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Yi Zhongtian (易中天): Was ist der chinesische Traum?

Professor Yi Zhongtian von der Xiamen-Universität © www.icpress.cn
Professor Yi Zhongtian von der Xiamen-
Universität © www.icpress.cn
Professor Yi Zhongtian, Universität Xiamen © www.icpress.cn

Der folgende Kommentar erschien am 9. Juli 2009 in der Southern Weekly. Es handelt sich um den Beitrag von Prof. Yi Zhongtian im Rahmen eines von Southern Weekly veranstalteten Diskussionsforums zum Thema „Der chinesische Traum – von der wirtschaftlichen Renaissance zur kulturellen Renaissance“.

Yi Zhongtian (易中天) wurde 1947 in der Provinz Hunan geboren. In China ist der Professor am geisteswissenschaftlichen Institut der Universität Xiamen durch seinen „Lecture Room“ im chinesischen Staatsfernsehen CCTV sehr bekannt. In Serien wie Die 100 philosophischen Schulen oder Yi Zhongtian kommentiert die Drei Reiche bringt er seit 2005 auf äußerst unterhaltsame Art und Weise alte chinesische Geschichte einem breiten Publikum nahe. Während auch seine Bücher – etwa die Plauderei über die Chinesen oder Notizen über historische Persönlichkeiten - reißenden Absatz finden, wird dem Professor und TV-Star aus akademischen Kreisen schon mal vorgeworfen, er „vulgarisiere“ die Geschichte.

Das Thema heute ist der „chinesische Traum“. Mir gefällt das Thema, weil Menschen Träume brauchen. Allerdings ist nicht immer gut, wovon man träumt, denn es gibt ja ganz unterschiedliche Träume: Angenehme Träume, Alpträume und Wunschträume. Wir müssen uns also zunächst einmal fragen, welchen Traum China träumen sollte.

Vielleicht den Traum von einer chinesischen Großmacht? Aber, so möchte ich fragen, ist mit einem mächtigen Staat alles gut? War nicht auch Hitlers Deutschland eine Großmacht? War nicht auch das Reich des ersten Kaisers Qin Shihuang eine Großmacht? War das gut?

Vielleicht den Traum von einem Volk im Wohlstand? Eine wohlhabende Bevölkerung ist selbstverständlich eine gute Sache. Als Menzius (孟子, um 370–290 v. Chr.) als Ratgeber am Hof des Königs Xuan von Qi weilte, bekundete letzterer seinen Hang zum Geld. „Dann lass das Volk mit dir reich werden“, entgegnete Menzius. Sollten wir das heutige Postulat vom „gemeinsamen Wohlstand“ also nicht ebenso gutheißen?

Da möchte ich wiederum eine Frage stellen: Wozu wollen wir denn das ganze Geld verdienen? Warum sollen wir reich werden? Wir alle sehen „Entwicklung“ als felsenfestes oberstes Gebot an. Da liegt mir die Frage auf der Zunge: Wozu soll ich diese Entwicklung mitmachen? Geht es für mich nicht auch ohne Entwicklung?

Wozu also ein wohlhabendes Volk, fragst du? So plädiere ich dafür, dass wir den Traum vom Glück träumen sollten. Den mächtigen Staat, ein reiches Volk oder die Entwicklung als oberstes Gebot einmal dahingestellt, letztlich geht es darum, dass der Mensch glücklich ist, und mit Mensch meine ich hier alle Menschen. Unser Traum sollte also dem Glück aller Menschen gelten.

Was haben wir?

Punkt zwei: Wenn wir den Übergang vom wirtschaftlichen Aufschwung zur einer Renaissance der Zivilisation schaffen wollen, müssen wir erst einmal Bilanz ziehen: darüber, was wir haben und was uns fehlt. Nun, was haben wir? Gerade haben die Anwesenden über die sogenannten „Grundwerte“ gesprochen. Gibt es solche zentralen Werte in der Kultur und Tradition unserer chinesischen Nation? Meine Antwort darauf ist eindeutig: Ja, es gibt sie. Wie hätte eine so große Nation wie die unsere ihre Zivilisation bis auf den heutigen Tag bewahren können, hätte sie nicht über tausende von Jahren Grundwerte gehabt?

