Kulturaustausch Querbeet

Die Grenze in der Zeit – 20 Jahre nach dem Mauerfall

Piet de Jong, niederländischer Ministerpräsident (M.), und Joseph Luns, niederländischer Außenminister (hinten l.), an der Mauer am Potsdamer Platz © Presse- und Informationsamt der Bundesregierung
Piet de Jong, niederländischer Ministerpräsident (M.), und Joseph Luns, niederländischer Außenminister (hinten l.), an der Mauer am Potsdamer Platz © Presse- und Informationsamt der Bundesregierung
Die „Mauer“ zerteilte Berlin vom 13. August 1961 bis zum 9. November 1989 © Presse- und Informationsamt der Bundesregierung

Als ich 1983 nach West-Berlin zog, um an der Freien Universität zu studieren, lag meine erste Wohnung direkt an der Mauer. Wenn ich aus der Haustür trat, stand ich vor der Betonwand. Aus dem Wachturm im Grenzstreifen blickten Soldaten, denen nie ein Lächeln zu entlocken war, mit Ferngläsern herab. Die Menschen, die auf der anderen Straßenseite wohnten und manchmal hinter Fenstern oder auf Balkonen zu sehen waren, lebten sehr weit weg in einer anderen Welt. Von einem der hölzernen Hochstände aus, wie sie auf der Westseite standen, um hinüberblicken zu können, konnte ich graue Männer im Mantel und mit Aktentasche in der Hand zur Arbeit gehen sehen. Ein gelber Ikarus-Gelenkbus fuhr um die Ecke, die Bäume waren kahl, denn da drüben war immer November. Und Nebel. Mir kam das so vor wie ein alter Schwarzweißfilm.

Heute, 26 Jahre später, wohne ich genau dort, wo früher die fremde Welt gewesen ist. Luftlinie macht das nur ein paar hundert Meter Unterschied aus, und doch: eine damals unvorstellbare Bewegung. Jetzt bin ich selbst so einer, der da zur Arbeit geht. Doch vom Westen aus schaut niemand mehr zu. Die Busse haben Form und Farbe geändert, der Nebel hat sich verzogen und mit ihm der hartnäckige November. Die Mauer ist weg. Die Straßen, die bis zum Herbst 1989 zerschnitten waren, sind längst wieder verbunden und asphaltiert. Wer nicht weiß, wo die Mauer einmal stand, kann ihren Verlauf heute kaum noch erraten.

Nimmt man jedoch die Bundestagswahl vom 27. September 2009 als Maßstab und schaut sich die Karte mit den eingezeichneten Wahlergebnissen an, dann sieht es so aus, als wäre Berlin noch immer eine geteilte Stadt. Der Osten ist rot: Hier hat die Linkspartei die Mehrheit. In ihr ist die SED aufgegangen, die einstige Staatspartei der sozialistischen DDR. In der Mitte befindet sich ein kleiner hellroter Fleck, wo die SPD gewonnen hat. Daneben liegt der Ost und West verbindende Alternativ-Bezirk Kreuzberg-Friedrichshain, in dem die „Grünen“ die Mehrheit haben: Hier wohnen Künstler, junge Menschen und Migranten. Das alte West-Berlin aber wählt hauptsächlich schwarz. Hier ist einmal mehr die christlich-konservative CDU zur stärksten Kraft geworden und an ihrer Seite die wirtschaftsliberale FDP.

Die Unterschiede zwischen Ost und West sind weniger erstaunlich in den Randbezirken, in denen Menschen leben, die sich immer noch hartnäckig weigern, die andere Stadthälfte zu betreten. Manch einer, der im westlichen Villen-Viertel Dahlem wohnt, kennt den Osten Berlins nur vom Hörensagen, und wer in den zu DDR-Zeiten als neue, fortschrittliche Wohnanlagen entstandenen Plattenbauten von Hellersdorf lebt, kommt nicht unbedingt weiter westwärts als bis zum Alexanderplatz, dem alten Zentrum Ost-Berlins. Der Westen hat dort ja längst Einzug gehalten: Die Kaufhäuser und Media-Märkte, die Autohändler und Großkinos, die früher einmal in den Westen lockten, sind auch dort in großer Zahl aus dem Boden gewachsen und zum Teil auch schon wieder Pleite. Dann stehen sie als leere Hülsen herum: Versprechen einer goldenen Zukunft, die schon wieder in der Vergangenheit liegt. Wozu also noch in den Westen fahren?

