Die Deutschlandpromenade in Nanjing

Nach vergleichbaren Kulturprogrammen der letzten Jahre wie etwa dem Französischen Jahr in China oder dem Russischen Jahr setzten die Veranstaltungsreihe Deutschland und China – Gemeinsam in Bewegung mit ihrer Deutschlandspromenade in Jiangsu deutsche Maßstäbe. Zum einen traten die Deutschlandwochen, die über einen Zeitraum von etwa zwei Monaten angesetzt waren, mit einer ziemlich langen und dicht geplanten Veranstaltungsreihe auf den Plan. Zweitens hatte die Bundeskanzlerin Angela Merkel das Event persönlich eröffnet und damit klar gemacht, dass es sich um ein Ereignis höchsten Ranges handelte. Und drittens deckte das Programm ein ansehnlich breites Spektrum ab. Eine ganze Palette von Einzelveranstaltungen aus den Bereichen Kultur, Wirtschaft, Wissenschaft und Technik, Bildung und Stadtplanung sollte das umfassend Portrait eines modernen Deutschland erstehen lassen. Jedoch schienen die Eventmanager zu wenig vertraut mit dem chinesischen Markt, die Organisationsstrukturen hatten sich als zu unflexibel erwiesen und was das Marketing anbelangt, wurden zielgerichtete Werbekampagnen und Medienauftritte nicht gut koordiniert. So blieb schließlich für viele der kreativ konzipierten Veranstaltungen die verdiente Resonanz aus.
Auf den Werbeflächen in der Nähe von Xinjiekou und Daxinggong prangten Ankündigungen für die Filmwochen oder andere Veranstaltungen der Deutschlandpromenade in Jiangsu. Auch in den Zeitungsschaukästen entlang der Straße konnte man sich über Plakate und Veranstaltungskalender informieren. Sogar in den größten Zeitungen von Nanjing fanden sich kürzere Rubriken oder Anzeigen. Ein perfektes Marketing – könnte man denken. Aber die Nanjinger haben ihre eigenen Mediengewohnheiten und in den von ihnen bevorzugten Zeitungen und TV-Programmen fanden sie kaum längere oder ansprechende Features zu dem Event. Werbeanzeigen werden von den Nanjingern gerne einfach überblättert. So wurde die Deutschlandpromenade in Nanjing zunächst nur am Rande wahrgenommen und fand entsprechend wenig Widerhall. Der Chef des Goethe-Instituts als Zugpferd der Veranstaltung
Drei Reporter, die schon im Dezember 2006 nach Deutschland ausgeschwärmt waren, um die Berichterstattung für die Deutschlandwochen vorzubereiten, veröffentlichten am 25. August 2007 in ihren jeweiligen Blättern – den Yangtze Evening News, dem Modern Express und den Jinling Evening News - umfangreiche Exklusivinterviews. Herr Kahn-Ackermann, Leiter des Goethe-Instituts China, dem die organisatorische Federführung über die Veranstaltung oblag, stellte darin Konzeption und Zielsetzung des Programms vor. Die Yangtze Evening News widmeten sich dem Part über die aktuelle chinesische Literatur. Der Modern Express berichtete schwerpunktmäßig über einen durch einen Blog dokumentierten, interkulturellen Autorenaustausch, bei dem der chinesische Schriftsteller Su Tong Leipzig besuchte, während Michael Roes nach Nanjing kam. Die Jinling Evening News hingegen bezogen sich auf die Verbundenheit Kahn-Ackermanns zu Nanjing und leiteten daraus die Programmkonzeption ab. Die unpolitische Aufmachung dieser Medienkampagne rund um die Person Kahn-Ackermann kam sehr gut an. Alle drei Zeitungen erhielten unter anderem per Telefon Feedback von ihren Lesern. Einer von ihnen ließ Herrn Kahn-Ackermann über die Zeitungsredaktion sogar sein eigenes Buch zukommen und bot eine Zusammenarbeit bei den Deutschlandwochen an. Aber worauf es eigentlich ankam: Vor der offiziellen Eröffnung waren die Nanjinger bereits über die Großveranstaltung im Bilde. Drei Besucher, die während der Eröffnungsfeier im Kunst- und Kulturzentrum von Nanjing zur Veranstaltungsreihe Deutschland und China – Gemeinsam in Bewegung befragt wurden, bestätigten, dass sie davon erfahren hatten - alle durch die Zeitung.