Wie aber sehen diese zentralen Werte aus? Dazu können wir die „Hundert Denkschulen“ aus der Zeit vor der Qin-Dynastie befragen.

Zunächst sind da Nächstenliebe (ren`ai), Rechtschaffenheit (zhengyi) und Selbstbestimmtheit (ziqiang). Konfuzius (孔子, 551-479 v. Chr.) und Menzius meinten, wenn das Herz von Nächstenliebe erfüllt wäre, so schließe man, ausgehend von der Liebe zu den eigenen Anverwandten, indem man gleichsam auf einer vertikalen Achse Herzensgüte gegenüber den Jüngeren und Pietät gegenüber den Älteren lebt, auch alle Kinder und alten Menschen in diese Liebe mit ein. Verwirkliche man gleichsam auf einer horizontalen Achse die Bruderliebe, also die Liebe zu den eigenen Geschwistern, dann liebe man auch die Mitschüler der Brüder, die Kollegen, Freunde, Landsmänner, unsere Brüder anderer ethnischer Zugehörigkeit und alle „echten “ und „falschen“ Ausländer wie unsere leiblichen Brüder und Vettern. Darüber hinaus hat Menzius die Rechtschaffenheit und Xunzi die Selbstbestimmtheit ins Feld geführt. Dies sind die zentralen Werte, die auf die Konfuzianer zurückgehen.

Auch Mozi (墨子, etwa zwischen 479-381 v. Chr.) hat uns drei Grundwerte hinterlassen: Gleichberechtigung (pingdeng), allseitigen Nutzen (huli) und allumfassende Liebe (bo`ai). Sein Ideal war die Errichtung einer fairen und gerechten Gesellschaft. Einer Gesellschaft, die von der eigenen Hände Arbeit lebt, die den Leistungen und Fähigkeiten eines jeden gerecht wird und die von Chancengleichheit, Solidarität und Nächstenliebe geprägt ist. Wenn du die anderen liebst, werden sie dich ebenfalls lieben, und wenn du anderen hilfst, werden sie auch dir helfen, meinte Mozi. Dies ist das Prinzip der allseitigen Liebe, von der jeder profitiert.

Und wie steht es mit den Daoisten? Ihr Vertreter Zhuangzi (庄子, ca. 365-290 v. Chr.) trat für ein natürliches und freies Leben ein und sprach von einem „unbekümmerten Treiben“ (xiaoyaoyou). Jedes Lebewesen, nicht allein der Mensch, sondern auch die kleinen und großen Tiere wie sie in der Natur vorkommen – er sprach von Schwalben und Spatzen – verhielten sich gemäß ihrer Natur und Veranlagung und führten so ein freies und natürliches Leben. Also postulierte Zhuangzi auch die Toleranz.

Und was haben uns schließlich die Legalisten (fajia) vererbt? Offenheit (gongkai), Fairness (gongping) und Gerechtigkeit (gongzheng). Die Legalisten betonten, dass vor dem Gesetz jeder gleich sei und die Gesetze unnachgiebig durchgesetzt werden müssten. Dabei ließen sie ihren Worten auch Taten folgen, auch wenn ein Prinz die Gesetze verletzt, sollte er gleich einem einfachen Bürger bestraft werden. Die Legalisten machten hier Nägel mit Köpfen. Das ist das Erbe, das uns die Weisen der Vergangenheit hinterlassen haben.

Nun haben wir eine Antwort auf die Frage nach dem, was wir haben: Wir haben eine historische Tradition.

Was fehlt uns?

Die nächste Frage ist, was uns noch fehlt. Uns fehlt ein „modernes Bewusstsein“. Ein modernes Bewusstsein äußert sich vor allem im Bürgerbewusstsein sowie im Verständnis der Menschenrechte. Dafür gibt es in unserer Geschichte keine Tradition. Ich möchte das an einem Beispiel verdeutlichen: War etwa ein Kaiser der Ming-Dynastie einmal schlechter Laune, wurden kaiserliche Würdenträger vor das Mittagstor der Verbotenen Stadt geschleift und bekamen dort Schläge auf das blanke Gesäß. Wenn selbst die kaiserlichen Minister keine Menschenrechte hatten, wie erging es erst dem kleinen Mann.

