20 Jahre Mauerfall - Erinnerungen, geteilt


DDR-Jugendliche empfangen die Jugendweihe, 1986, Copyright: Bundesarchiv/Foto: Ulrich Häßler
Es muss 1999 gewesen sein, vielleicht war es sogar im November. Ich stehe in einer nicht nur (aber vor allem) bei Ausländern beliebten Diskothek im Zentrum von Tianjin. Die Musik ist laut. Es gibt keine Stühle. Die Gäste stehen dicht gedrängt und schauen auf die Bühne, auf der irgendein Tanzprogramm läuft. Die Bühne ist umsäumt von einem Kordon großgewachsener hübscher Mädchen, die in Wintertarnanzüge der chinesischen Volksbefreiungsarmee gekleidet sind. Nicht schlecht, was? Neben mir ein Deutscher. Unternehmer aus Schwaben, wie ich gleich darauf erfahre. Er winkt mir mit seinem Bierglas zu und grinst breit. Woher ich komme, will er wissen. (Er fragt es in seinem Dialekt, also er sagt so was wie Woharkimmschdndu?). Ich nenne den Ort, in dem ich aufgewachsen bin. Wo das denn liege, fragt er. Ich sage den Namen der Region. Sieh an, aus’m Osten. Nee, sagt er, plötzlich ganz ernst. Was die euch alles angetan haben, also ich meine, eure Regierung. Nee, nee. Er schüttelt den Kopf. Dann schaut er hoch, schaut auf die Bühne, schaut mich an und sagt: Wenn man bedenkt, dass Du aus’m Osten kommst. Wahnsinn. Ihr habt ja echt Glück gehabt. Mit der Wende und so. Da hast Du’s wirklich gut getroffen. Ich meine, da könnt Ihr ja weiß Gott dankbar dafür sein, was Euch jetzt alles möglich ist.
Das sind so Begegnungen, wo ich mich immer ein bisschen hilflos fühle. Was soll man darauf schon sagen? Da ist dieses vage Gefühl, etwas erklären, etwas richtig stellen zu müssen. Das ist immer auch eine asymmetrische Situation: Der aus dem Osten versucht zu erklären, wo er herkommt. Der aus dem Westen nicht. Der eine kommt aus einem Land, das man auch heute noch besuchen kann, der andere nicht. Sicher, auch die alte Bundesrepublik ist allmählich zu einem Erinnerungsort geworden. Aber sie ist nicht von einem Tag auf den anderen verschwunden, sondern langsam, fast unbemerkt.
Und da sind diese Schlüsselwörter, die heute so gern dem gesamtdeutschen Kollektivgedächtnis einverleibt werden. Obwohl sie natürlich auch zu meinem, das heißt, zum medialen Gedächtnis eines in der Nähe der ehemaligen innerdeutschen Grenze aufgewachsenen ostdeutschen Westfernsehempfängers dazugehören, produzieren solche Begriffe wie „Deutscher Herbst“, „Bonner-Hofgarten-Demo“, „Barschel-Affäre“ oder „Gorleben“ allenfalls synthetische Erinnerungen. Aber was sind meine Erinnerungen?
Als ich sechzehn war, habe ich ein Gedicht geschrieben. Es heißt Sechzehn. Es geht so: „Sie führte mich in ihre Kammer mit den / kleinen Fenstern. Von hier sieht man das / graue Gemäuer des Kirchturms. Sie hatte / einen winzigen Kratzer über ihrer rechten / Brust, und wir sprachen von Pferden.“ Es steht in einer Anthologie, einem schmalen Heftchen, das 1987 erschienen ist. Auf der Innenseite der Umschlagseite stehen Daten zu den Autoren. Die sind zwischen 1961 und 1971 geboren und von Beruf „Facharbeiter für Schreibtechnik“, „Ingenieurökonom“, „Student Marxismus-Leninismus“, „Theologiestudent“. Drei sind bei der NVA, der „Nationalen Volksarmee“. Einer ist Verkäufer, einer Maler, einer Baumaschinist. Einer wird zwanzig Jahre später sogar den Bachmannpreis bekommen. Das „Zentrale Poetenseminar der FDJ“ fand jedes Jahr in Schwerin statt. Etwa 100 junge Leute aus der ganzen DDR stellten „Prosa sowie lyrische und dramatische Versuche zur Diskussion“, wie es im Vorwort der Anthologie heißt. Eine Nachwuchswerkstatt für Begabte. Ein „Probierfeld“ für junge Literatur. Einerseits. Sicher auch ein Versuch, mögliche künftige Schriftsteller – potentielle Gefahr für Staat und Regierung – frühzeitig kontrollieren, ihre Kreise infiltrieren zu können.

Sebastian Vötter, 19 Jahre
Ich bin 1970 geboren. 1970 ist der letzte Jahrgang, der heute bei Anstellungsverhältnissen im Öffentlichen Dienst auf Zugehörigkeit zur Staatssicherheit überprüft wird. 1990 habe ich einen Antrag auf Akteneinsicht gestellt, eine Anfrage, ob überhaupt eine Akte existiert. Acht Jahre später habe ich eine Antwort bekommen. Eine sechzigseitige Akte. Mit Dokumenten aus meinem Leben. Eine „Unterschriftenprobe“ für den Personalausweisantrag aus dem Jahr 1983 (da war ich 13 Jahre alt), Kopien von Briefen an mich, Persönlichkeitsprofile zu meiner Person, schriftliche Protokolle von Gesprächen in verräucherten Kneipen aus den Jahren 88 und 89. Soviel Geschichte kann man mit neunzehn schon haben.
Und was gab es jenseits dieser einschüchternden und durchaus als Bedrohung sehr deutlich wahrgenommenen (aber nie am eigenen Leib erlebten) Repression durch einen gesichtslosen Staat? Was gab es jenseits der aberwitzig-herrlichen Freiheit nächtelanger Diskussionen unter Freunden und Bekannten? Ein Liebesgedicht. Harmlos. Ein durch und durch unpolitisches Gedicht. Ein Gedicht über Bäume, im Sinne des Brecht-Wortes, sozusagen. Etwas, dass es in einem Land, wo nichts unpolitisch sein durfte, eigentlich nicht geben konnte. Und auch aus heutiger Zeit für einige gar nicht geben durfte. Aber auch das, vor allem auch das, gehört zu meinen Erinnerungen an diese Zeit. Aber so was kann man eben nicht sagen, wenn man in einer überfüllten Diskothek mit lauter Musik von einem schwäbischen Geschäftsmann auf die Wende angesprochen wird. Dafür braucht man etwas mehr Ruhe. Und Zeit.
Text: Sebastian Vötter
Experte für Unterricht, Goethe-Institut Peking
November 2009
Experte für Unterricht, Goethe-Institut Peking
November 2009









