedächtnis und Cultural Diversity geben.
ML: Wer genau nahm in Kopenhagen am europäisch-chinesischen Kulturdialog teil?
HGK: 31 europäische nationale Kulturinstitute und die chinesische Akademie der Künste. Im letzten Jahr war ich ja der Präsident, in diesem Jahr ist es der Däne Finn Andersen und 2010 wird es ein rumänischer Kollege sein. Das ist, glaube ich, für die Chinesen auch eine interessante Erfahrung, dass das bei uns in Europa so wechselt; und dass wir Europäer untereinander nicht immer einer Meinung sind, aber trotzdem zusammenarbeiten.
ML: Meine letzte Frage: Wo sehen Sie heute im 21. Jahrhundert die Herausforderungen für den internationalen Kulturaustausch?
HGK: Ich bin 1975 zum Goethe-Institut gekommen, das ist über 30 Jahre her. Ich denke, heute ist die kulturelle Zusammenarbeit noch viel wichtiger als sie es beispielsweise 1975 war, weil unsere westliche Hierarchie der Kulturen, an deren Spitze die westliche und an deren unterem Bereich die afrikanisch-ozeanischen Kulturen standen – so wie Europa das sehr lange gesehen hat – zusammengebrochen ist. Wir müssen uns heutzutage fragen, auch im Hinblick auf den Islam zum Beispiel: Wie können wir die Beziehungen zwischen den Kulturen neu gestalten? Das finde ich, ist jetzt eine überlebenswichtige Frage, die auch solche Institute wie das Goethe-Institut zu bewältigen haben. Natürlich haben wir die Aufgabe, die deutsche Stimme zu vertreten, aber ich würde mir wünschen, dass nationale Kulturinstitute sich stärker dafür engagieren, globale überlebenswichtige Themen gemeinsam zu behandeln und dass wir von einer Kultur des Andere-belehren-Wollens wegkommen hin zu einer Kultur des gemeinsam Lernens.
ML: Herr Dr. Knopp, vielen Dank für das Gespräch!
Interview/Text: Maja Linnemann
Chefredakteurin Deutsch-Chinesisches Kulturnetz
November 2009
Chefredakteurin Deutsch-Chinesisches Kulturnetz
November 2009









