Von Heintje zum Beijing Jazz Festival - deutsch-chinesischer Austausch im Rock und Pop (Teil I)


BAP 1987 in China, Foto courtesy Peter Schneckmann
„Der erste deutsche Star in China war… Heintje“: Da sitzen sie nun alle etwas verblüfft, die alten Recken der deutschen Livemusik-Branche. Mit solchen Eröffnungsworten der Konferenz „Musikmarkt in Bewegung“ hatte an diesem schönen Novembertag auf der Deutschlandpromenade in Kanton 2008 wohl niemand gerechnet. Doch der Leiter des Goethe-Instituts China, Michael Kahn-Ackermann, führt aus: „Als ich in den 80er Jahren übers tibetische Hochland fuhr, plärrte mir tatsächlich aus den Fenstern Kleine Kinder, kleine Sorgen entgegen“. Wie der auf deutsch singende, niederländische Kinderstar es so erfolgreich in das Reich der Mitte geschafft hat – das mag wohl am besten mit den Worten eines Fans erklärt werden: „Heintje repräsentiert die typischen chinesischen Tugenden: Liebe zu den Eltern und Großeltern, eine harmonische Familie“ ist es online auf einer Kommentarseite zu Heintjes Film: Einmal wird die Sonne wieder scheinen zu lesen. Dieser wurde zwar schon 1970 gedreht, gelangte wohl aber erst Anfang der 1980er Jahre nach China, wo er unter dem Titel Hübscher Junge Heintjes Gassenhauer in die Kinos und anschließend tief in das chinesische Bewusstsein brachte.
Ein „Ausflug“ nach Deutschland
Doch zurück zur Deutschlandpromenade: Hier saßen die Vertreter der deutschen und der chinesischen Musikindustrie bei einem ersten großen Treffen dieser Art zusammen, um Wege der Kooperation zwischen zwei scheinbar völlig unterschiedlichen Musikmärkten und damit auch Kulturen zu finden. So lag ein Hauch von zukünftiger Historie über dem Treffen, vielleicht auch deshalb, weil der Initiator der Konferenz, Udo Hoffmann, selbst schon zu einer legendären Figur in der chinesischen Musikszene geworden ist. 1983 kam der ehemalige Sinologiestudent das erste Mal in die Volksrepublik. Kurze Zeit später entwickelte sich dort die Rockmusikszene und mit Cui Jian entstand der erste chinesische Rockstar. Vier Bands dieser Szene, deren raue Musik als Nordwestwind bekannt wurde, brachte Hoffmann 1993 - inzwischen arbeitete er als Lektor beim DAAD - unter dem Projekttitel China Avantgarde nach Deutschland. An einem nach allen Augenzeugenberichten zu urteilen erinnerungswürdigen Abend im Berliner Haus der Kulturen der Welt (HDK) traten sie auf: der „Vater des chinesischen Rocks “Cui Jian (崔健), Cobra, die als Chinas erste Frauenband gehandelt wurde, die Metal-Formation Tang Dynastie und der Sänger Wang Yong (王勇). Ein Zeit-Artikel von damals findet dabei Parallelen zwischen der von Tang-Dynastie vorgetragenen Metal-Version des alten Arbeiterkampfliedes Internationale und Jimi Hendrix´ woodstockscher Star Spangled Banner-Version – Protest-Rock für die freie Welt halt.
Das hatten einige Leute in den Neuen Bundesländern, wo die Gruppen ebenfalls auftraten, anscheinend noch nicht so ganz begriffen, wie Joachim Helbig, damaliger musikalischer Leiter des HDK, und heute u.a. zuständig für die Koordination Deutscher Kulturwochen im Ausland beim Goethe Institut erzählt: "Ich glaube da hatten einige mit einer etwas anderen Musik aus China gerechnet, jedenfalls schien Rockmusik den etwa 35 Leuten, die in Erfurt mit friedensbewegten Halstüchern auftauchten, eher schwer zu vermitteln zu sein.“ Auch an die schwierigen Organisationsbedingungen erinnert Helbig sich: „Für jeden einzelnen chinesischen Musiker brauchten wir eine Einladung einer Berliner Familie, um die Ausreise zu ermöglichen. Da hat sich in der Zwischenzeit zum Glück einiges verbessert.“
Jazz und Kölsche Tön in China
Bevor es jedoch die ersten chinesischen Bands nach Deutschland schafften, besuchte eine deutsche, genau gesagt kölsche Band die Volksrepublik. BAP trat 1987 in die Fußstapfen von Wham!, die 1985 als erste westliche Pop-Band in China aufgetreten waren, und gingen auf Tour nach Peking, Shanghai und Kanton. Auch das verlief natürlich nicht ganz ohne Zwischenfälle: „Die Technik musste damals noch aus Hongkong eingeführt werden, weil es in der Volksrepublik nicht das gab, was wir brauchten. Naja, und als wir dann in Shanghai spielten, gab es auf einmal einen großen Stromausfall...“ erinnert sich Peter Schneckmann, der damals an der Durchführung des Projektes beteiligt. Als einer der wenigen deutschen Pioniere, die im Bereich Musik in China tätig waren, ist es nicht verwunderlich, dass sich sein Weg mit dem Hoffmanns 1993 überschnitt – und zwar im Jazz. Während Schneckmann im Rahmen der Städtepartnerschaft zwischen Kanton und Frankfurt Musiker wie Frank Wolff nach China brachte, startet Hoffmann das Beijing Jazz Festival, welches wiederum den Grundstein für die MIDI School legte, Chinas erste Musikschule die auf moderne (U-)Musik spezialisiert ist. Und auch wenn der deutsch-chinesische Musikaustausch erst wieder in der zweiten Hälfte der ersten Dekade des 21. Jahrhunderts ins Rollen kommen sollte, so ist mit der MIDI School und dem seit 1997 stattfindenden MIDI Rock Festival die Grundlage für die Entfaltung der chinesischen Musikszene geschaffen – und damit auch zu zukünftigen Kooperationen mit deutschen Musikern.
Text: Philipp Grefer
Dipl. Reg.-Wissenschaftler, freier Journalist und Musikmanager
Copyright: Deutsch-Chinesisches Kulturnetz
Dezember 2008
Dipl. Reg.-Wissenschaftler, freier Journalist und Musikmanager
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Dezember 2008








