Ein Treffen mit Freunden beim WeihnachtsZauber auf dem Berliner Gendarmenmarkt

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| Holzschnitzer auf dem Berliner Gendarmenmarkt |
In Gedanken mit der Frage beschäftigt, welche Weihnachtsgeschenke zu besorgen sind, erhalte ich die Einladung von Yu Li und Li Min, einem eng befreundeten Ehepaar, das sich auf dem Gendarmenmarkt mit mir treffen möchte. Yu Li und Li Min haben dort auf dem Weihnachtsmarkt einen Stand gemietet und verkaufen Lackwaren. Ich komme von der U-Bahn-Station, umgehe eine kleine Baustelle und sehe dann sogleich eine Reihe ordentlich beieinander stehender Zelte, alles strahlend illuminiert: Dort ist der Weihnachtsmarkt! Vor der Kasse hat sich eine kreisförmige Warteschlange gebildet. Viele kommen gerade von der Arbeit und haben sich hier mit Freunden verabredet, bummeln über den Weihnachtsmarkt, trinken einen heißen, dampfenden Glühwein oder kaufen nebenbei das eine oder andere Geschenk. Die jungen Männer an der Eintrittskartenkontrolle haben sich als Gendarmen herausgeputzt, aber ihr Auftreten ist alles andere als ernst und streng, sie unterhalten sich fröhlich miteinander. Rund um den Eingang hängen aus Stoff gewebte Hinweise zu Werkstätten traditionellen europäischen Handwerks. Denn das Besondere an diesem Weihnachtsmarkt ist die Präsentation alter Handwerkskunst: Man findet hier Schmuck, feine Seifen, Kleider und Hüte, Lederartikel, Süßwarenspezialitäten, Schreibwaren, Weihnachtsdekorationen und vieles mehr. Wie ein Epochen und Regionen überspannender Basar, stellt jedes Büdchen eine besondere Kunstfertigkeit zur Schau. Sehen wir uns zum Beispiel die Fertigung von Visitenkarten an: Jedes einzelne Kärtchen wird mit einer winzigen Maschine mit Bleilettern à la Gutenberg gesetzt und dann handgedruckt.
Der Stand von Yu Li und Li Min präsentiert sich schlicht und übersichtlich: Verschiedene Lackwaren wie Vasen, Teller und Tabletts in unterschiedlichen Formen sind aufgestellt. Vieles davon hat Yu Li selber entworfen, die Herstellung erfolgt von Hand in Vietnam. Der Ursprung von Lackarbeiten liege zwar in China, erklärt Yu Li, da aber viele der Arbeiten handgemalte Darstellungen in traditioneller chinesischer Feinmalerei enthielten, entsprächen die Lackarbeiten nicht der westlichen Ästhetik. Das edelste Design gäbe es in Japan, aber der Preis sei nicht gerade bescheiden. Die Lackwaren in Vietnam seien schlicht und doch nicht ohne lebendiges folkloristisches Gepräge. Yu Li erläutert den wissensdurstigen Kunden Material und Herstellungsverfahren, ganz wie ein Fachmann: Wie widerstandsfähiger Bambus ausgesucht wird, wie man Goldfolie und Silberfolie aufgeträgt, wie Eierschalen hinzugefügt werden und dadurch die buntgesprenkelten und abstrakten Ornamente entstehen... Aber trotz der ausführlichen Erläuterungen erreicht Yu Li nicht den geschäftlichen Erfolg von Li Min. Li Min ist die wahre Starverkäuferin an diesem Stand: Vielleicht liegt es an ihrem gelassenen Wesen und ihrem Deutsch mit französischem Akzent, dass sie so einen ungewöhnlich exotischen Charme ausstrahlt. Beeindruckt gibt Yu Li Konfuzius recht, der gesagt hat, "Geschickte Reden und ein zurechtgemachtes Äußeres sind selten Zeichen von Mitmenschlichkeit" – wenn er selber etwas erzähle, tue er dies durchaus redegewandt, eben wie ein erfahrener Kaufmann, erscheine aber wohl nicht ganz so redlich.
