Mit Mikroskop und Fernglas – China und Deutschland im Dialog


Jürgen Boos, Mei Zhaorong (梅兆荣) und Zuschauer, Foto: Andrea Pollmeier
„China und die Welt - Wahrnehmung und Wirklichkeit“, so lautete der Titel des Frankfurter Symposiums am 12. und 13. September 2009, das schon vor Beginn für größtes mediales Interesse sorgte – die Aufregung rund um Einladung bzw. Ausladung der Autorin Dai Qing (戴晴) und des Exil-Lyrikers Bei Ling (贝岭) hatte die deutschen Feuilletons bewegt. Letztlich waren beide anwesend – eine Tatsache, die der ehemalige Botschafter Mei Zhaorong (梅兆荣) eigener Aussage nach nicht in Frage gestellt hatte: „Beide haben ein Recht, teilzunehmen“. Andere, wie der prominente chinesische Vertreter der Neuen Linken, Wang Hui (汪辉), waren nicht gekommen. Das Symposium, als geistiger Auftakt zur Frankfurter Buchmesse im Oktober gedacht, startete mit einem kurzfristigen Rückzug eines Großteils der chinesischen Delegation: mangels offiziellen Willkommensgrußes für die chinesische Delegation – und mangels Absprache des Programmpunktes, dass Dai Qing und Bei Ling durch den PEN-Chef Herbert Wiesner zu Beginn auf das Podium gebeten wurden. Entschuldigungsgesten der Buchmessen-Leitung folgten. Die Gelegenheit, bereits hier gegenseitige Missverständnisse im gemeinsamen Diskurs auszuräumen, wurde nicht ausreichend ergriffen.
„Die Rolle Chinas in der Welt – Selbstbild und Fremdbild“ lautete das Thema der ersten Sitzung. Mei Zhaorong verwies in seinen Ausführungen zunächst auf die schwierige Geschichte Chinas, die in jegliche Beurteilung des Landes immer mit einfließen müsse. Nach einem Status als halbkolonialisiertes Land und „schwierigen Jahren“, denen in den letzten 30 Jahren die Phase der „Reform und Öffnung“ folgte, sei Chinas Modernisierung nun eine historische Tatsache – mit allen positiven, aber auch negativen Folgen wie z.B. Umweltproblemen. Er betonte die Wichtigkeit der Prosperisierung Chinas für die ganze Welt. „Es ist ungerecht“, so der ehemalige Botschafter, „China für unliebsame Effekte, die im Zuge der Globalisierung auf der Welt herrschen, allein verantwortlich zu machen.“

Panel „Die Rolle Chinas in der Welt – Selbstbild und Fremdbild"
Foto: Andrea Pollmeier
Foto: Andrea Pollmeier
Professor Helwig Schmidt-Glintzer von der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel legte sein persönliches Bild Chinas dar: So hätte er vor 40 Jahren nicht ahnen können, mit welcher Dynamik die chinesische Modernisierung in den letzten 40 Jahren voranschreiten würde. Seit dem Jahr 2005 habe es zigtausende öffentlicher Proteste gegeben. Die Bildung von NGOs und Bürgerbewegungen – z.B. gegen den Bau von Wasserkraftwerken – habe zugenommen. Auch das Rechtssystem mache Fortschritte: „Selbst wenn das Volk es oft noch fordert, es gibt nicht immer gleich die Todesstrafe.“ 1,3 Milliarden Chinesen suchten ihren persönlichen Weg zum Glück – die Rahmenbedingungen hierfür seien eine große Herausforderung, aber China hierbei Ratschläge zu erteilen nicht seine Aufgabe.
Bei den nachfolgenden Publikumsfragen, u.a. zur Frage der Menschenrechte, verwies Mei Zhaorong auf große Fortschritte in diesem Punkt. Gleichwohl gebe es hier unterschiedliche Auffassungen, je nachdem, ob eine Gesellschaft „einen vollen oder leeren Bauch“ habe. Es dürfe kein Schaden für das Gemeinwohl entstehen, Stabilität sei hier das wichtigste Stichwort: „Was, wenn die Leute nichts mehr zu essen haben, was ist dann mit den Menschenrechten?“, und schloss mit einem Bertolt Brecht-Zitat: „Erst kommt das Fressen, dann die Moral“. Eine darauffolgende Diskussion, die an diesem Punkt thematisch sinnvoll gewesen wäre, fand nicht statt.
China in den deutschen Medien
„Viele Bilder – viele Missverständnisse? Die Bilder Chinas in den Medien – Chinas Bild von den Medien“ – so lautete die Fragestellung des nächsten Panels, an die sich wohl auch aufgrund der einseitigen Themenvorgabe leider nur wenige konkrete Diskussionen zu Bildern Deutschlands in den chinesischen Medien anschlossen. Mei Zhaorong verwies auf viele lobenswerte Berichte der deutschen Presse über China. Es sei jedoch ebenso offensichtlich, dass manche Redaktionen Stereotype verwendeten, um bestimmte Erwartungen zu erfüllen, nach dem Motto „schlechte Nachrichten haben einen höheren Nachrichtenwert als gute“. Mit Schlagworten wie „gelber Spion“, „Technologiediebstahl“ oder „Raub von Arbeitsplätzen“ China als Bedrohung für die Welt medial anzuschüren, sei nicht angebracht. Hierbei betonte er: „China verträgt schon Kritik. Und ich will die Medien nicht pauschal verdammen“. Der seit langem in Deutschland lebende Autor und Journalist Shi Ming (史明) wies auf die wichtige Pflicht jedes Journalisten hin, wichtige und kritische Informationen bei der Berichterstattung nicht außer Acht zu lassen und zu überprüfen. Als Negativ-Beispiel nannte er die falsche chinesische Berichterstattung über einen Chemieunfall am Songhua-Fluss vor einigen Jahren.

