Die Zukunft der Vergangenheit: Status Quo und Perspektiven der traditionellen chinesischen Musik


Guzheng-Aufführung in Suzhou © www.icpress.cn
Teil IV: Chinesische Musik und „der Westen“
In den letzten Jahren hat in Europa das Interesse an Musik aus China deutlich zugenommen. Doch welche Musik dort gehört und geschätzt wird, unterscheidet sich drastisch von dem, was man in China allgemein schätzt und ebenso von dem, was nach Auffassung der Chinesen im Westen gut ankommen könnte. Ein gängiges Missverständnis unter Chinesen ist, Europäer seien musikalisch besser zu erreichen, wenn chinesische Musiker auf ihren Instrumenten europäische Musik spielten, sozusagen als Brückenschlag, um das chinesische Instrument erst einmal mit Bekanntem vorzustellen. Und so spielen chinesische Orchester regelmäßig Strauß-Walzer, auf der Erhu hört man Rimski-Korsakows Hummelflug, oder Smetanas Die Moldau erklingt in höchst fragwürdigen, karikaturartigen Bearbeitungen für chinesische Instrumente. An chinesischer Musik interessierte Europäer reizt das tatsächlich aber wenig, sie wollen ja gerade Chinesisches hören. Und ein Plädoyer für chinesische Musik und chinesische Musikinstrumente sind solcherlei Aufführungen kaum.
Interessanterweise wird der europäische Musikmarkt vorwiegend von in Europa lebenden chinesischen Musikern bedient. Dies hat sicher ökonomische Gründe, doch bedeutsam ist ebenso, dass diese Musiker sich an die westlichen Erwartungen und Klischeevorstellungen gegenüber chinesischer Musik angepasst haben. Viele dieser im Westen lebenden Musiker sind, obwohl in ihren Biographien und der westlichen Presse als Berühmtheiten in China präsentiert, zum einen in China nahezu unbekannt, zum anderen musikalisch oftmals recht mittelmäßig. Durch ihren Aufenthalt in Europa bekommen sie aber etwas, was in China für Musiker so schwer zu erlangen ist und was ihnen dann einen immensen Vorteil bringt, und zwar Bühnenerfahrung. Zahllose kleine Bühnen bieten ihnen eine Chance für Konzerte auf unterschiedlichstem Niveau. Da sie regional relativ konkurrenzlos sind und im Westen allgemein noch sehr wenig Verständnis für chinesische Musik vorhanden ist, finden viele Musiker im Folgenden relativ leicht einen Weg „nach oben“.
Unterentwickelte Szene –zu wenige Agenturen
Warum, muss man sich fragen, machen sich Konzertveranstalter in Europa dann nicht besser kund und laden nicht „selbsterklärte“ sondern echte Spitzenmusiker aus China ein? Sicherlich ist der Vorwurf teilweise berechtigt, dass man oftmals den einfachsten Weg geht und schlichtweg zu wenig nachdenkt. Doch gerechter Weise muss man sagen, dass das eigentliche Problem in China liegt. Informationen über Musiker sind schlichtweg nicht in repräsentativer und eine echte Auswahl ermöglichender Form zugänglich. Selbst Chinaspezialisten mit hervorragenden Chinesischkenntnissen stehen vor „verschlossenen Türen“. Warum fehlt diese Schnittstelle zwischen Veranstaltern und Musikern in China? Es gibt keine Musikagenten, die Musik in verschiedensten Kategorien und auf jedem Niveau in China vermitteln, da es keine Konzertszene mit entsprechendem Bedarf gibt. Die wenigen Agenturen, die sich der Vermarktung chinesischer Musik im Westen verschrieben haben, sind zumeist nicht repräsentativ für die chinesische Musikszene und vermitteln durch ihre Alleinstellung ein sehr verzerrtes, oftmals mehr durch kommerzielle als kulturelle Interessen geprägtes Bild. Solange sich die chinesische Musikszene nicht deutlich weiterentwickelt, wird sich an dieser Situation nur wenig ändern.

