Kulturphilosophische Aspekte und Symbolik in der traditionellen chinesischen Musik


Daoistischer Mönch mit Querflöte, Foto: look © ImagineChina
Kommt einem in Europa chinesische Musik zu Ohren, so sind die Reaktionen häufig weit gestreut: vom exotischen Entzücken bis hin zur ablehnenden Kritik etwa an einem zu gepresst empfundenen Vokalklang in der Pekingoper, von der berauschend-meditativen Trance bis zum unglücklichen Versuch, Formelemente und Strukturen nach europäischem Muster ausfindig zu machen. So heterogen diese Reaktionen auch sein mögen, eines ist ihnen meist gemeinsam: Sie gehen am Wesen der chinesischen Musik vorbei. Wir hören mit den Ohren unserer westlichen Enkulturation und versuchen, das Geheimnis chinesischer Musik damit zu entschlüsseln. So, als wenn ein deutscher Musiker einer tschechischen Konversation folgt und bei „Smetana“ aufmerkt und weiß, es „muss“ sich um den Komponisten handeln, obgleich dieses Wort im Tschechischen nichts anderes als „Sahne“ bedeutet. Der folgende Beitrag soll helfen, chinesische Musik in ihrem Wesen etwas angemessener erahnen und den kulturanthropologischen Differenzen von Deutschland und China adäquater nachspüren zu können. Und er sollte letztlich auch einen kleinen Beitrag zum bereichernden kulturellen Brückenschlag zwischen Ost und West liefern.
Mythos und Ontologie
Chinesische Kultur, insbesondere hier chinesische Musik, lässt sich nicht losgelöst von den philosophischen Essenzen des antiken China verstehen, wir können uns ihr nicht angemessen annähern, wenn wir nicht der im Grunde immer mitschwingenden Idee einer immerwährenden Einheit von Himmel und Mensch nachspüren.
Durchaus der Atlas-Geschichte ähnlich trug Pangu (盘古), das in der chinesischen Mythologie erste Lebewesen auf der Erde, den Himmel mit den Händen und trat die Erde mit den Füßen. Jeden Tag wurde er größer und trennte so Himmel und Erde immer weiter voneinander, bis schließlich nach 18.000 Jahren die angestrebte Entfernung erreicht war und Pangu, müde geworden, starb.

Pangu, der Himmel und Erde trennt
© Zhulin Yunwu / ImagineChina
© Zhulin Yunwu / ImagineChina
Nach der chinesischen Mythologie haben die ersten Lebewesen die damals noch eiförmige Erde in zwei Teile gespalten: 清为天 (Qing Wei Tian), den Himmel, und 浊为地 (Zhuo Wei Di), die Erde. 清 bedeutet dabei auch das Leichte (轻) sowie das Yang-Prinzip,浊 bedeutet zudem das Schwere (重) sowie das Yin-Prinzip: 清升天 (Qing Sheng Tian = das Leichte, zum Himmel Steigende) und 浊沉地 (Zhuo Chen Di = das Schwere, zur Erde Sinkende).
Sieht man bloß im Wörterbuch nach, scheint der Himmel dabei von vorneweg gut wegzukommen, da das Wort qing sehr positiv besetzt ist. Die Erde hingegen scheint wesentlich schlechter dazustehen: Der chinesische Ausdruck zhuo kann mit „das Schlammige“, „das Morastige“ übersetzt werden. Allerdings wird dieses im Chinesischen keineswegs wertend besetzt. Zhuo ist als Zustand zu sehen, der weder gut noch schlecht ist, sondern hier vielmehr eine Polarität in der Einheit repräsentiert.