Beide, Yu Li und Li Min, kommen aus Shanghai. Yu Li kam vor sieben oder acht Jahren nach Deutschland, um Publizistik zu studieren. Er schrieb als Kolumnist für eine Shanghaier Abendzeitung, wortgewandt, witzig, stets boten seine Texte im richtigen Spannungsmoment eine Pointe zum Nachdenken. In der Vergangenheit war ich bei seiner Familie zum Essen eingeladen, die beiden tischten immer sehr viele Gänge auf, jedes Gericht nach Farbe, Duft und Geschmack äußerst sorgfältig ausgewählt, wobei Yu Lis Plaudereien bei Tisch ganz ohne Zweifel das beste Gewürz waren. Trotz der langen Zeit, die sie bereits in fremden Ländern leben, haben sie nie die Details außer Acht gelassen.
Vielleicht habe ich ihre schwierigen Zeiten nicht miterlebt. Beide sind in diesem Jahr eine zeitlang im Krankenhaus gewesen. Doch nun wieseln die beiden wieder in Sachen Lebensunterhalt umher, für ein Leben mit Geschmack und Fantasie, voller Klang und Farbe. Li Min hat Modedesign studiert, sie hat sich immer darauf verstanden, die unmöglichsten Farben zu einem harmonischen Ganzen zu fügen oder – anders ausgedrückt – einen neuen Farbzusammenhang zu kreieren, der mein Verständnis von Farbharmonie zu verändern vermochte. Nach Abschluss ihres Magisterstudiums in Paris folgte sie ihrem Mann nach Deutschland, von einem fremden Land in ein anderes fremdes Land. Heute spricht sie bereits fließend Deutsch. Zusammen machen wir jetzt einen Bummel über den Markt. Li Min lädt mich zu einer Portion "Rahmfleck mit Speck und Lauch aus dem Steinofen" ein und zu gerösteten Kastanien - die Leckereien, die einem Chinesen auf dem Weihnachtsmarkt am ehesten munden.
Danach erzählte Yu Li die eine Anekdote vom Weihnachtsmarkt: Es gibt einen älteren Herrn, der in den letzten Jahren auf dem Weihnachtsmarkt am Gendarmenmarkt einen Stand unterhält, an dem er nichts anderes als simpelstes Holzgeschirr fertigt und verkauft, wie es heißt, zum Wohle der Natur und zur Verminderung des Konsums. Yu Li jedoch bleibt dabei: Zu Weihnachten muss man unbedingt konsumieren, da es ja das Fest des Beschenkens ist. Die Aufmerksamkeit, die der Chinese der Gabe schenkt, zeigt sich in dem Wort, das aus zwei Schriftzeichen besteht, das Ritual des Beschenkens nimmt die erste Stelle ein, während das dingliche Geschenk dahinter zurück steht. Bei dem durch den Austausch von Geschenken bestimmten Miteinander gibt es für die Menschen ganz konkrete und alltägliche Beziehungen. Als Yu Li und Li Min hören, dass ich meinen deutschen Freunden etwas zu Weihnachten schenken möchte, geben sie mir eine Auswahl ihrer Lackvasen und Lackteller, und nach einem längeren höflichen Gerangel hinterlasse ich bei ihnen einen kleinen, rein symbolischen Betrag. Als ich mich dann mit den vielen Päckchen auf den Weg machen will, macht Yu Li mit seinem Handy ein Foto von mir, als Beweisstück für mich als "Plünderer", das die Bildunterschrift "Rückkehr mit reicher Ernte" erhält.
Text: Wang Ge,
Redakteurin Deutsch-Chinesisches Kulturnetz
Übersetzung: Ute Gebina Gareis
Copyright: Deutsch-Chinesisches Kulturnetz
Dezember 2007
Redakteurin Deutsch-Chinesisches Kulturnetz
Übersetzung: Ute Gebina Gareis
Copyright: Deutsch-Chinesisches Kulturnetz
Dezember 2007















