Young China - Neue Musik aus China in Frankfurt am Main

Foto: Maren Beßler, Copyright: www.pixelio.de
Young China - unter diesem Titel wurden am 16. August 2008 bei einem 9-stündigen Konzertmarathon im Sendesaal des Hessischen Rundfunks Kompositionen aus dem Reich der Mitte vorgestellt. Gespielt wurden Werke der in Deutschland studierenden Komponistinnen und Komponisten Liu Huan (刘欢), Xie Xin (谢鑫) und Yang Lin (杨琳) sowie der in Peking Studierenden Bi Jianbo (毕健博), Cheng Huihui (程慧惠), Wen Zhanli (温展力) und Song En’En (宋恩恩). Auch Werke der Komponisten Huo Feifei (霍霏霏, Konservatorium Shanghai), von Liu Qiqi (刘奇琦, Konservatorium Sichuan) und Shao Litang (邵丽棠, Konservatorium Kanton) wurden aufgeführt.
Die jungen Künstler - die Altersgrenze lag bei 30 Jahren - wurden aus einer Vielzahl an Empfehlungen der wichtigsten Konservatorien Chinas ausgewählt. Im Dezember 2008 sollen diese Konzerte an verschiedenen Orten in China wiederholt werden.
Vor dem Konzert sprach Frau Wu Xueqing im Auftrag des Deutsch-Chinesichen Kulturnetzes in Frankfurt am Main mit den maßgeblichen Initiatoren des Projekts, Jens Cording, Projektleiter Musik beim Siemens Arts Program, und Stefan Fricke, Redakteur für Neue Musik des Hessischen Rundfunks.
Wu: Wie kamen Sie auf die Idee, ein Konzert mit jungen chinesischen Komponisten zu veranstalten?
Cording: Stefan und ich hatten festgestellt, dass wir beide in letzter Zeit viele Erfahrungen in China gemacht hatten, er in Shanghai, und ich in Peking, dass es uns aber nicht gelingt, das, was wir da gelernt und erfahren haben, hierzulande zu vermitteln - z.B. unsere Kenntnisse über die Komponistenszene in China. Gemeinsam sind wir dann auf die Idee gekommen, in Deutschland einmal junge chinesische Komponisten zu präsentieren, weil in Deutschland eigentlich immer nur Werke einer älteren Komponistengeneration gespielt werden.
Fricke: Der Westen guckt auf die Werkbank der Welt, auf China vor allem als Wirtschaftsmacht, aber selten auf die Kultur Chinas. Wir haben uns überlegt, wie wir den aktuellen Fokus darauf und besonders auf den Nachwuchs Chinas legen könnten, um damit unseren Beitrag zum Informationsaustausch und zur Nachhaltigkeit zu leisten.
Wu: Was möchten Sie mit diesem Konzert erreichen?
Cording: Als das Siemens Arts Program 2005 anfing, Projekte in China auf die Beine zu stellen, hatte ich vor, ein Ensemble für zeitgenössische Musik ins Leben zu rufen. Bei meiner ersten Recherche musste ich feststellen, dass dafür gar keine Musiker vorhanden sind, dass es in China gar keine Kammermusik in Form von Trio, Streichquartett oder Quintett gibt. Die Studenten am Zentralen Konservatorium Peking haben eine einzige Kammermusikstunde während der Gesamtstudienzeit, das ist einfach zu wenig. Wir wollen den Menschen dort bewusst machen, warum Kammermusik so wichtig ist. Zusammen mit dem Zentralen Konservatorium, dem Goethe-Institut und der Ernst von Siemens Musikstiftung haben wir den ersten Kammermusik-Meisterkurs in China eingerichtet. Im Vorfeld haben sich ca. 100 Ensembles gebildet, um sich für diesen Kurs zu bewerben, ein großer Erfolg. Also: Kammermusikreihe, Kompositionskurse - alles zielt darauf ab, dass wir irgendwann zeitgenössische Kammermusik in Peking präsentieren können. Das Projekt Young China ist ein erster Meilenstein auf diesem Weg dahin!
Fricke: Was wir von China wissen, ist sehr wenig, obwohl die Bande, die China und Deutschland geschlossen haben, schon sehr lange zurückreichen. Das Shanghaier Konservatorium wurde 1927 gegründet und ist eines der ältesten Konservatorien in Asien überhaupt. Es hat sich aus der Erfahrung eines chinesischen Komponisten gebildet, der in Hamburg am Konservatorium war und nach Shanghai zurückging: Xiao Youmei (蕭友梅, 1884-1940). Die nächste Geschichte, die Deutschland und China verbindet, ist eine traurige Geschichte: Die Nationalsozialisten haben wichtige Komponisten aus Deutschland vertrieben, von denen einige nach Shanghai emigrierten und dann am dortigen Konservatorium unterrichteten. Eine Geschichte, die bisher so gut wie nicht aufgearbeitet wurde! Das sind alles Faktoren, die wir zusammenbringen können, um Anstöße zu geben, die über dieses Konzertereignis hinausgehen. Vielleicht bekommen deutsche Musikwissenschaftler und Journalisten ja Lust, nach China zu fahren und dazu zu forschen!
Wie haben Sie die Komponisten ausgewählt?