Diskussion um good governance à la Merkel Die Bundeskanzlerin Angela Merkel war eigens für das Eröffnungsballett Romeo und Julia nach Nanjing angereist. Auch von chinesischer Seite war die Auftaktveranstaltung mit dem Provinzgouverneur von Jiangsu, den Parteichefs von Jiangsu und Nanjing sowie dem Oberbürgermeister von Nanjing hochkarätig besetzt. Da es sich um ein diplomatisches Ereignis handelte, wurde in den chinesischen Zeitungen ein offizieller Ton angeschlagen, einige Medienorgane zitierten sogar ausschließlich die Meldung der staatlichen Nachrichtenagentur Xinhua. Merkels Auftritt im Hotel wurde jedoch von allen Medien freudig aufgegriffen. Allgemein kommentiert wurde die Tatsache, dass die Bundeskanzlerin es vorzog, ein gewöhnliches Hotelzimmer und nicht die Präsidentensuite zu bewohnen, sowie der Vorfall, als Merkel beim Büffet versehentlich ein Brötchen fallen ließ, es eigenhändig wieder aufhob und ohne mit der Wimper zu zucken verzehrte. Auch Meng Fei, der bekannte glatzköpfige Moderator in der beliebten TV-Sendung Zero Distance, die im Nanjinger Satellitenfernsehen ausgestrahlt wird, ließ sich den Auftritt der Bundeskanzlerin nicht entgehen. In Meng Fei liest Zeitung, der Medien-Kolumne der Sendung, kommentiert Meng Fei regelmäßig interessante Zeitungsmeldungen; er sparte nicht mit Lob als er die betreffenden Artikel über Merkel vorlas. Einen Vergleich zu den Korruptionsaffären chinesischer Staatsangestellter ziehend sprach er darüber, wie verantwortlich doch deutsche Regierungsbeamte mit dem Geld der Steuerzahler umgingen sowie von der strengen Kontrolle der Steuerzahler über den Beamtenapparat. So wurde das Verhalten von Angela Merkel in Nanjing vorübergehend zum Stadtgespräch.
Abstrakte Kunst: allgemeines Rätselraten
In den Ausstellungen von Markus Lüpertz und der Neuen Leipziger Schule, die nacheinander in Nanjing gezeigt wurden, waren provokative Bilder von hohem künstlerischem Niveau zu sehen. Das kunstsinnige Nanjinger Publikum, das an traditionelle chinesische Tuschemalerei, Aquarelle oder Bilder im Stil des Realismus gewöhnt ist, trat diesen hochklassigen Ausstellungen aus Deutschland einerseits mit großer Neugier, andererseits auch mit einigem Unverständnis gegenüber. Die Medienberichterstattung konzentrierte sich im Wesentlichen nur auf politische und kommerzielle Aspekte. So wurde Markus Lüpertz als pazifistischer Ölmaler bezeichnet oder es wurde gemeldet, welche Preise Gemälde der Neuen Leipziger Schule erzielen können.
