Kulturaustausch Querbeet

Bietet kreative Freiräume in Berlin – das Künstlerprogramm des DAAD

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Großer Freiraum für Kultur in Berlin

Das Berliner Künstlerprogramm des DAAD (BKP) vergibt Stipendien an Künstler aus aller Welt, damit diese in der deutschen Hauptstadt eine Zeitlang unbehelligt von Marktmechanismen, materiellen Zwängen oder Zensur ihrer kreativen Arbeit nachgehen können. Der chinesische Dichter Yang Lian (杨炼), der 1991 Gast des BKP war, bezeichnete seine Arbeit in der Stadt als „Schreiben auf Berliner Art“, ein Schreiben, das nicht auf den Preis für die Freiheit des Denkens schaut.

Seit dem 1. September 2008 ist Katharina Narbutovič die neue Leiterin des BKP. Über die Kontinuität des 1963 gegründeten Programms sowie seine ständige Neuerfindung sprach Peggy Kames für das Deutsch-Chinesische Kulturnetz im Dezember 2008 mit Frau Narbutovič.

PK: Was macht Ihre neue Tätigkeit so spannend für Sie?

KN: Es ist äußerst anregend, jeden Tag mit Künstlern zu tun zu haben. Man wird ständig aufs Neue mit anderen Kulturen, anderen Denkweisen, anderen historischen Gegebenheiten und anderen Problemen konfrontiert, in die man sich natürlich hineindenken muss. Das ist ein Zuwachs an Wissen und eine Bereicherung, die ich anderswo nicht gehabt hätte. Ich habe immer von einem Salon geträumt, der über geografische und kulturelle Grenzen hinweg funktioniert. Und hier kann ich am meisten dazu beitragen.

PK: Was hat sich im Berliner Künstlerprogramm verändert? Und welche neuen Akzente setzen Sie?

KN: Es gibt einen sehr schönen Satz aus dem Roman Der Leopard von Lampedusa, der sinngemäß lautet: "Wenn du willst, dass alles bleibt, wie es ist, muss alles sich ändern." Ich glaube, nur so geht es. Das BKP ist immer dabei, sich neu zu erfinden. Es war bis zum Mauerfall ein Frontstadtprogramm, damals galt es, eine Insel der Freiheit zu schaffen, ein Schaufenster der Freiheit zu sein. Das wurde mit dem Mauerfall hinfällig. Man konnte nicht so fortfahren wie bisher, sondern musste sich neu definieren. Wir haben jetzt beispielsweise viel bessere Möglichkeiten, unsere Gäste ins ganze Land hinein zu vernetzen, Veranstaltungen in ganz Deutschland zu organisieren. Berlin ist nunmehr Vitrine und Visitenkarte für ganz Deutschland. Und so sehen wir heute auch unsere Arbeit.

Ich möchte zusätzliche Begegnungsmöglichkeiten schaffen wie zum Beispiel den viermal jährlich stattfindenden Salon des Berliner Künstlerprogramms, zu dem wir gezielt Vertreter von Festivals oder Verlagen einladen, um unsere Gäste mit wichtigen Vertretern des geistigen und kulturellen Lebens Deutschlands zusammenzuführen. Außerdem liegt mir sehr an der spartenübergreifenden Arbeit, ich möchte viel mehr selbst Diskussionen anregen und Themen setzen.

PK: Wer kann sich bewerben?

KN: Bewerben können sich Filmemacher, Autoren sowie Komponisten neuer oder elektronischer Musik bis zum 31.12. jeden Jahres für das jeweils übernächste Jahr. Bildende Künstler können sich nicht bewerben. Hier haben wir das Verfahren gewählt, dass internationale Juroren Vorschläge unterbreiten. Es ist Anliegen des Programms, den Dialog zwischen Künstlern aus aller Welt zu fördern. Wichtig ist, dass die Künstler schon einen gewissen Ruf haben, denn wir sind kein Nachwuchsprogramm. Mein Wunsch ist, dass etwa ein Drittel der Gäste aus außereuropäischen oder außerwestlichen Ländern kommt. Wir können nicht fortfahren zu denken, wir seien der Nabel der Welt und in Europa bzw. im Westen passiere alles Wesentliche. Der internationale Kulturbetrieb ist längst in ganz anderen Korridoren unterwegs, da gibt es beispielsweise Vernetzungen zwischen Peking und Bangkok oder Bangkok und Sao Paolo oder Johannesburg. Das sind Ströme und Bahnen, die wir nicht außer Acht lassen dürfen.

