Von der Experimentierphase zur neuen Blütezeit - deutsch-chinesischer Austausch im Rock und Pop (Teil II)


Jeansteam in Guangzhou November 2008, Foto: Philipp Grefer
Im musikalischen Bereich können die 80er Jahre als Experimentierphase im deutsch-chinesischen Verhältnis gelten. Die Tournee von BAP war zwar ein von der Presse sehr beachtetes Ereignis, blieb jedoch vorerst ohne große Folgen. Zwischen der Tour und der sich zur gleichen Zeit in China entwickelnden Rock-Szene gab es kaum Anknüpfungspunkte. Auch das erste Jazzfestival 1993 und der Besuch der vier chinesischen Bands in Deutschland blieben – jedenfalls kurzfristig gesehen – wenig nachhaltig. Weder traten vermehrt deutsche Bands in China, noch tourten chinesische Bands durch Deutschland.
Während sich in den 90er Jahren in China erst einmal überhaupt Strukturen für Musiker außerhalb staatlicher Institutionen herausbildeten, zeigte man sich in Deutschland, einem der größten Musikmärkte der Welt, wenig interessiert an einem kommerziell eher uninteressanten Chinaengagement. Ohne die Unterstützung kultureller Einrichtungen oder großer Sponsoren waren Konzerte deutscher Gruppen in China kaum möglich. So wurde das gemeinsame Konzerts der beiden grauen Eminenzen des deutschen- bzw. chinesischen Rocks, Udo Lindenberg und Cui Jian, im Jahr 2004 von Volkswagen in Peking gesponsert. Schon die Konzerttour von BAP war eher aus der Neugier am Exotischen entstanden, als auf einem ökonomischen Kalkül begründet - die Band finanzierte die Tour weitgehend aus eigener Tasche.
Seit einigen Jahren wächst jedoch das Interesse an der chinesischen Musikszene. Der Wunsch, ein Stück des potentiell riesigen chinesischen Marktes abzugreifen, verknüpft sich mit der Neugier nach dem, was die aufstrebende Weltmacht popkulturell zu bieten hat.
Junge Leute, neuer Schwung
Eher letzterem ist zu verdanken, dass sich der deutsche Musiklabelbetreiber George Lindt nach China aufmachte: „2004 hatte mir jemand einen Stapel CDs von chinesischen Undergroundbands zukommen lassen. Ich war sofort begeistert, hob mein letztes Geld von der Bank ab, und machte mich mit meiner Videoausrüstung auf nach Peking, um die dortige Szene zu erforschen“. Aus diesem Spontanentschluss entstand der Dokumentarfilm Beijing Bubbles, der 2006 auf Filmfestivals rund um die Welt gezeigt und durch den die Aufmerksamkeit für die chinesische Musikszene in Deutschland erheblich gesteigert wurde. Eine Deutschlandtour der in dem Film dokumentierten Band Joyside im Jahr 2007 trug weiter dazu bei.
In umgekehrter Richtung begann etwa zur selben Zeit das Projekt Deutschland und China – Gemeinsam in Bewegung Gestalt anzunehmen, eine Veranstaltungsreihe der Bundesrepublik Deutschland, bei dessen kultureller Planung man auf die altbekannten Namen Kahn-Ackermann, Hoffmann und Helbig stößt. Im Oktober 2007 wurde die erste von geplanten sechs Stationen in Nanjing mit einem Konzert des Berliner Popduos 2Raumwohnung eröffnet. 10.000 Chinesen klatschten vor der stattlichen Bühne auf dem Hauptplatz der alten chinesischen Hauptstadt regelrecht ein neues Kapitel im deutsch-chinesischen Musikaustausch herbei. Bei den darauf folgenden Stationen in Chongqing und Guangzhou, sowie im Rahmen der 2008 gelaufenen Reihe Elektronische Musik des Goethe Instituts Peking hatten dann unterschiedlichste deutsche Musikgruppen wie MIA.., Tele, Fotos, Gebrüder Teichmann, Heiko M/S/O und Deine Lakaien Gelegenheit, in China zu spielen.
