Die Zukunft der Vergangenheit - Chinesische Musik heute und ihre Perspektiven


Guzheng-Aufführung in Suzhou © www.icpress.cn
Teil II: Musikausbildung und Arbeitsperspektiven für Musiker
Die Dynamik zur weiteren Entwicklung und Veränderung in der chinesischen Musik kommt heute vorwiegend aus dem Umfeld der professionell ausgebildeten Musiker; die traditionellen Ensembles spielen eine untergeordnete Rolle, Volksmusik als lebendiges Ereignis (im Gegensatz zu volkstümelnden oder touristischen Präsentationen) wird rar. Nun möchte man meinen, dass an den Musikhochschulen demnach ein höchst kreatives Klima herrschen sollte und zahlreiche Versuche zur Entwicklung und Transformation traditioneller Musikstile zu hören seien. Doch dem ist ganz und gar nicht so, kreative und innovative Projekte sind höchst selten. Ganz offensichtlich fällt es den Musikern schwer, das Erlernte zu abstrahieren und Neues daraus zu entwickeln, wobei es am Willen dazu nicht zu mangeln scheint. So ist es auffällig, dass zahlreiche Musiker der chinesischen Rockszene der 1980er und 90er Jahre ursprünglich eine Ausbildung auf einem klassischen chinesischen Instrument erhielten, in diesem Bereich aber ihre kreative Energie offensichtlich nicht entfalten konnten. Die Gründe für diese „Sprachlosigkeit“ sind vielfältig, in jedem Fall aber stark in der Struktur der Musikausbildung zu suchen.
Eine ganz wesentliche Schwäche ist sicher, dass der Aufbau eines „historischen Bewusstseins“ als Basis fehlt. Zwei Beispiele dazu: Kürzlich beharrte eine Pipa-Spielerin (und Absolventin einer der besten Musikhochschulen Chinas!) im Gespräch darauf, dass ihr Instrument „schon immer“ mit Stahlsaiten gespielt wurde. Dabei verdrängten diese erst in den 1950er Jahren die aus Seide gesponnenen Saiten der Pipa. Zweitens wird die Frage nach dem genauen Entstehungsdatum von so genannten traditionellen Stücken von Musikern oftmals pauschal mit „schon sehr alt“ beantwortet, präzisiert wird daraus dann „aus den 1970er Jahren“ oder ähnlichem. Diese Beispiele sind tatsächlich repräsentativ für das Gros der professionellen Musiker der traditionellen chinesischen Musik. Es ist selbstverständlich, dass dieses Bildungsdefizit nicht an Dummheit und Ignoranz der Musikstudenten liegt, sondern es zeigt, dass die Umstrukturierung von der traditionellen chinesischen Musikausbildung mit Bindung an einen "Meister" zu einer an Musikhochschulen organisierten Musikausbildung mit fachlich aufgeteilten Lehrzuständigkeiten noch große Schwächen aufweist, obwohl der Transformationsprozess formal abgeschlossen scheint.
Ein gravierendes Problem ist, dass die sozialen Strukturen der vormals zentralen Lehrer-Schüler-Beziehung auch heute noch dominant sind. In dem Gefüge einer Musikhochschule muss sich nun aber der Lehrer nicht mehr wie früher durch künstlerische Leistung als „Meister“ qualifizieren, sondern seine Machtstellung ist per se durch die Institution sogar noch gestärkt. Chinesische Musiker sind in einem so hohen Maß von ihren jeweiligen Hauptfachlehrern abhängig, dass es zwangsweise zu einer extremen „Engsichtigkeit“ kommt. Die Erziehung zu eigenständigem musikalischen Denken bleibt allzu meist auf der Strecke, Eigeninitiative wird selten gefördert und kaum belohnt.

Guzheng-Konzert in Zhejiang 2006 © www.icpress.cn
Ein weiterer Bestandteil des derzeitigen Problems ist, dass die Musiker während ihres Studiums kaum eigenverantwortliche Bühnenerfahrung sammeln können. Auch Kammermusik spielt in der Ausbildung nahezu keine Rolle, und die Kooperationsfähigkeit von chinesischen Musikern ist dementsprechend gering entwickelt und beschränkt sich zumeist auf zwei Rollen: Entweder man ist Solist und alle anderen haben einem zu folgen, oder man ist Mitglied des Begleitensembles und bekommt damit musikalisch keine Verantwortung und somit auch keine Rechte zuerkannt. Mit solcher Musikausbildung sind die Musiker nach ihrem Studienabschluss denkbar schlecht für eine selbstständige Musikerkarriere gerüstet. Aber was sind eigentlich die Arbeitsperspektiven nach dem Studienabschluss? Gehört man nicht zu der geringen Zahl der hoch herausragenden Solisten, so ist die Auswahl denkbar gering: entweder man wird Lehrer, oder man bekommt einen Platz an einem Orchester. Eine Karriere als selbstständiger Musiker ist nahezu unmöglich, da es keine Basis gibt, auf der Musiker eine solche Karriere aufbauen könnten. Es gibt kein Umfeld an kleinen Konzertveranstaltern, über die man langsam berufliche Erfahrung sammeln könnte, es gibt keine entsprechenden Konzertreihen, es gibt keine Agenturen, es gibt keine staatliche Unterstützung für Künstler auf diesem Weg.
Bekommt man einen der wenigen verfügbaren Plätze an einem chinesischen Orchester, so ist es ein Weg vom Regen in die Traufe. Wieder ist man hochgradig abhängig und unselbstständig. Die Tradition chinesischer Orchester ist zudem noch sehr jung und unausgereift. Derzeit wird das Bild von einer Kopie des westlichen Symphonieorchesters mit seiner Aufteilung in Streicher, Holz- und Blechbläser sowie Perkussion geprägt, eine Kopie, die in vieler Hinsicht sehr fragwürdig ist. Hinzu kommt ein noch sehr geringes Repertoire und unzureichende Erfahrung der Komponisten im Umgang mit diesem Klangkörper. Organisatorische Strukturen des Orchesters und vom Kulturministerium zugewiesene Aufgaben verhindern zudem bei den meisten chinesischen Orchestern eine kontinuierliche künstlerische Aufbauarbeit mit klaren Zielsetzungen.
Dies alles mag für den Leser recht frustrierend klingen und sicher empfinden es viele Musiker in China auch so – den Autor dieser Zeilen eingeschlossen. Doch handelt es sich zweifellos um ein Übergangsstadium in einem großen und mehrschichtigen Transformationsprozess. Spannend wird es nun, in welche Richtung sich die Situation entwickeln wird. Dies wird entscheidend von den Musikern abhängen, die hier neue Vorbilder schaffen und eine neue musikalische Sprache prägen. Im nächsten Teil werden verschiedene Konzeptionen dargestellt, wie dieser Herausforderung von unterschiedlicher Seite begegnet wird. Des Weiteren werden vom Autor Themen und Fragestellungen eingebracht, die für die Zukunft der chinesischen Musiklandschaft von bedeutender Rolle sein könnten.
Zu Teil I: Einführung und historischer Rahmen
Zu Teil III: Konzepte zur Bewahrung und Erneuerung
Zu Teil IV: Chinesische Musik und „Der Westen“
Zu Teil V: Die „Essenz“ chinesischer Musik in neuen Kompositionen
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Text: Robert Zollitsch (老锣)
Komponist für neue chinesische Kunstmusik
Dezember 2009
Komponist für neue chinesische Kunstmusik
Dezember 2009








