Gründung eines musikalischen Netzwerks in Dalian


Teilnehmer des Netzwerk-Treffens in Dalian, Foto: Yang Lin
Vom 2.–4. April 2008 fand in Dalian in der Provinz Liaoning eine Konferenz statt, an der Vertreter chinesischer Universitäten und deutscher Musikhochschulen teilnahmen. Der Titel der Veranstaltung lautete „Chinesisch-Deutsches Forum musikalische Berufsausbildung". Auch Martin Maria Krüger, Präsident des Deutschen Musikrats und Direktor des Richard-Strauss-Konservatoriums München, war unter den Teilnehmern. Er berichtet von Verlauf und Ergebnissen dieser Tagung.
AR: Vom 2.–4. April 2008 waren Sie in Dalian. Anlass der Reise war eine Konferenz, die von der Universität Dalian initiiert worden war und die Bildung eines musikalischen Netzwerkes zwischen Deutschland und China zum Ziel hatte. Wie war die Vorgeschichte zu diesem Treffen, wer war eingeladen?
MMK: Hintergrund für dieses Treffen war der von verschiedenen Seiten geäußerte Wunsch, eine Arbeitsgemeinschaft zu bilden, über welche China und Deutschland sich auf Augenhöhe begegnen können. Wir möchten den gegenseitigen Fortbildungsbedarf auf der Ebene der Musikhochschulen erkennen und langfristig bündeln. Von chinesischer Seite waren Vertreter von 15 chinesischen Hochschulen mit Musikabteilungen anwesend. Von deutscher Seite kamen Prof. Dr. Birgit Jank, Prof. Dr. Stefan Gies sowie Prof. Dr. Franz Riemer, die sowohl bedeutende Universitäten und Hochschulen in Potsdam, Dresden und Hannover als auch übergeordnete Netzwerke vertreten.
AR: Was waren die wichtigsten Punkte, die bei der Tagung besprochen wurden?
MMK: Auf der Tagung stellten die deutschen und chinesischen Teilnehmer zunächst die musikpädagogischen Strukturen im eigenen Land vor. Daraus leiteten wir dann erste Tendenzen hinsichtlich Fortbildungsbedarf, Bedürfnissen und Möglichkeiten ab. Beide Seiten möchten wegkommen von individuellen, zufälligen Bedürfnislösungen zwischen Deutschland und China. Jeder Bedarf und jedes Angebot soll bei einem klaren Ansprechpartner angesiedelt sein. Hierfür wurde entschieden, ein Büro in Dalian zu gründen. Es wird direkt an der Universität Dalian angedockt sein. Ansprechpartner werden hier der Präsident der Universität Dalian Prof. Pan Chengsheng sowie der Direktor der dortigen Musikabteilung Prof. Li Yingjie sein.
Dieses Büro soll eng mit dem bereits existierenden gemeinsamen Pekinger Büro des Deutschen Musikrats und der Rektorenkonferenz der deutschen Musikhochschulen unter Leitung von Prof. Yang Lin zusammenarbeiten und vermittelnd tätig sein.
AR: Welcher Fortbildungsbedarf wurde festgestellt?
MMK: In China gibt es etwa 600 Musikabteilungen, die an Universitäten angegliedert sind – von insgesamt ca. 2000 Universitäten. Nur neun Institute sind nach chinesischen, aber auch internationalen Standards als Musikhochschulen offiziell anerkannt. Nimmt man noch weitere sieben Musik-Colleges hinzu, in denen man einen Bachelor-Abschluss machen kann, kommt man auf insgesamt sechzehn Ausbildungsstätten, in denen man eine relativ professionelle Musikausbildung machen kann. Gerade angesichts dieser geringen Zahl aber kommt den Universitäten eine bedeutende Rolle zu, und wir sollten das Angebot annehmen, bei der Stärkung der Arbeit an den Universitäten und einer den chinesischen Bedürfnissen angemessenen eigenen Musikpädagogik behilflich zu sein. Deutschland hat als das Land der großen romantischen Musiktradition mit einer musikalischen Ausbildung auf höchstem Niveau einen exzellenten Ruf in China. Stichworte wie Fleiß und Wertarbeit werden direkt mit Deutschland in Verbindung gebracht. Auf deutscher wie chinesischer Seite besteht Interesse, über die Kontaktstelle in Dalian zukünftig nicht nur gebündelt eine Bedarfsanalyse an deutschen Musikpädagogen vorliegen zu haben, sondern zu einem Austausch von Lehrkräften zu kommen. Wir sollten im Übrigen auch das legitime Interesse unserer chinesischen Partner, Ensembles mit traditioneller chinesischer Musik in Deutschland zu präsentieren, im Auge behalten.