Das YU Lefu Ensemble ist Gast bei Europalia 2009 © Ministry of Culture PRC
Auslandsauftritte ohne Honorar
Ein Hoffnungsschimmer sind die zunehmenden Chinafestivals in Europa. Hier werden oftmals Spezialisten für chinesische Musik zu Rate gezogen, und so bieten die Konzertprogramme ein tatsächlich spannendes und neues musikalisches Chinabild. Erschwert wird diese Arbeit jedoch durch den Umstand, dass im internationalen Kulturaustausch die Förderung eingeladener Ensembles durch das Ursprungsland eine (selbstverständliche) Notwendigkeit ist. Durch die derzeitige Organisationsstruktur des chinesischen Kulturministeriums wird dem Engagement europäischer Festivals oftmals ein Riegel vorgeschoben, eine sinnvolle und freie Künstlerauswahl ist selten möglich. Das Festival Europalia, welches im Herbst 2009 in Belgien stattfindet und das größte europäische Kulturereignis zum Thema China werden soll, ist davon in vieler Hinsicht leidvoll betroffen. Doch auch viele der eingeladenen chinesischen Musiker sind nicht unbedingt glücklich über die Situation: Für ihre Auftritte auf dem Festival erhalten sie kein Honorar vom chinesischen Kulturministerium - welches gemäß den Vereinbarungen zwischen Festival und chinesischem Kulturministerium für Reisekosten und Künstlerhonorare zuständig ist. Aus europäischer Sicht ist dies eines Festivals solchen Renommees unwürdig, Musiker ohne Honorare konzertieren zu lassen. Die durchaus verständliche Antwort „besser so als gar nicht“ hinterlässt beim Autor einen eher unangenehmen Beigeschmack.
Und die westlichen Kulturinstitutionen?
Interessant ist auch ein Blick auf die Aktivitäten westlicher Kulturinstitutionen in China. In Anbetracht der schwierigen Situation in China fühlen sich diese oftmals mehr als „Entwicklungshelfer“ denn als „Kulturkommunikatoren“. Damit einher geht leider oftmals eine „überheblich-koloniale“ Haltung, verbunden mit kulturellem Eurozentrismus. Die Kriterien der westlichen Musikwelt, im Besonderen die der westlichen zeitgenössischen Musik, werden ganz selbstverständlich auf China projiziert. Und so wird von chinesischen Musikern erwartet – wenn sie denn vor diesen selbsterklärten „Instanzen“ bestehen wollen – dass sie sich diesen Kriterien unterordnen: Zeitgenössische Kompositionen haben den Wertekriterien westlicher Musik zu entsprechen, Projekte mit Improvisationen haben den Regeln westlicher Improvisationspraxis zu folgen, die Interpretation von Instrumentalsolisten wird nach westlichen Wertmaßstäben beurteilt.
Auch muss man sich fragen, ob die oft spärlichen Mittel für Kulturprogramme in der Veranstaltung von Meisterkursen für westliche Musik an chinesischen Musikhochschulen sinnvoll investiert sind. Die Zahl der chinesischen Musikstudenten an europäischen Musikhochschulen ist enorm, die Förderung dieses ja nicht chinesischen Musikbereiches findet somit schon in großem Maße statt.

Meisterklasse in Peking 2007 © Goethe-Institut
Kulturinstitutionen zahlreicher Länder haben in den letzten Jahren China in ihren Fokus gerückt. Sie suchen nahezu „verzweifelt“ nach förderungswürdigen Projekten, und da es bezüglich chinesischer Musik so wenig Referenzen und äußerst geringe Kompetenzen gibt, fällt die Entscheidung meist auf Grundlage äußerst dürftiger Kriterien. Entsprechend fragwürdig sind viele der geförderten Projekte in ihrer inneren Logik sowie der daraus resultierenden Relevanz für die interkulturelle Kommunikation. Dennoch muss man sich fragen, warum so viele „gut gemeinte“ interkulturelle Ost-West-Projekte oberflächlich und folgenlos bleiben? Nach Meinung des Autors wird die „kulturelle Distanz“ extrem unterschätzt. Verstärkt durch das allgemeine Missverständnis, Musik sei eine globale und allen gleichermaßen zugängliche Sprache sind die Erwartungen an Projekte grundsätzlich zu hoch, die Arbeit an der eigentlichen musikalischen Basis zu gering und daraus resultierend eine tiefe Kommunikation kaum möglich.
Aus westlicher wie auch chinesischer Perspektive wäre es daher als erstes angebracht, der Frage nach den wesentlichen Unterschieden zwischen „westlicher“ und „chinesischer“ Musik nachzugehen, um auf einer soliden Basis eine Kommunikation zu beginnen. Dabei ist zu bemerken, dass die Kenntnisse über chinesische Musik im Westen – abgesehen von einigen Spezialisten – gleich null sind, und auf dieser Selbstbezogenheit basierend durchaus eine eurozentrische Selbstgerechtigkeit festgestellt werden kann. Auf chinesischer Seite wiederum ist westliche Musik durchaus bekannt und wird hoch geschätzt; zahlreiche Literatur über westliche Musik ist verfügbar. Doch sind die Kenntnisse über die eigene Musikkultur – gerade unter Musikern! – oftmals äußerst oberflächlich und erschöpfen sich in allgemeinen Aussagen über die doch schon 5000-jährige chinesische Musikgeschichte. Spannend aber wären detaillierte Diskussionen über etwa die Funde im Grab des Marquis Yi von Zeng und ihrer musikhistorischen Bedeutung, über Tabulaturen für die chinesische Zither Qin, über Palastmusik der Song-Dynastie oder über die Bedeutung von „Yun“ und „Qi“ in der chinesischen Musik. Der Autor beschäftigt sich daher im nächsten Teil dieser Artikelserie mit der Frage nach der „Essenz der chinesischen Musik“ und wie diese in heutigem Kontext entwickelt werden könnte.
Zu Teil I: Einführung und historischer Rahmen
Zu Teil II: Musikerausbildung und Arbeitsperspektiven für Musiker
Zu Teil III: Konzepte zur Bewahrung und Erneuerung
Zu Teil V: Die „Essenz“ chinesischer Musik in neuen Kompositionen
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Text: Robert Zollitsch (老锣)
Komponist
Dezember 2009
Komponist
Dezember 2009








