Die Zukunft der Vergangenheit: Status Quo und Perspektiven der traditionellen chinesischen Musik


Guzheng-Aufführung in Suzhou © www.icpress.cn
Teil III: Konzepte zur Bewahrung und Erneuerung
Die Bewahrung von Musiktraditionen ist in China wie überall auf der Welt ein höchst sensibles Thema. Es ist evident, dass man Menschen nicht „von außen“ dazu zwingen kann, weiter ihre Volkslieder zu singen, anstatt den Fernseher einzuschalten. Genauso offensichtlich ist, dass der Missbrauch von Volksmusik für nationalistische Zwecke die Musik ihrer „Seele“ und ihrer eigentlichen Funktion beraubt. In China kommt noch ein besonderes Phänomen hinzu: Bildung gilt allgemein und auch in der Musik als hohes Gut und „studierte Sänger“ werden durch die Verbreitung über Fernsehen und Tonträger auch in abgelegenen Gebieten zu Vorbildern. Wie im vorangegangenen Artikel dargestellt, führt aber gerade die Gesangsausbildung an Musikkonservatorien zu einer Nivellierung regionaler Gesangsstile, welche auf diesem Wege die stilistische Vielfalt landesweit auch in den ländlichen Bereichen verringert.
Nach heftiger Kritik einiger bedeutender Musikologen an dieser Situation gibt es in China seit ein paar Jahren ein großes staatliches Programm zur Förderung authentischer Volksmusik. Viele Volksmusiker aus abgelegenen Regionen bekamen die Möglichkeit, ihre Kunst auf großen Bühnen und in Fernsehprogrammen vorzuführen. Dadurch erkennen die Menschen einerseits wieder den Wert ihrer eigenen Volksmusik - doch gleichzeitig findet bei den Musikern ein Transformationsprozess statt: sie werden von Volksmusikern zu Profis – und allzu meist geht das eigentlich „authentische“ ihrer Kunst auf der Bühne und unter den unsinnigen Anweisungen egozentrischer Fernsehregisseure verloren. Bleibt nur zu hoffen, dass die Menschen „vor Ort“ dennoch wieder stärker angeregt werden, ihre Volksmusik selbst zu praktizieren. Außer Frage steht jedoch, dass Volksmusik nie mehr die Rolle spielen wird, die sie in einer „vormedialen“ Zeit innehatte.

Musiker der Yi-Nationalität © www.icpress.cn
Der Autor dieses Artikels hält daher die Entwicklung an den Musikkonservatorien Chinas für äußerst bedeutend für die Weiterentwicklung der chinesischen Musikkultur. Zahlreiche chinesische und internationale Musikologen stehen dem so genannten „Konservatoriumsstil“ sehr kritisch gegenüber, und auch aus der Sicht des Autors ist die derzeitige Situation an den Musikkonservatorien äußerst problematisch. Es gilt also nach Möglichkeiten zu suchen, wie dies positiv beeinflusst werden kann. Es folgt eine kurze Skizzierung einiger wesentlicher Aspekte dazu.
Historische Aufführungspraxis
In Europa hat in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ein grundlegender Wandel in der Rezeption historischer Musik stattgefunden. Forschungen zu Musizierpraxis und zum Instrumentenbau verschiedener Epochen sorgten für völlig neue Klangbilder bei der Interpretation entsprechender Werke. In China ist dies ein überfälliger Schritt um einem wieder vielfältigeren Klangerleben in der chinesischen Musik den Weg zu bereiten. Relativ einfach, und dabei doch ein ganz wesentlicher Schritt ist in dieser Hinsicht die Rekonstruktion historischer Instrumente. Allein in den letzten 50 Jahren haben die heute gespielten Instrumente einen derart großen Wandel erlebt, dass die Verwendung von historischen Instrumenten junge Musiker zu höchst verblüffenden Klangergebnissen führen würde. Wesentlich schwieriger ist die Rekonstruktion historischer Aufführungspraxis in China. Dabei ist die größte Hürde der Mangel einer hoch differenzierten Notation. Zwar gibt es für einzelne Instrumente detaillierte Tabulaturen, doch vor allem die Stimmen der Begleitinstrumente wurden kaum notiert. Durch die völlig unterschiedlichen musikalischen Prägungen der Musiker unserer Zeit haben sich aber gerade diese Musikbereiche deutlich verändert.
Um historische Aufführungspraxis in China thematisieren zu können, ist als erstes die derzeit extrem mangelhafte Kommunikation zwischen Musikologen und Musikstudenten, sowie deren Hauptfachlehrern, zu verbessern. Leider findet sich auf beiden Seiten ein großes Maß an gegenseitiger Ablehnung, gespeist durch Unkenntnis der Leistungen des jeweils anderen. Ein „runder Tisch“, der beide Seiten zusammenbringt, und die gemeinsame Entwicklung von Rahmenbedingungen für eine praktische Umsetzung wäre der erste Schritt zu einer Verbesserung dieser Situation.
Feldforschung
Musikstudenten sollten dazu angeregt werden, Feldforschung zu betreiben, den „sicheren Hort“ der Musikhochschule zu verlassen und Musizierweisen in ländlichen Regionen zu studieren. Neben der Erfahrung solcher Interpretationen von Musik ist dabei die Aufmerksamkeit für besondere Instrumentaltechniken ein wichtiges Element. Allerdings wird nur ein sehr geringer Teil der Musikstudenten Chinas in der Lage sein, solche „Feldforschungsausflüge“ erfolgreich durchzuführen. Es gilt also auch den Spieß umzudrehen: Volksmusiker werden an Musikkonservatorien eingeladen um dort ihre Kunst in Workshops zu präsentieren und weiter zu vermitteln. Vor allem für Sänger wäre dies eine große Herausforderung, da sie verschiedene Gesangstechniken erlernen müssten. Doch auch für Instrumentalisten würden sich hieraus völlig neue Perspektiven ergeben. Mit Sicherheit wäre ein wesentlich vielseitigeres Klangbild mit deutlichen persönlichen Unterschieden ein Resultat einer solchermaßen „erweiterten“ Musikerziehung.