AR: Wie könnten Kooperationsmöglichkeiten im Detail aussehen?
MMK: Wir überlegen, in den nächsten Monaten einen Pool an konkreten Kooperationsmodellen zu entwerfen, der den verschiedenen Bedürfnissen gerecht werden kann. Denkbar sind ein Dozentenaustausch hinsichtlich künstlerischer und wissenschaftlicher Fortbildung, eine Förderung der gegenseitigen Teilnahme an akademischen Gastveranstaltungen, Meisterklassen, internationalen Wettbewerben und Forschungsprojekten. Außerdem sollten Angebote für befristete Gaststudien an Universitäten geschaffen werden. Gewünscht wird von chinesischer Seite vorrangig die Möglichkeit befristeter Studienaufenthalte für chinesische Lehrkräfte in Deutschland sowie die Vermittlung deutscher Künstler und Pädagogen für Meisterklassen in China. Ergebnis könnte beispielsweise auch sein, dass bald verstärkt Jazz-Lehrkräfte an chinesische Musikabteilungen gehen könnten, da dieser Bereich dort reges Interesse genießt.
AR: Welche Rolle spielt bei dem Vorhaben der Deutsche Musikrat - welche andere Institutionen wie z.B. das Goethe-Institut? Wie ist die Finanzierung für das Netzwerk geplant?
MMK: Der Deutsche Musikrat wird bei der Bildung des Pools an Institutionen und Personen für das Netzwerk beteiligt sein. Das Auswärtige Amt hat ebenso wie das Goethe-Institut als Kulturmittlerorganisation Interesse an diesem außenpolitisch interessanten „Türöffner"-Projekt. Hierüber erfolgte auch die Ermöglichung des Treffens in Dalian – zukünftig jedoch wird sich das Netzwerk finanziell selbst tragen müssen. Viele Universitäten in China verfügen beispielsweise über ein eigenes Hotel, so dass über solche Strukturen die Kosten auch minimiert werden können. Die Kosten für die Einrichtung des Büros in Dalian wird die dortige Universität übernehmen.
AR: Wie sehen die weiteren Schritte aus? Wird es eine Folgekonferenz geben?
MMK: Am letzten Tag der Konferenz wurde von allen Teilnehmern eine Absichtserklärung unterzeichnet. Im Mai 2008 werden die Ergebnisse bei der Rektorenkonferenz deutscher Musikhochschulen in Freiburg vorgestellt werden. Frau Prof. Jank wird sie in die Konferenz „Musikpädagogik an wissenschaftlichen Hochschulen" einbringen, und wir werden im Präsidium sowie im Bundesfachausschuss Musik und Bildung des Deutschen Musikrates darüber sprechen. Im Herbst 2008 wird die chinesische Delegation nach Deutschland kommen, um einige Musikhochschulen und Universitäten kennenzulernen und über weitere Schritte zu beraten. Ich bin sicher, dass das Netzwerk schon bald eine zentrale Rolle bei der Vermittlung professioneller musikalischer Fachkräfte spielen wird.
AR: Herzlichen Dank für dieses Interview!
Interview/Text: Anke Rönspies,
Redakteurin Deutsch-Chinesisches Kulturnetz
Copyright: Deutsch-Chinesisches Kulturnetz
Mai 2008
Redakteurin Deutsch-Chinesisches Kulturnetz
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Mai 2008