Ein Eröffnungsfilm der Marke Hollywood In den Zeitungen konnte man einige, wenn auch knapp gehaltene Ankündigungen der deutschen Filmwoche entdecken. Auch auf den Werbeflächen, die bei Xinjiekou die U-Bahn-Baustelle kaschieren, waren entsprechende Plakate angebracht. Dabei wurden die deutschen Filme in einem völlig anderen Stil angekündigt, als man es von amerikanischen Blockbustern gewöhnt ist. So fragt man sich, warum als Eröffnungsfilm der deutschen Filmwoche Erste Liebe in Paris gezeigt wurde. Der Spielfilm ist zwar in seiner Ernsthaftigkeit, Subtilität und seinem Witz typisch deutsch, aber sein Ende erinnerte doch allzu sehr an die in China bekannte Hollywood-Komödie American Pie. Zur Eröffnung hatten sich neben Vertretern des lokalen Kulturamtes, der Vereinigung der Filmschaffenden und den Funktionären einiger Filmproduktionsfirmen auch viele Studenten und Journalisten eingefunden. Die Anwesenheit der hübschen jungen Hauptdarstellerin sorgte für Furore im Publikum, aber der Auftritt des Stars war so kurz angesetzt, dass die Stimmung etwas abkühlte.
Neugierige Jugend
Die erstklassige Konzertreihe wurde in kunstinteressierten Kreisen sehr positiv aufgenommen. Auch der Dokumentarfilm Nanjing 1937 - Tagebuch eines Zeitzeugen hätte an sich in Nanjing auf reges Interesse stoßen müssen. Für den Film wirkte sich jedoch nachteilig aus, dass eben zur der Zeit, als er über die Leinwand flimmern sollte, das Treffen der deutschen Regierung mit dem Dalai Lama den Unwillen der chinesischen Führung erregt hatte. Zudem wird das Thema des Nanjing Massakers von der Stadtregierung seit jeher mit Vorsicht behandelt, wohingegen der Dreh der Dokumentation in Nanjing zwischen März und August dieses Jahres weitgehend unbemerkt stattgefunden hatte, da man kaum den Kontakt zur Presse gesucht hatte. Demzufolge blieb die Ausstrahlung des Dokumentarfilms nicht mehr als eine Randnotiz der Filmwoche.
Die Deutschlandpromenade hingegen war gut besucht. Der Ort stimmte, es gab abwechslungsreiche Veranstaltungen, Snacks und Bier. Das sprach die junge Menschen, die neugierig sind, sich für Musik und alles was gerade angesagt ist interessieren, an. Tatsächlich hatte eine junge Bloggerin, die sich serious girl nennt, ihren Blog mit vielen Fotos und kurzen Filmen von der Deutschlandpromenade bestückt. Dazu schreibt sie: „Freunde haben mir gesagt, dass es auf dem Daxinggong-Platz Events im Rahmen des deutsch-chinesischen Kulturjahres gibt. Für Essen und Unterhaltung sei gesorgt und natürlich gäbe es auch deutsches Bier. Die Deutschen hätten spacige Zelte aufgebaut, in denen sie deutsche Elektronikprodukte präsentieren. Als ich ankam, war auf dem Platz die Hölle los. In kleinen Grüppchen hatten sich große Deutsche unter die Chinesen gemischt. Über die Menschenmenge hinweg sah ich, dass am südlichen Teil des Platzes Gegrilltes und Bier unter freiem Himmel verkauft wurde. Das ist wohl so in Europa, auf öffentlichen Plätzen gibt es Bier, Essen und Konzerte. Der Unterschied bei uns in China ist eben, dass wir hier zu viele Menschen haben. Auf einer riesigen Bühne wurden gerade künstlerische Darbietungen gezeigt. Zwischen dem 19. und 27. Oktober finden auf dem Platz täglich verschiedene Veranstaltungen statt. Ich habe eine deutsche Band gesehen, einer am Keyboard und einer mit der E-Gitarre. Der Soundeffekt auf dem weitläufigen Platz war spitze. Vielleicht ja wegen des erstklassigen Musikequipments aus Deutschland..."
Text: Nan Nan,
Journalistin in Nanjing
Übersetzung: Julia Buddeberg
Copyright: Deutsch-Chinesisches Kulturnetz
Oktober 2007
Journalistin in Nanjing
Übersetzung: Julia Buddeberg
Copyright: Deutsch-Chinesisches Kulturnetz
Oktober 2007
















