Die Zukunft der Vergangenheit: Status Quo und Perspektiven der traditionellen chinesischen Musik


Guzheng-Aufführung in Suzhou © www.icpress.cn
Teil I: Einführung und historischer Rahmen
Spricht man in Deutschland jemanden auf „chinesische Musik“ an, dann erhält man in der Regel eine von zwei kontrastierenden Reaktionen: entweder ein schauriges Erschrecken beim Gedanken an quietschende Pekingopernstimmen und die Musikberieselung beim Besuch des Chinarestaurants oder ein ehrfürchtiges Verharren beim Gedanken an eine alte und ferne chinesische Hochkultur. Beide Reaktionen sind natürlich von Vorurteilen gezeichnet, doch vor allem zeigen sie, dass man in Deutschland nahezu nichts über chinesische Musik und die gegenwärtige Musikszene in China weiß. Zunächst sollte sich der geneigte Leser bewusst machen, dass es DIE „chinesische Musik“ natürlich auch gar nicht gibt, sondern dass es sich um eine unendliche Zahl regionaler Stile und Traditionen handelt, und dies gleichermaßen in Volksmusik, chinesischer Oper, höfischen Musikstilen und urbanen Musiktraditionen. Wie aber sieht es heute eigentlich mit der traditionellen chinesischen Musik aus? Und was sind ihre Perspektiven?
Für den heutigen Status Quo chinesischer Musik war der Kontakt mit Europa von zentraler Bedeutung. Dazu im Folgenden ein paar Punkte, die die Entwicklung und Situation skizzieren:
- Vor etwa 100 Jahren wurden in China die ersten Musikkonservatorien nach europäischem Vorbild gegründet, zu Anfang beschränkt auf eine Ausbildung in „westlicher Musik“. In den 1920er Jahren wurde von der „Shanghai Datong Music Society“ erstmals gezielt der Versuch unternommen, chinesische Musik mit Elementen europäischer Musik zu verbinden. In den 1950er Jahren wurden viele bedeutende chinesische Instrumentalisten zu Professoren an Musikhochschulen ernannt, und eine chinesische Musikausbildung westlicher Prägung begann. Die Gesangsausbildung wurde bald von Auslandsheimkehrern dominiert, die zumeist in Russland Gesang studiert hatten; es entstand eine Hybridform aus Elementen chinesischer Tradition und Belcanto. Außerdem wurden große Orchester mit chinesischen Instrumenten nach europäischem Vorbild gegründet.
- Während der Kulturrevolution wurde die Weitervermittlung von Tradition in der Musik gezielt unterdrückt und traditionelle Strukturen wurden zerstört. Für die chinesische Spitzenkultur leiteten der daraus resultierende Schock und das folgende Vakuum einen extremen Wandel ein.
- In den späten 1970er und 80er Jahren sind Niveau und kreative Energie an chinesischen Musikhochschulen auf dem Höhepunkt. Die Instrumentaltechnik wird rasant weiterentwickelt, zahlreiche neue Kompositionen für chinesische Instrumente entstehen, vorwiegend komponiert von den Instrumentalisten selbst. Die entstehende Komponistenelite ist westlich geprägt und benutzt die Musiksprache der westlichen zeitgenössischen Musik.
- Ab den 1980er Jahren breiten sich Radio, Fernsehen und Tonträger sehr schnell auch in ländlichen Gegenden aus. Die „akademischen Stile“, allen voran die Hybrid-Gesangstechnik, beeinflussen landesweit die Musizierweise und führen zu einer stilistischen Nivellierung. Karaoke wird in den Städten als Alltagsmusizierpraxis populär.
- In den 1990er Jahren werden Studiengebühren eingeführt, das Niveau an Musikhochschulen sinkt aufgrund extrem gestiegener Studentenzahlen und Korruption wieder drastisch. Das chinesische Fernsehen etabliert in einem Gesangswettbewerb die Aufteilung in drei verschiedene Gesangsstile – Belcanto, „Minzu Changfa“ (entspricht der an Musikhochschulen gelehrten Hybridform) und Pop-Gesang.

“Twelve Girls Band” in Taiwan, 2005 © www.icpress.cn
- Ab den 1990er Jahren wird Volksmusik in ländlichen Regionen deutlich weniger praktiziert. Auch Karaoke als „urbanes Pendant“ zur Volksmusik verliert langsam wieder an Bedeutung.
- Im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhundert wächst das Bewusstsein für den Wert der rasant untergehenden authentischen Volksmusik; das Kulturministerium investiert Millionen in Projekte zur Dokumentation und Präsentation, ein Bezug zur „professionellen Musikszene“ bleibt jedoch aus. Gleichzeitig entstehen zahlreiche kommerzielle Ensembles (sogenannte Meinü-Yuedui = Schöne Frauen-Ensemble) die auf traditionellen Instrumenten mit opulenter elektronischer Begleitung Musik verschiedenster Genres in Pop-Stilistik aufführen.
- In den letzten 20 Jahren wurden in zahlreichen Städten Chinas Konzertsäle gebaut. Da sich aber eine Konzerttradition im europäischen Sinne in China erst entwickelt, ist die Programmgestaltung zumeist noch sehr unstrukturiert. Die Konzertprogramme sind stilistisch meist extrem weit gefasst, Orchesterkonzerte und Gesang sind vorherrschend, Kammermusikkonzerte einzelner Ensembles die große Ausnahme.
Zu Teil II: Musikerausbildung und Arbeitsperspektiven für Musiker
Zu Teil III: Konzepte zur Bewahrung und Erneuerung
Zu Teil IV: Chinesische Musik und „Der Westen“
Zu Teil V: Die „Essenz“ chinesischer Musik in neuen Kompositionen
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Robert Zollitsch wurde 1966 in München geboren. Als Jugendlicher lernte er Zitherspielen. Von 1986 bis 1990 studierte er Musiktheorie an der HDK Berlin, 1993 erhielt er ein DAAD-Stipendium, um in Shanghai die die chinesische Zither Guqin zu erlernen. Es folgten Forschungen zu traditioneller chinesischer Musik, aber auch zu den Musiktraditionen nationaler Minderheiten, und enge Zusammenarbeit mit chinesischen Musikern. Robert Zollitsch ist heute ein bedeutender Komponist neuer chinesischer Kunstmusik. Er lebt mit seiner Frau, der Sängerin Gong Linna (龚琳娜) und zwei Kindern am Chiemsee in Bayern.Text: Robert Zollitsch (老锣)
Komponist für neue chinesische Kunstmusik
Dezember 2009
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Dezember 2009