Pangu wird im traditionellen China gleichsam als Schöpfungsgottheit erachtet. Er lebt zusammen mit Himmel und Erde und ist eins mit 万物, wörtlich den 10.000 Dingen, im übertragenen Sinn mit „allem“. Zwar ist Pangu ein Geist, aber er hat einen menschlichen Körper und wird damit auch 人神 genannt: „Mensch-Geist“. Hier drängen sich Vergleiche zu anderen Kulturen und Religionen auf: Gottheiten, die Menschengestalt annehmen, die Mensch werden, aber dennoch ganz Gottheit bleiben. Nach seinem Tod geht sein Leib in das Wesen „aller Dinge zwischen Himmel und Erde" über. Himmel, Erde und Menschheit stellen hier eine Ganzheit dar – das Seiende.
Die Autoren verwenden hier bewusst den Ausdruck Heideggers in Abgrenzung zum Sein.
Zudem muss man sich bewusst sein, dass Blut und Fleisch das Lebendige, das Beseelte repräsentieren. Damit wird das Universum nicht zum bloßen physikalischen und spaltbaren Etwas, sondern trägt das Prinzip des Lebens als Ganzheit unabdingbar in sich. In zahlreichen chinesischen Mythen haben Gottheiten sowohl Leib als auch Persönlichkeit, häufig allerdings beneiden die Götter die Menschen um die Art und Weise ihres Lebens und Seins. Zudem gibt es aber unter den Menschen auch solche, welche durch ein asketisches Leben selbst zu Gottheiten werden, ja es geht sogar so weit, dass unter bestimmten Bedingungen Mensch und Gott wechselseitig ineinander übergehen können.
Diese Idee der Einheit ist ebenso fundamental im Taoteking (Dao De Jing) von Laozi (老子). Transkulturell allerdings löst das Moment von Spaltung zahlreiche Konnotationen aus. Es hat den Anschein, dass – nahezu unabhängig vom Kulturkreis – die Idee einer zerbrochenen Ganzheit, der abhanden gekommenen Harmonie, das vergangene goldene Zeitalter oder das verlorene Paradies Archetypen menschlichen Seinsdenkens darstellen: von den biblischen Schöpfungsmythen über die Erzählung des Aristophanes, nach der die Menschen ursprünglich Kugelwesen waren, bis sie schließlich, da sie sich schlecht benommen hatten, von den Göttern auseinandergebrochen worden waren - bis zu Bildern des Mittelalters und Harmoniesehnsüchten des heutigen Menschen. Allerdings müssen wir vorsichtig sein, dieses Bild der spaltenden Trennung auf die traditionelle chinesische Philosophie zu übertragen. Der Trennung von Himmel und Erde wohnt noch immer deren Ganzheit inne. Hier haben wir es nicht mit einem Bruch zu tun, sondern mit einer komplementären Polarität: Das eine braucht das andere und beide repräsentieren eine Einheit, die in ihrem Wesen nicht spaltbar und auch nicht zu zerbrechen ist.
Zurück zu den Insekten und Würmern des Pangu und deren Transformation in den „homo sapiens“. Dieses zunächst für uns so unappetitliche Menschenbild wird in der chinesischen Mythologie dann doch etwas durch das Bild der 女娲 (Nüwa) entschärft: Menschen aus dem Lehm des Gelben Flusses. Das führt uns – was auch in der Musik als ein Grundton vorkommt – zur Bedeutung der Farbe Gelb, die eng mit der Han-Population zu tun hat. Die Chinesen werden als Nachfahren der sagenumwobenen Stammesführer Yan und Huang (炎黄) verstanden, wobei Huang Gelb bedeutet. Das, was wir heute allgemein als „die“ chinesische Kultur verstehen, geht essentiell von der Han-Kultur aus.
Weiter zu:
Teil 2: Vom Mythos zur Musik
Teil 3: Klangreinheit versus Natürlichkeit
Prof. Dr.Dr.Dr. Wolfgang Mastnak & Gu Jiawei (顾家慰): Kulturphilosophische Aspekte und Symbolik in der traditionellen chinesischen Musik (PDF, 163 kb)
Text: Prof. Dr.Dr.Dr. Wolfgang Mastnak & Gu Jiawei (顾家慰)
Januar 2012
Januar 2012