Fricke: Man kann als Kurator viel von sich selbst ausgehen: ICH suche aus und bestimme alles; ICH habe Freunde, da hole ich mir Tipps. Wir haben stattdessen versucht, diesen Prozess zu demokratisieren, unter Einbindung chinesischer Besonderheiten. Ein wesentlicher Aspekt ist, dass alle Komponisten unter 30 Jahren, d.h. zwischen 22 und 28 Jahren alt sind. Wir haben u.a. die Direktoren der Konservatorien gebeten, uns bei einer Vorsondierung der Komponisten zu helfen. Eine Jury wurde eingesetzt, die sich mit der aktuellen Musikszene in China auskennt. Dazu gehören der Komponist, Dirigent und Kulturmanager Peter Ruzicka, der Komponist Johannes Schöllhorn und der Dirigent Rüdiger Bohn. Dann haben wir auch die Ensembles eingebunden – das Berliner Sonar Quartett, das Kammerensemble Neue Musik Berlin und das Dresdner ensemble courage - , weil wir berücksichtigen mussten, dass sie die Kompositionen spielen können und wollen.
Wu: Die Kompositionsklasse von 1978-1983 hat international anerkannte Komponisten wie Tan Dun (谭盾), Liu Sola (刘索拉) und Guo Wenjing (郭文景) hervorgebracht. Die Erlebnisse in der Kulturrevolution, die Bindung an die Tradition sowie der Bruch mit ihr haben ihre Kompositionen geprägt. Wodurch zeichnet sich die junge Generation aus?
Cording: Soweit ich das beurteilen kann, herrscht eine große Freiheit und Vielfalt im Komponieren. Es gab eine Zeit, in der viele narrative Elemente in der Musik zu finden waren. Das heißt, es stand oft eine Geschichte hinter der Komposition und man hatte eine bildhafte und erzählerische Haltung. Mittlerweile komponieren viele junge Komponisten absolut, haben aber trotzdem diese große Farbigkeit beibehalten, der sich deutsche Komponisten oft verweigern.
Fricke: Es lässt sich auch eine große Wechselhaftigkeit im eigenen Œuvre ausmachen. Tan Dun ist nicht nur ein wichtiger Komponist für China, sondern auch für den Westen. Er hat einen unglaublich vielfältigen Kompositionsstil. Mal kann er forciert experimentell sein, da wird dann z.B. Wasser geklopft, geschlagen und gerührt; mal schreibt er Filmmusik, z.B. für Tiger & Dragon, wofür er den Oscar erhielt. Die jungen Komponisten zehren von diesem Humus, den die ältere Generation bereitet hat. Sie spielen mit mannigfachen „Dialekten“, suchen zugleich ihre eigene Sprache. Sie gehen in das alte China zurück, um sich in ganz neuen Klangorganisationen zu präsentieren. Anders als im Westen schauen sie mit einem Auge durchaus auch auf die Wirtschaftlichkeit – darauf, dass sie vielleicht auch angewandt komponieren, um Geld damit zu verdienen.
Wu: Wie ist Ihr Eindruck von der Musik- bzw. Komponistenausbildung in China?
Fricke: Ich bemerke eine unglaubliche Wissbegierde bei den Studenten, die sehr stark und kaum zu stillen ist! Was bei der Ausbildung noch fehlt, ist: Mehr Pflanzen für kurze Zeit zu setzen, also bedeutende Komponisten aus dem Westen für zwei, drei Monate nach China zu schicken, eine Art Gastprofessur an den Konservatorien einzurichten und die chinesischen Kompositionsstudenten mit unterschiedlichen Ästhetiken zu konfrontieren. Und man sollte sich hierbei nicht nur auf Peking und Shanghai beschränken, sondern z.B. auch nach Wuhan oder Tianjin gehen. Da fehlt es noch an Informationen. Mit so einem kleinen Programm, das gar nicht teuer wäre, könnte man viel bewirken.
Cording: Viele junge Komponisten sind beeinflusst von dem, was momentan in der örtlichen Bibliothek vorhanden ist. Ein wichtiger Punkt ist daher die Ausstattung der Bibliotheken. Das ist im Zentralen Konservatorium Peking ganz ok, aber in der Provinz oft mangelhaft. Es muss zu Kooperationen mit Verlagen, Förderern und Bildungsinstitutionen kommen, Mediatheken mit Tondokumenten müssen aufgebaut werden, Künstlerreisen und Austausch von Materialien müssen zur Normalität werden.
Wu: Ein Konzertmarathon über neun Stunden klingt aufregend. Wie haben Sie das Konzertprogramm gestaltet?
Cording: Wir haben das Ganze in vier Konzerte mit jeweils einer Pause, also insgesamt acht Teile untergliedert. Das erste Konzert wird mit relativ klein besetzten Werken am Nachmittag stattfinden; das zweite wird ein reines Quartett-Konzert mit dem Berliner Sonar Quartett; das dritte Konzert spielt das Kammerensemble Neue Musik Berlin; das Schlusskonzert wird vom Dresdener ensemble courage aufgeführt. Wir haben versucht, einen dramaturgischen Aufbau zu schaffen, um ein vielfarbiges Programm anzubieten. Es werden jeweils zwei Werke der Künstler präsentiert, diese jedoch nicht direkt hintereinander, sondern über den Tag verteilt. Zusätzlich haben wir die Komponisten gebeten, jeweils ein ihnen wichtiges chinesisches Gedicht auszusuchen, das sie selbst vorlesen werden. Auch wenn manche Stücke relativ westlich klingen, so hat man durch die Sprache immer einen Rückbezug auf China.
Wu: Eine etwas unfaire Frage: Auf welches Stück sind Sie besonders gespannt?
Cording und Fricke (schmunzelnd, debattierend, am Ende einig): Das allerletzte Stück am Abend! Das wird ein Glanzlicht sein aufgrund der instrumentalen Farben - und aufgrund der Tatsache, wie diese Farben organisiert sind.
Interview/Text: Wu Xueqing
Frankfurt
Copyright: Deutsch-Chinesisches Kulturnetz
Juli 2008
Frankfurt
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Juli 2008