Das Berliner Elektropopduo Jeans Team erlebte im Anschluss an ihren Auftritt in Kanton bei sechs Konzerten in fünf weiteren Städten die dynamische chinesische Clubkultur und war total begeistert: “Es hat genau drei Stunden in China gebraucht, da hatten wir unsere USA-Tour schon komplett vergessen.”

Pet Conspiracy in Köln
Inzwischen mischt sich unter die verdienten Pioniere des deutsch-chinesischen Musikaustausches langsam eine neue Generation. So kam es auf der ausverkauften Kölner Partyinstitution Like im September 2008 zu einer Begegnung zwischen den heißgehandelten Pekinger Elektrofashionistas Pet Conspiracy und Malk, den jungen Erben des so genannten Sound of Cologne. Letztere haben gerade ihr Debut unter dem Dach des chinesischen Labels Pilot Records veröffentlicht.
Viel versprechender Blick in die Zukunft
Dass es zu ähnlichen Kooperationen in Zukunft wohl noch öfter kommen wird, dafür spricht eine erste Umfrage unter den Teilnehmern der Kantoner Musikkonferenz, die die Berliner Agentur Piranha als Organisator derselben durchgeführt hat:
So streben Björn Döring (Arena, Berlin), Katja Lucker (Kulturbrauerei, Berlin), Ralph Christoph (c/o pop, Köln) und Sven Hasenjäger (Reeperbahnfestival, Hamburg) an, chinesische Künstler in Deutschland auftreten zu lassen. Hasenjäger arbeitet derzeit an einer Kooperation mit dem Pekinger Midi-Festival. Dimitri Hegeman, Betreiber einer der bekanntesten Technodiscos weltweit, dem Tresor in Berlin, kann sich sogar vorstellen, eine Weile in Peking zu leben: “In Peking habe ich mich an das Berlin nach dem Mauerfall erinnert gefühlt. Jetzt wollen wir prüfen, in Peking einen Tresor Club zu starten”. Auch China-Pionier Peter Schneckmann zieht es wieder zurück: “Wir planen gerade eine Neuauflage der Frankfurter Wochen in Kanton von 1993.”
Positiv überrascht vom „Umdenken einer neuen Generation von Führungskräften” zeigt sich Marc Chung, Aufsichtsratmitglied der Public-Private-Partnership Initiative Musik. Zu den Aufgaben der Initiative Musik gehört die Exportförderung deutscher Musik, und so besteht naturgemäß auch ein Interesse am chinesischen Markt. “Die Chinesen haben gerade ein neues Urhebergesetz verabschiedet, das wir jetzt prüfen, und dann überlegen wir mal, ob wir 2009 eventuell ein Pilotprojekt starten können”, sagt Chung.
Nach einem zaghaften Anfang in den 80ern und einer großen Durststrecke in den 90ern scheint sich der musikalische Austausch im neuen Jahrtausend also regelrecht rasant zu entwickeln – auch wenn Sven Harpering der Stadtmarketingagentur Berlin Partner zu bedenken gibt: “Der Musikmarkt in China ist natürlich noch recht klein und es fehlt an Know-how.”
Gerade deswegen sollte man sich ganz besonders die Worte von jemanden zu Herzen nehmen, der durch seine zwölfjährige Musikbusiness-Erfahrung in China dieses Know-how besitzt: “Lange Jahre war ich als Einzelkämpfer in China unterwegs”, führt Memo Rhein aus, der als Gründer von Unlimited Media seit 1997 im Reich der Mitte Musik veröffentlicht, und setzt zum Appell an: “.. bis ich gemerkt habe, dass besser alle an einem Strang ziehen sollten, um hier etwas zu erreichen.”
Text: Philipp Grefer
Dipl. Reg.-Wissenschaftler, freier Journalist und Musikmanager
Copyright: Deutsch-Chinesisches Kulturnetz
Januar 2009
Dipl. Reg.-Wissenschaftler, freier Journalist und Musikmanager
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Januar 2009