Der ehemalige Mauerverlauf am Brandenburger Tor, Foto: ML

Die Mauer war ein brutaler Schnitt durch den Raum. Sie trennte den Körper der Stadt in zwei Hälften. Heute ist die Mauer eine Grenze in der Zeit. Sie trennt die Geschichte der Stadt in verschiedene Epochen. Und wenn man bis 1989 von „hüben“ und „drüben“ sprach, so ist daraus inzwischen ein „Vorher“ und „Nachher“ oder ein „Damals“ und „Heute“ geworden. Geblieben aber ist das Vergleichen als Haltung: Es gibt nie nur das Eine, sondern immer auch das Andere. Diese Grenze in der Zeit ist weniger sichtbar, aber sie ist doch deutlich zu spüren. Und sie gilt vor allem für die Menschen, die im Osten aufgewachsen sind. Für sie hat sich die Welt nach 1989 spürbarer verändert. Alles, was sie kannten – ob sie es liebten oder nicht –wurde ausgewechselt: Die Machthaber, die Öffentlichkeit, die Arbeitsverhältnisse und die Waren im Supermarktregal. Deshalb blicken sie auf das eigene Leben vor der Wende zurück wie auf eine mythisch entrückte Vorgeschichte.

„Dadurch, dass die Geschichte dieses Staates nicht zu Ende gegangen, sondern abgebrochen worden war wie eine festgefahrene, unerträgliche Schulstunde, war es möglich, sich eine andere Vergangenheit auszumalen, die stattgefunden hätte, wenn diese Schulstunde, das Experiment weitergelaufen wäre“, schreibt die 1974 im Brandenburgischen Bad Saarow in der DDR geborene Autorin Julia Schoch. Das Leben der Ostdeutschen hat sich nach dem Epochenwechsel von 1989 auf merkwürdige Weise verdoppelt. Neben dem, das sie in den letzten Jahren geführt haben, gibt es noch das andere, das sie geführt hätten, wenn die DDR länger existiert hätte. Dort war ja alles vorgeplant und vorgesehen. Wer die Schule hinter sich gebracht hatte und für einen Ausbildungsplatz oder ein Studienfach eingeteilt war, konnte sich in etwa vorstellen, wie die nächsten Jahrzehnte aussehen würden – Heirat, Kinder und Neubauwohnung mit standardisierter Schrankwand eingeschlossen. Diese Gewissheit bot sehr viel Sicherheit, produzierte aber auch ein gehöriges Entsetzen: Wer beschloss, in den Westen überzusiedeln, der floh nicht unbedingt vor den politischen Verhältnissen, sondern auch vor der Unentrinnbarkeit der eigenen Zukunft.

Und heute? „Die Freude beim Anblick irgendwelcher verlassener Überreste“, heißt es bei Julia Schoch, „die von einem nie gelebten Leben, einer nie genutzten Zukunft zeugten, war mit den Jahren mehr und mehr zu Wut auf das Alte geworden. Hatte nicht der inzwischen verschwundene Staat verhindert, dass man zu irgendwas Großem in der Lage war?“ Ihr Wunschvorrat, so mussten es die Menschen aus dem Osten lernen, war klein und rasch zu befriedigen. Was sie an Zielen ins „Danach“ mitgebracht hatten, hielt nicht lange vor. Was aber danach kommen wird, welche Wünsche man nun entwickeln könnte, ist unklar. Die einst so ordentlich geteilte Welt ist unübersichtlich geworden. Und doch ist es genau diese ernüchternde Erfahrung, die die Ostler den im Westen Aufgewachsenen voraus haben.

Jörg Magenau, wurde 1961 in Ludwigsburg geboren. Seit 1983 lebt er in Berlin und arbeitet als freier Autor und Literaturkritiker. Zu seinen Publikationen zählen Biografien über die ostdeutsche Schriftstellerin Christa Wolf (2002) und den westdeutschen Schriftsteller Martin Walser (2005) und zuletzt eine Geschichte der linksalternativen Tageszeitung taz (2007). Im Frühjahr 2009 besuchte er mit dem Projekt wOrtwechsel mehrere Städte in China. Über seine Eindrücke schrieb er in einem Blog.
Text: Jörg Magenau
Autor und Literaturkritiker, Berlin
November 2009
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