PK:Wie viele Stipendien gibt es?

KN: Es gibt 18 Stipendien, sechs für Literatur, drei für Film, drei für Musik und sechs für Kunst Es sind immer zwischen 18 und 20 Gäste in der Stadt. Wir haben auch die Möglichkeit, ehemalige Gäste wieder einzuladen, um neue Werke vorzustellen oder neue Projekte auszuhecken. Wenn ein Gast weggegangen ist, dann gehört er zur BKP-Familie und wir bleiben weiterhin mit ihm im Kontakt. Wir haben außerdem ein Kurzzeitstipendium, das in Zusammenarbeit mit der Berlinale vergeben wird: Das ist der DAAD Short Film Award, der ein Dreimonatsstipendium bei uns beinhaltet.

PK: Das normale Stipendium für Filmemacher gibt es für 6 Monate …

KN: Ja, die anderen Stipendien sind Jahresstipendien. Der Bereich Film wurde erst später in das Programm integriert. Wir können den Filmemachern keine großen Produktionsmittel an die Hand geben, nur einen Zuschuss von 5.000 € zu den Produktionskosten. Was also soll ein Filmemacher ein ganzes Jahr lang hier machen? Wir können Know-how und Kontakte bereitstellen, den Rest an Mitteleinwerbung muss er selbst übernehmen. Das halbe Jahr kann genutzt werden, um ein Drehbuch fertig zu schreiben, einen Film zu schneiden oder auch einen Kurzfilm zu machen.

PK: Und wie erfolgt die Auswahl der Bewerber?

KN: Ausschlaggebend für eine Einladung ist allein die künstlerische Qualität der Arbeiten. Die Jury hat die Aufgabe, eine Mischung aus Auszeichnungsstipendiaten und Geheimtipps auszuwählen. Es wird zum einen die hohe Qualität eines Werks geehrt, und zugleich versuchen wir, interessante junge Künstler zu bekommen, von denen wir überzeugt sind, dass sie sich durchsetzen und eine feste Größe in der internationalen Kulturszene sein werden.

PK: Was erwartet die Auserwählten hier?

KN: Es hängt davon ab, was der Gast sich wünscht. Das Programm ermöglicht es dem Künstler, ein Jahr in Freiheit und finanziell abgesichert zu schaffen: ohne den Druck der Marktmechanismen oder politische Einflussnahme. Der Gast bekommt eine Wohnung zur Verfügung gestellt, die in der Regel zwischen 3 und 5 Zimmern hat. Das hängt davon ab, ob er allein oder mit Familie kommt. Der Stipendiensatz beträgt derzeit 2.240 €. Davon werden 470 € für die Miete abgezogen. Unsere Gäste haben die Möglichkeit Sprachunterricht zu nehmen, für die Kinder organisieren wir Schul- oder Kindergartenplätze. Und ansonsten ist es das allererste, in einem Gespräch mit dem Gast herauszufinden, was er sich selbst vorstellt. Wenn er in Ruhe gelassen werden möchte, dann wird er in Ruhe gelassen und soll seinen Freiraum haben. Wenn der Gast viel unternehmen möchte, helfen wir bei der Organisation von Lesereisen, Auftritten bei Literaturfestivals, bei der Organisation von Ausstellungen, nicht nur in der daadgalerie, sondern auch über andere Ausstellungskooperationen, versuchen Konzerte bei Festivals neuer Musik wie Ultraschall oder März-Musik zu organisieren und so weiter. Wir versuchen, jedem Gast hier ein Forum zu bieten und vernetzen ihn in die deutschsprachige kulturelle Öffentlichkeit hinein. Wir öffnen so viele Türen, wie es geht. Der Gast muss Lust haben, neugierig sein...

