All überall auf den Hochhausspitzen seh' ich bunte Flashlights blitzen...

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| Heiligabend in Xiamen: Weihnachtsmann verteilt Süßigkeiten |
Ohne Geschenke geht nichts
Sie hat China die Kultur des individuellen Schenkens gebracht. Früher konnten junge Leute nur am Neujahrsfest ihr traditionelles "Wachse-Gut-Geld (ya sui qian)" einsammeln. Das ist ein eher langweiliges Geschäft, für das man auch noch vor der älteren Generation Kotau machen und ein Sprüchlein aufsagen muss. "X-mas" ist Zweisamkeit plus Party. Keine umständlichen Bräuche, keine komplizierten Rituale – dafür Geschenke, die man brauchen kann oder nicht. Abends sucht man dann eine der unzähligen "X-mas"-Diskos auf, die zu Weihnachten in Chinas Metropolen so richtig für Stimmung sorgen: laut und fröhlich, eine echte Power-Fete.
Vor der Party mal eben in die KircheNicht weit von unserem Zuhause entfernt liegt die Duolun-Kulturstraße, hier steht eine evangelische Kirche in europäisch-chinesisch gemischtem Baustil. Vor rund zwei Jahren hat sich Gott, der ehemalige Besitzer des Gebäudes, sein Haus zurückerobert. Wie einst Jesus im Jerusalemer Tempel hat er alle Händler und Aussteller aus seinem Haus werfen lassen. Seitdem gibt es dort wieder Gottesdienste. Selbstverständlich auch zu Weihnachten. Dann platzt die Kirche wie viele andere in der Stadt aus allen Nähten, denn viele junge Menschen wollen ihre "X-mas"-Stimmung mit echter Kirchenatmosphäre verstärken. Und auch Ausländer drängen hinein. Für manche wird das Fest zur Sinnsuche, zur Suche nach dem eigenen Ich.
Das braucht mein Nachbar Lao Xing nicht mehr zu finden, denn er ist seit Jahrzehnten praktizierender Christ und unser chinesischer Nikolaus. Jedes Jahr versorgt er mich über die Gartenmauer hinweg mit neuen Weihnachtsliedern und englischen Weihnachtsgeschichten. Die hat der pensionierte Englischlehrer über's Jahr gesammelt.
Weihnachten selbst ist in China eine Zeit wie jede andere auch. Die Menschen arbeiten, der Feierabendverkehr dröhnt durch unsere Straße. Also feiern wir mitten im chinesischen Alltag, glücklicherweise umarmt von einem Ort mit alten Häusern aus dem frühen 20.Jahrhundert. Den Weihnachtsbaum aus Kunststoff haben wir vor Jahren bei Ikea erstanden. Über die Jahre ist dazu eine ansehnliche Kollektion von Weihnachtsschmuck, selbstverständlich "Made in China", zusammengekommen. Am Vormittag des 24. wird traditionell geschmückt. Lao Xing im dritten Stock des Nachbarhauses spielt dazu seine neueste Weihnachts-CD ab. Das "Ave Maria" sickert durch die hellhörigen Wände, hinzu gesellt sich "Amazing Graze".
Für AnDi, den Achtjährigen, ist die Weihnachts-Bescherung längst der Höhepunkt seines persönlichen Festkalenders geworden. Ihr Stellenwert überschreitet das "Wachse-Gut-Geld-Ritual" des chinesischen Neujahrsfests einen guten Monat später bei weitem. Seine behütete, chinesisch geprägte Kindheit habe ich bis heute strategisch ausgenutzt, um den Weihnachtsmann lebendig zu halten. Noch glaubt er an ihn, wenn auch mit zunehmendem Zweifel und Kompromissen. Das deutsche Christkind, das eigentlich die Geschenke bringt, hat gegen den amerikanischen Nikolaus keine Chance. Ich füge mich.
...drinnen feiert die Kleinfamilie
Die Bescherung halten wir traditionell deutsch: Glöckchen klingeln, deutsche Weihnachtsmusik übertönt Lao Xings "Amazing Graze". Wir ziehen in einer dreiköpfigen Weihnachtsmann-Polonäse mit "Made in China"-Weihnachtsmannmützen an der aufgepflanzten Kamera vorbei, die weihnachtliche Serienbilder schießt. Dann werden die Geschenke geplündert und AnDis Gesicht strahlt mit dem Weihnachtsbaum um die Wette – vorausgesetzt, der Weihnachtsmann konnte seinen mit Mühe auf Deutsch geschriebenen Wunschzettel entziffern...
Gegrillte Köstlichkeiten und ein deftiger Heiligabend-Kartoffelsalat runden das Geschehen ab. Für die Christmette fehlen allerdings irgendwie Schnee und das besinnliche Umfeld. Der Wunsch nach mitteleuropäischer Weihnacht regt sich ein wenig, doch ich bleibe standhaft und das Auge der Erinnerung trocken. Ich konzentriere mich auf die Atmosphäre zuhause und genieße unser Familien-Weihnachten in kleinstem Kreis mitten in Hongkou. Schließlich können chinesischer Glücksstern und deutscher Weihnachtsstern hier zusammen leuchten. Und in diesem Jahr sogar noch intensiver: Deutsche und chinesische Freunde werden den sonst ruhigen Heiligabend beleben. Das goldene Festmahl schlüpft dann in ein rotes Feuertopfkleid. So verschmilzt deutsche Besinnlichkeit doch einmal mit dem ausgelassenen, chinesischen „X-mas -Feeling".

Text: Marcus Hernig
Germanist und Sinologe, lebt seit 10 Jahren in China
Copyright: Deutsch-Chinesisches Kulturnetz
Dezember 2007
Germanist und Sinologe, lebt seit 10 Jahren in China
Copyright: Deutsch-Chinesisches Kulturnetz
Dezember 2007