Dai Qing (戴晴) und Bei Ling (贝岭) im Mittelpunkt des Medieninteresses
Foto: AR
Foto: AR
Es war die Journalistin Ji Yun (季芸) vom staatlichen Fernsehsender CCTV, die die eher harmonische Stimmung mit ihren Fragestellungen anheizte: Warum habe es in den deutschen Medien falsche Fotos zu Tibet gegeben? Warum habe Deutschland die Freude der Chinesen an der Olympiade nicht teilen können? Warum gebe man den Chinesen die Schuld am Milchpreis? Und gebe es nicht auch eine Art Zensur in Deutschland? Dem widersprach ein Sinologe aus dem Zuschauerraum: Die Diskussion sei fadenscheinig – es sei offensichtlich, dass in China jede Publikation ohne Pardon die Zensur durchlaufen müsse. Hier hätte sehr gut eine Diskussion weitergeführt werden können, die jedoch mangels beherzter Moderation ins Leere lief.
Warum die Europäer die Chinesen laut Umfragen medienbedingt eher kritisch sähen, während die Chinesen die Europäer eher als Freunde betrachteten, wurde auf chinesischer Seite gefragt. Auch hier hätte nun die Moderation tiefer ansetzen müssen – hier wäre die Chance einer ehrlichen Auseinandersetzung bei der Klärung der Grundsatzfrage gewesen: Was ist höher zu bewerten: Konfrontation oder die Wahrung eines harmonischen Bildes im chinesischen Sinne? Die Auseinandersetzung über die offensichtlichen Differenzen fand jedoch nicht statt. Die westliche Tradition, Kritik nicht als negativ, sondern als Ausdruck der Wertschätzung zu sehen, hätte an dieser Stelle diskutiert werden müssen.
Leistungsdruck statt „eiserne Reisschüssel“
Nach Überlegungen zum Stand Chinas auf dem Weg zu einer Wissensgesellschaft gab der Soziologe Li Qiang (李强) (Chinesische Akademie für Sozialwissenschaften, CASS) auf dem Panel „Industrialisierung und gesellschaftlicher Wandel“ einen fundierten Überblick über demographische Entwicklungen Chinas – nicht ohne die Probleme zu benennen: Entwicklungsunterschiede zwischen städtischen und ländlichen Gebieten sowie deren Folgen, Veränderungen in der Erwerbsarbeit durch das Aufheben der „eisernen Reisschüssel“, Folgen der Privatisierung des Wohnungsmarkts sowie die Herausforderungen durch die derzeitige Gesundheits- und Rentenreform.

