Schloss Solitude: Ort der Muße und der Musen


Schloss Solitude © Akademie Schloss Solitude
„Solitude“ heißt bekanntlich „Einsamkeit“. Der Name stand ursprünglich für eines jener abgelegenen Jagdschlösser, in die sich europäische Fürsten von Zeit zu Zeit vor den Anforderungen der Regierungsgeschäfte und der höfischen Etikette zurückzuziehen pflegten. Etwas abseits der Stadt liegt „Schloss Solitude“ auch heute noch: etwa zwanzig Minuten fährt der Stadtbus von Stuttgart aus hinauf durch den Wald, bis er in den großzügigen Schlosshof einbiegt. Die umgebenden Schlossgebäude beherbergen die „Akademie Schloss Solitude“: eine Stiftung, die vom Land Baden-Württemberg getragen wird.
Die historische Funktion des Ortes als Ruhe- und Rückzugsort begreift man hier als Herausforderung für die Gegenwart: Denn die Stiftung vergibt Wohn- und Arbeitsstipendien an Künstler aus aller Welt: an junge Architekten, Designer, bildende Künstler, Komponisten/ Musiker, Schriftsteller, Übersetzer, Essayisten oder Kritiker. Ihnen wird die Möglichkeit geboten, hier, in der relativen Abgeschiedenheit von „Schloss Solitude“, in Ruhe an ihren jeweiligen kreativen Projekten zu arbeiten. Sie erhalten ein Stipendium in Höhe von rund 1.000 Euro plus einige Zuschüsse. Für die Zeit ihres Aufenthaltes steht ihnen außerdem ein modern gestaltetes Wohnstudio mit Atelier zur kostenfreien Verfügung. Außerdem haben die Stipendiaten freien Zugang zu den Werkstätten, der Bibliothek, sowie diversen Arbeits- und Ausstellungsräumen. Gewohnt und gearbeitet haben auf „Solitude“ schon einige prominente chinesische Schriftsteller: Die Lyriker Bei Dao, Yang Lian oder Ouyang Jianghe zum Beispiel. Der Hongkonger Architekt Hoi Wood Chang war einst ebenso Stipendiat der „Solitude“, wie die aus Taiwan stammende Komponistin Liu Pei-Wen oder der in Frankreich lebende Künstler Huang Yongping.
Gespräche, Ausstellungen, Bücher

Eingang Schloss Solitude
© Akademie Schloss Solitude
© Akademie Schloss Solitude
Die „Solitude“ des Wang Jiaxin
Gegen Ende des Rundgangs auf der „Solitude“ besuche ich in einem der Studios den chinesischen Dichter, Literaturkritiker und Übersetzer Wang Jiaxin (王家新). Das erste Mal, so erzählt er mir, sei er 1997 für ein halbes Jahr hier gewesen. Was er hier vor allem gefunden und geschätzt habe, sei die Ruhe – und eben „solitude“ („gudu“), die Einsamkeit: von geradezu zentraler Bedeutung für sein Schreiben sei dies alles gewesen, denn in dieser Zeit habe er viele Gedichte verfasst. Einige dieser Gedichte sind im Jahrbuch 4 der Akademie abgedruckt – in der deutschen Übersetzung von Wolfgang Kubin. Und wenn Wang Jiaxin von seinen Spaziergängen im nahegelegenen Wald von „Solitude“ und von seiner Beschäftigung mit der Lyrik Paul Celans und Rainer Maria Rilkes berichtet, dann ahnt man, welche Wirkung die Atmosphäre dieses Ortes offenbar zu entfalten vermag. „Derweil ist, wer von Marmortreppen zum Himmel schaut / und wer in den Schlosskellern ein- und ausgeht / nicht mehr derselbe.“ Heißt es in einem seiner auf „Solitude“ entstandenen Gedichte. Welchem Stipendiaten der „Akademie Schloss Solitude“ wäre ein solcher Effekt nicht zu wünschen?
Die nächste Bewerbungsrunde beginnt am 1. Juli 2012.
Text: Dr. Dagmar Lorenz
Sinologin, Literaturwissenschaftlerin und Publizistin
März 2009
Sinologin, Literaturwissenschaftlerin und Publizistin
März 2009