Konzert von Kindern der Miao-Nationalität © www.icpress.cn
Musiksalons
Der Austausch zwischen Musikern ist ein extrem wichtiger Faktor für die Entwicklung einer kreativen Dynamik. Hierzu fehlt den Studierenden oftmals ein passender Rahmen frei von Hochschulhierarchien, doch formal so gestaltet, dass er sich über ein rein privates Treffen heraushebt und die musikalische Diskussion tatsächlich Inhalt ist. Allerdings scheitern solche Bemühungen oftmals wieder an der Passivität vieler Studierender, da sie in ihrer Ausbildung nur selten zur Selbständigkeit angeregt werden. Es gilt also die Hürde möglichst niedrig zu setzen und den Studierenden einen einfachen Einstieg in eine offene Diskussion zu ermöglichen.
Kleine Konzerte und Offene Bühnen
Kleine Konzertsäle und Podien außerhalb der Musikhochschulen müssten Konzertreihen mit Musikstudenten anbieten, in denen diese Bühnenerfahrung sammeln können. Verschiedene Konzepte zur Umsetzung sind denkbar, von akribisch geplanten Konzerten mit gedruckten Programmheften bis hin zur offenen Bühne auf der Musiker spontan auftreten können. Die anschließende Diskussion des Dargebotenen bietet in solchen Fällen eine Möglichkeit für rasches und vielfältiges Feedback. Der entscheidende Faktor für den Erfolg solcher Konzerte ist Regelmäßigkeit, da nur so ein Publikum für die Veranstaltungen herangezogen werden kann.
Um zum gegenwärtigen Zeitpunkt eine Entwicklung in Gang zu bringen, ist Initiative von unterschiedlichen Seiten nötig. In jedem Fall muss ein Umdenken „von Oben“, d.h. von der Spitze des Erziehungssystems her stattfinden, welches zur gezielten Förderung oben genannter Ansätze führen sollte. Auf der anderen Seite ist die Eigeninitiative der jungen Musiker und Studierenden von zentraler Bedeutung. Da aber im derzeitigen Musikerziehungssystem Eigeninitiative öfter zu Sanktionen als zu Belohnung führt, ist die Motivation der Studierenden denkbar gering. Ein wesentlicher Aspekt ist gerade in China zu bedenken: nicht ein einzelnes „großes Ereignis“ wird zu einer Änderung führen, sondern die Summe zahlreicher kleiner Aktivitäten wird schließlich entscheidend sein.
Im letzten Teil dieser Artikelserie wird sich der Autor mit der Situation der staatlichen Förderung von Spitzenkultur in China, mit der Rezeption chinesischer Musik in Europa und mit den Aktivitäten europäischer Kulturinstitutionen in der chinesischen Musiklandschaft beschäftigen.
Zu Teil I: Einführung und historischer Rahmen
Zu Teil II: Musikerausbildung und Arbeitsperspektiven für Musiker
Zu Teil IV: Chinesische Musik und „Der Westen“
Zu Teil V: Die „Essenz“ chinesischer Musik in neuen Kompositionen
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Text: Robert Zollitsch (老锣)
Komponist für neue chinesische Kunstmusik
Dezember 2009
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Dezember 2009