Professor Li Qiang (李强) und Susanne Messmer, Foto: AR
Die Autorin Susanne Messmer hob in ihrem Beitrag die Auswirkungen dieser Entwicklungen auch auf die 20- bis 30-Jährigen hervor: Es gebe hier eine zunehmende Tendenz, sich den gesellschaftlichen Erwartungen und dem verstärkten Leistungsdruck zu verweigern. Der Sinologe Professor Carsten Herrmann-Pillath ging in seinen (augenzwinkernden) Ausführungen vor allem auf die schöpferische Kraft der „kreativen Imitation“ (shanzhai) ein. Die Weiterentwicklung von vorhandenen Produkten müsse nicht nur negativ gesehen werden. China sei gerade dabei, aus einem ursprünglich eher als Imitat geplanten Auto das erste marktfähige Elektroauto der Welt zu entwickeln.
Gemeinsame Ironie - kleiner Erfolg eines Kulturdialogs?
Das Panel „Die Rolle der Literatur - in Gefahr oder notwendiger denn je?“ geriet nach einem unterhaltsamen Teil dann zu einem emotional bewegten Abschluss der Tagung - jenseits des gestellten Themas. Mo Yan (莫言) starte seine Ausführungen zunächst mit einer launigen Anspielung auf die Medienbilder-Diskussion zu den „den Deutschen-die Milch-wegtrinkenden-Chinesen“, indem er ironisch bemerkte, man habe in Deutschland hoffentlich nichts dagegen, wenn er in China für die guten deutschen Dampfkochtöpfe Werbung mache, von denen seine Frau so begeistert sei. Jenseits des gestellten Themas zu Notwendigkeit oder Gefahr der Literatur skizzierte er seine Überlegungen, die sich in allgemeinen Erwägungen zur Definition von Weltliteratur erschöpften. Auch Tilmann Spengler, der den Ball der Dampfkochtöpfe gerne aufnahm - „mein Flieger nach Peking geht um 17 Uhr, ich habe nur Handgepäck und kann gerne noch Dampfkochtöpfe mitnehmen“ – beließ es bei Anekdoten und ebenfalls allgemeinen Überlegungen zur Ausrichtung der Literatur in einer globalisierten Welt. Zur Bedrohung der Literatur durch politische Zensur wollte er sich dezidiert nicht äußern. Nur Lu Jiande (陆建德) (CASS) betonte: „Demagogie ist kein guter Freund der Literatur."

Mo Yan (莫言) und Tilmann Spengler, Foto: Andrea Pollmeier
Der Autor Xu Xing (徐星) verlieh der Diskussion durch eine Reihe von Anmerkungen, die den Westen äußerst kritisch sahen, eine gewisse Bitterkeit. Aus vielen Fragen, die er in den letzten Jahren Reportern beantwortet habe, spreche ein großer Eurozentrismus. Es gebe auch viele Dinge, die der Westen an der chinesischen Kultur kaputtgemacht habe. Der Westen käme nach China und baue „komische Gebäude“ hier, „tobe sich in China aus“. Die abschließende Diskussion gestaltete sich wenig geradlinig. Wieso sich China denn für westliche Architekten überhaupt entscheide, wenn sie so wenig gefalle, wandte eine Zuschauerin ein – dem wollte Xu Xing nachgehen.
Wiederholt man auf chinesischer Seite derzeit womöglich unbewusst das historisch begründete Trauma, vom Westen „überrannt“ zu werden – ohne die Möglichkeit der eigenen Entscheidungsgewalt zu sehen? Diesen Fragen hätte durch eine vertiefende Moderation weiterführend begegnet werden müssen. Dai Qing schloss an ihre Frage zum Pressegesetz vom Vortag an – dass die USA dieses Gesetz auch nicht habe, wie Botschafter Mei Zhaorong gesagt hatte, sei kein Argument für seine Nichtexistenz in China – es sei jetzt an der Zeit, ein Presserecht einzuführen. Bei Ling, der sich „wie Robin Hood fühle, der von unten spricht“, kritisierte die literarische Diskussion, in der es gar nicht um Lyrik gegangen sei, die ihm als Dichter sehr am Herzen läge. In der Tat hätte die Moderation einen stärkeren Literaturbezug zum gestellten Thema fokussieren sollen, ging es doch recht allgemein um mögliche Kriterien erfolgreicher Weltliteratur.
Zhang Yunling (张蕴岭) (CASS) fand am Ende des zweitägigen Symposiums versöhnliche Schlussworte für die Veranstaltung: Es sei ein langer Weg, bis es in China allen gut ginge – mit jeder neuen Problemlösung kämen neue Probleme hinzu, wie z.B. in der Umwelt – dessen sei sich China bewusst. Selbst wenn man die KP absetze, sei die grassierende Korruption jedoch nicht automatisch beseitigt – China sei ein komplexes Gebilde, man brauche Mikroskop und Fernglas für eine realistische Wahrnehmung. „Man muss China erlauben, selbst für sich einen eigenen Weg zu finden, um die Probleme zu lösen. Der einzige Weg im Miteinander ist der Dialog.“ Dieser Dialog fand in Frankfurt auch mangels stringenter Moderation jedoch nur ungenügend statt.
Anke Rönspies
Redakteurin Deutsch-Chinesisches Kulturnetz, München
September 2009
Redakteurin Deutsch-Chinesisches Kulturnetz, München
September 2009









