Querbeet

"Filmstar" in Fernost

Eingang Beijing Film Studios © ML
Eingang Beijing Film Studios © ML
Eingang zu den Pekinger Film Studios

„1 – 2 – kai shi", der Aufnahmeleiter schreit in sein Megaphon, als befänden wir uns nicht in einem 25 qm-Studio, sondern bei einer Großproduktion. Immerhin, ich habe ihn verstanden – „Action" , das war eine meiner ersten Vokabeln – wenn ich auch immer noch nicht weiß, welches Produkt ich heute bewerbe.

Wenn man in ein fremdes Land geht, mag man sich vorab unzählige Gedanken darüber machen, wie die vor einem liegende Zeit sich wohl gestalten wird, welcher Alltag einen erwartet, was für Begegnungen und was für Überraschungen. Mit dieser hätte ich nicht im Traum gerechnet: Als China-Neuling ohne nennenswerte Sprach- und Kulturkenntnis habe ich eine interessante und gelegentlich herausfordernde Beschäftigung gefunden. Ich wirke an Werbefilmen mit und dies, obwohl allenfalls durchschnittlich ansehnlich und höchstens mittelmäßig talentiert. Es ist wohl typisch deutsch, dass ich vor dem ersten Dreh mit Schrecken an meine mangelnde Erfahrung dachte: „Ich kann doch bloß die Theater-AG in der Schule vorweisen....!" Aber wir befinden uns in China. Und offensichtlich benötigt man eine Menge westlicher ‚Experten', die glaubhaft für Qualität und Nutzen von automatischen Rolltoren, Hydrauliköl oder Vitaminpräparaten aus Europa und den USA bürgen.

Wie immer habe ich heute wieder meine ein paar Monate alte Tochter dabei. Eine Ayi haben wir noch nicht, aber es gibt ja genug Leute hier am Set, die gerne Mikro, Scheinwerfer oder Skript fallenlassen, um die Meimei zu schaukeln. Und da ist noch mein Agent, der sich außer um das Baby um die Kontakte zu den Produktionsfirmen kümmert. Er führt die Verhandlungen, dolmetscht und erledigt die Logistik. Heute hat er uns in ein Studio in der Filmfabrik Peking gefahren. Hier am nördlichen dritten Ring liegt das chinesische Hollywood. Wir passieren das Eingangstor, im Gegensatz zu der dort wartenden Menschentraube, Movie-Tagelöhner. Wie ich erfahre, ist auch hier ein Pflaster für große Träume und Hoffnungen.

Diesmal kein stundenlanges Warten. Das Set ist schon bereit, als ich aus der Maske komme und anschließend in einen Alptraum aus rosa Seidenimitat mit Schleifchen gekleidet werde. Das verspricht, ein kurzer Job zu werden; aber es gibt noch ein kleines Problem: Ich bekomme einen zerknitterten Zettel in die Hand gedrückt. Zwischen mir und zu Hause liegen etwa fünf Zeilen Text – ein richtiger Dialog mit meiner Filmpartnerin auf Chinesisch! Sie wartet bereits mit den etwa dreißig anderen Mitgliedern des Filmteams vor dem Bluescreen. So richtig überblicken kann ich die Situation nicht, denn es herrscht einerseits geschäftiges Treiben, Kommen und Gehen, andererseits entspanntes Hocken und Kauern im Studio, ganz wie draußen. Die Stimmung ist ausgelassen, man reagiert freundlich und neugierig auf die ausländische Hauptdarstellerin mit Baby.

Endlich erhalte ich vom Aufnahmeleiter einen Anhaltspunkt, was in den nächsten Minuten oder Stunden passieren soll. Als ich ihm erkläre, dass ich die Schriftzeichen nicht lesen kann, ist er erstaunt. Wir quetschen die Pinyin-Umschrift zwischen die Zeilen. Und los geht's, üben. Meine Frage nach der Bedeutung des Textes ruft ein freundliches Lächeln hervor. Wahrscheinlich ist nicht genug Englisch vorhanden, und mein Agent ist noch nicht wieder aufgetaucht. Das Zusammenspiel mit meiner Filmpartnerin klappt. Ich begrüße ‚meine werten weiblichen Freunde' (Aha, ein Frauenprodukt!), stelle fest, danach müssen wir uns zusammen zum Bluescreen umdrehen, zeigen, sie fragt nach, ich versichere und mache eine kurze Schlussbemerkung. Es wäre für mich um ein Vielfaches leichter, wenn meine Filmpartnerin ihren Text nicht ständig laut vor sich hin sagen würde. Wir probieren einige Male, natürlich verhaspele ich mich, sie souffliert. Mein Zweizeiler-Schlussstatement entpuppt sich als echter Zungenbrecher, aber nach der dreißigsten Wiederholung sitzt der Text einigermaßen.

So weit, so gut. Allerdings ist dem Regisseur meine Körpersprache nicht aussagekräftig genug. Daumen hoch, Hand auf Schulterhöhe, Rücken gerade und in einem Ruck die Hand nach vorn boxen, als wollte ich eine Tür aufstoßen, aber dabei den Oberkörper ruhig halten und wie verrückt lächeln. Diese Art der Gestik-Mimik-Kombination erscheint mir absurd und völlig ungeeignet, ein – ja, was auch immer– anzupreisen. Ich versuche, Bilder aus meiner frühen Werbesozialisierung zu evozieren, kann mich jedoch von „Sie baden gerade Ihre Hände darin" bis „Komm auch du, greif zu" keiner so aberwitzigen Gebärde entsinnen. Wir probieren ein paar Mal, und ich erhalte Order, dabei noch fröhlicher zu sein. So sehr ich mich anstrenge, es ist noch nicht fröhlich genug. Aufnahmeleiter, Assistentin und ein Dutzend weiterer springen vor mir her, strahlen und rufen: „More gaoxing!". Aber wie war jetzt noch mal der Text...?

Wie erleichtert bin ich, als ich draußen mein schreiendes Baby höre, das gerade von meinem Agenten herein getragen wird. Pause. Nach der Milchmahlzeit geht es weiter. Inzwischen habe ich auch erfahren, dass ich für eine Geburtsklinik Werbung mache. Vielleicht klappt es ja deshalb jetzt besser. Nach eineinhalb Stunden ist es vollbracht. Alles in allem eine schnelle Geburt.

Text: Dorothee Friedrich
Copyright: Deutsch-Chinesisches Kulturnetz
Dezember 2007

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