PK: Hat der Gast Pflichten?

KN: Nein. Wir sind stolz darauf, sagen zu können, dass unseren Gästen der größtmögliche Freiraum geboten wird. Wenn ein Gast beispielsweise aus einem Land kommt, in dem Zensur herrscht, ist allein die Tatsache, ein Jahr lang für sich die Freiheit des Denkens genießen zu können, in einem „Freihafen der Künste“ zur Ruhe zu kommen, wie György Konrád, der frühere Präsident der Akademie der Künste in Berlin, es einmal nannte, unglaublich viel wert.

PK: Was passiert aus Ihrer Erfahrung mit den Gästen?

KN: Wenn man allein durch eine fremde Stadt spaziert, sind die Poren der Wahrnehmung ganz weit geöffnet. Nichts zu tun, ist das beste Mittel, damit etwas passiert. Die Wahrnehmung für das andere oder auch die Wahrnehmung der eigenen Sprache oder des eigenen Körpers funktioniert auf Hochtouren, und damit wird etwas ausgelöst, was so sonst nicht geschehen würde. Es gibt oft regelrechte Schaffensschübe und mancher setzt sich, ohne es vorher gewollt zu haben, mit der deutschen Geschichte auseinander. So entstanden Videoinstallationen, wie die von Jane und Louise Wilson in der ehemaligen Stasi-Zentrale oder ein Buch wie die Berliner Notizen von Cees Nooteboom, der 1989 hier war, oder eine Arbeit wie die unterirdische Bibliothek auf dem Bebelplatz von Micha Ullmann.

PK: Welchen Stellenwert hat dabei Berlin?

KN: Man muss einfach sagen, wir sind in der Stadt, die für Künstler in Deutschland am attraktivsten ist. Hier gibt es eine unglaubliche Dichte an Kulturschaffenden aus der ganzen Welt, was anregend für Künstler ist. Wir sind in der Stadt, wo deutsche Geschichte und ihre Reibungen am deutlichsten spürbar sind, z.B. die Reibungen zwischen Ost und West. Und wo Reibung ist, wird Energie freigesetzt, und das ist anregend.

PK: Ihr Wunsch für die Zukunft?

KN: Ich möchte die Gäste mehr untereinander und mehr in die Öffentlichkeit hinein vernetzen. Das BKP muss ein wichtiger Player in der Stadt sein. Und mit Blick auf China – es war in den letzten Jahren tatsächlich so, dass es nicht viele Bewerbungen aus China gab, und ich würde mich freuen, wenn sich das wieder ändert.

PK: Frau Narbutovič, vielen Dank für das Gespräch!

Chinesische Künstler, die Gast des BKPs waren:

Bildende Kunst
Xu Tan (徐坦, 2004), Qin Yufen (秦玉芬, 1988), Zhu Jinshi (朱金石, 1988)

Literatur
Feng Li (冯丽, 2004), Zhai Yongming (翟永明, 2000), Shu Ting (舒婷, 1996), Duo Duo (多多, 1994), Gu Cheng (顾城, 1992), Yang Lian (杨炼,1991), Liu Binyan (刘宾雁, 1990), Bei Dao (北岛, 1989), Gao Xingjian (高行健, 1985), Zou Difan (邹荻帆, 1983)

1998 war Leung Ping-Kwan (梁秉钧), aus Hongkong in der Sparte Literatur zu Gast.

Film
Lou Ye (娄烨, 2004)

Musik
An Chengbi (安承弼, 2007), Qu Xiaosong (瞿小松, 2001), Luo Zhongrong (罗忠熔, 1985)

2008 ist im Bereich Film James T. Hong aus Taiwan / USA in Berlin zu Gast.

Text/Interview: Peggy Kames
Sinologin, Berlin
Copyright: Deutsch-Chinesisches Kulturnetz
Dezember 2008
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