Auch kann man sagen, dass es in der chinesischen Tradition kein Recht auf Privatsphäre gibt. Wenn Chinesen auf ihrem Recht nach Privatsphäre bestanden, wurde ihnen vor nicht allzu langer Zeit noch Folgendes entgegengehalten: „Recht auf Privatsphäre? Was soll die Heimlichtuerei, gibt es etwa Dinge, die du uns nicht sagen kannst?“ Aber natürlich gibt es manche privaten Dinge, die man niemanden sagen möchte. Das Recht des Menschen auf Privatsphäre anzuerkennen bedeutet, dass man als Bürger das Recht hat, etwas geheim zu halten, ohne es vor Gesellschaft und Allgemeinheit öffentlich zu machen. Aber diese Tradition kennt man bei uns nicht.

Außerdem haben wir keine Tradition der Wissenschaftlichkeit. Von den Denkern vor der Qin-Dynastie schenkte allein Mozi den Ingenieurwissenschaften etwas Beachtung und nur Xunzi zeigte einen Anflug von wissenschaftlichem Verständnis. Dabei kristallisiert sich Wissenschaftlichkeit meiner Meinung nach in vier Punkten heraus: Einem skeptischen Geist, einem kritischen Geist, einem analytischen Geist und einem positivistischen Geist. An all diesem mangelt es uns absolut.

Des Weiteren geht uns der Sinn für Demokratie ab. Nein, den haben wir, mag mancher sagen, sprach nicht etwa Menzius davon, dass das Volk am wertvollsten sei, während der Fürst ganz unten rangiere (minweigui, junweiqing), ist das etwa keine Demokratie? Nein, das ist nicht Demokratie, das ist das Volk als Basis. Was aber bedeutet „Demokratie“? Damit ist gemeint, dass die Herrschaft vom Volk ausgeht. Die Regierung muss durch das Volk bevollmächtigt sein. Dagegen legitimiert nach chinesischer Tradition der Himmel den Herrscher. Und warum spricht man vom „Himmelssohn“? Man wird Kaiser, weil man der Lieblingssohn des Himmels ist, nicht etwa weil man das Mandat des Volkes hat.

Schließlich fehlt uns noch eine Tradition der Rechtsstaatlichkeit. Ich stimme vollkommen mit dem überein, was mein Vorredner Jiang Ping (江平) gerade gesagt hat. Wir sprechen hier nicht über das Rechtssystem, sondern über Rechtsstaatlichkeit. Jiang Ping hat es auf den Punkt gebracht, bei Gesetzen gibt es humanes und inhumanes Recht. Würde man ein inhumanes Recht auf Punkt und Komma umsetzen, oh weh, es wäre der Untergang einer Nation. Als Herr Jiang Ping eben über Rechtsstaatlichkeit sprach, hat er darauf hingewiesen, dass es sich bei dieser um einen Gesellschaftsvertrag des Volkes handeln muss und um ein Übereinkommen des gesamten Volkes, sie muss auf einer demokratischen Basis fußen und sich unbedingt von der autoritären Rechtsstaatlichkeit der Legalisten abgrenzen.

Ich komme zu dem Schluss, dass wir unsere historischen Traditionen an ein modernes Bewusstsein andocken müssen. Es wird behauptet, die chinesische Zivilisation sei eine gelbe Zivilisation, während die westliche Zivilisation eine blaue Zivilisation sei. Dabei bin ich keineswegs der Meinung, dass beide Zivilisationen völlig unvereinbar sind. Ich denke, die gelbe und die blaue, die östliche und die westliche Zivilisation, die historische Tradition und ein modernes Bewusstsein sind kompatibel. Wir wissen alle, was passiert, wenn man die Farben gelb und blau mischt, man erhält grün. Grün ist die Farbe des Lebens.

Ich möchte nun in vier Schlagworten den chinesischen Traum und die Überlegungen zu dem heutigen Thema zusammenfassen: Kosmopolitismus, Vaterlandsliebe, Jahrhunderttraum und das Glück der Menschheit.
Text: Yi Zhongtian (易中天)
Professor am geisteswissenschaftlichen Institut der Universität Xiamen und TV-Moderator
Übersetzung: Julia Buddeberg
August 2009
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