Frei von Aufmerksamkeitszerstäubung? Das Offline-Experiment des Journalisten Alex Rühle


Sechs Monate offline – Journalist Alex Rühle im Selbstversuch, Foto: Marijan Murat
Alex Rühle, geboren 1969, ist Redakteur im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung. Vom 1. Dezember 2009 bis zum 31. Mai 2010 startete er einen sechsmonatigen Selbstversuch, offline zu leben - ohne Internet, ohne BlackBerry. Sein halbes Jahr offline war im Wechsel in zwei unterschiedliche Phasen aufgeteilt: Einer vierwöchigen Arbeitsphase in der Redaktion der Süddeutschen Zeitung folgte jeweils eine vierwöchige freie Phase, in der er u.a. im Arbeitszimmer eines Freundes an dem Buch Ohne Netz. Mein halbes Jahr offline über seinen Selbstversuch schrieb.
Herr Rühle, der Entschluss zu Ihrem Experiment, ein halbes Jahr „offline“ zu sein, nahm 2009 bei einer langen Zugfahrt nach Hamburg ohne Netz seinen Anfang. Sie genossen die stundenlange Freiheit vom Netz, konnten in dieser Zeit der Unerreichbarkeit auch sehr konzentriert arbeiten. Letztlich ging es Ihnen bei dem Experiment aber auch um eine Selbstüberlistung – sich von dem Getriebensein des ständigen Mailcheckens zu befreien, Selbstsouveränität zurückzugewinnen….
Ja, da fiel mir auf, wie störend dieses Email-Geprassel eigentlich ist, wie man an den Rändern ausfranst, wie die Aufmerksamkeit so zerflust. Es sind aber zwei Gründe, die zu dem Experiment geführt haben – das eine ist genau das, dass ich mich immer mehr von dieser Gegenwartswalze Email erdrückt fühlte, dass ich immer sehr nervös war und mich abends wie ein neuronaler Flipperautomat empfand. Der zweite Grund ist die, wie ich finde, in Deutschland ideologisch unglaublich überfrachtete Internetdebatte. Die einen, die Blogger, schießen sofort mit der MP los, wenn man zu Bedenken gibt, dass das Internet nicht nur die größte Wunderwaffe der Menschheit ist, sondern auch Probleme in sich trägt. Natürlich ist es die beste Wissensorganisationsmaschine, die es je gab. Aber jeder, der auch Kritik übt, gilt bei den einen gleich als reaktionärer Vollidiot. Dann gibt es die anderen, die das Internet verteufeln und auf die andere Art überzeichnen und das Phänomen immer so isoliert betrachten - ohne Internet sei der freibestimmte, aufklärungsideale Mensch wieder da. Ich halte beide Haltungen für bizarr und dachte mir – ich kann es ja mal ausprobieren, was passiert denn mit mir – falle ich aus allen Bezügen? Werde ich wieder ein in sich ruhender, strukturierterer Mensch?
Ihr Experiment des digitalen Fastens steht in einer gewissen Tradition: Persönlichkeiten wie der Wissenschaftspublizist Nicholas Carr oder der amerikanische Soziologe Richard Sennett schränken ihren Netzkonsum ebenso bewusst ein wie eine zunehmende Zahl von Privatpersonen. Wäre es aber nicht einfacher gewesen, ein halbes Jahr ins Kloster zu gehen?
Das wäre ein ganz anderes Experiment gewesen. Ich wollte ja sehen, was ändert sich in meinem Alltag, wenn ich das mache. Natürlich hätte ich in die Berge gehen können, theoretisch, dafür hätte ich aber gar nicht so lang freibekommen. Ich wollte in meinem normalen Leben bleiben, in meiner Arbeit, in meiner Familie und sehen, was passiert, wenn man sich heutzutage abnabelt.
Ein Ziel des Experiments war auch, sich von einem ständigen Präsenz-Zwang, den der Besitz eines BlackBerrys bedeuten kann, zu befreien – quasi als Selbstschutzversuch. Konnten Sie tatsächlich privat mehr Zeit gewinnen? Und diese besser nutzen?
Privat habe ich auf jeden Fall mehr Zeit gewonnen – privat war es ein unglaublich schönes Experiment. Ich habe wieder sehr viel mehr abends gelesen und eine ruhigere Zeit verbracht. Aber das hängt auch damit zusammen, dass ich ja immer 4 Wochen am Stück zwischendrin jeweils frei hatte. Damit sind wir beim Kern meines Buches: Ich glaube, das Internet muss man wie ein Puzzlestück an einen bestimmten Ort rücken: Das Internet hilft uns ja, Schritt zu halten mit der immer größeren Beschleunigung. Da ist es ja unabdingbar, dass man das zur Verfügung hat – sowohl die Mail, in der man in Ist-Zeit mit den Leuten kommunizieren kann, als auch das Netz.... Dass ich diesen qualitativen Zugewinn hatte, diese ruhigere, schönere, selbstbestimmte Zeit, hängt damit zusammen, dass ich in diesen Wochen einfach wirklich zu Hause war. Da würde man jetzt ins Offline-Sein was reingeheimnissen, wenn man das anders darstellen würde.
Sie berichten von befreundeten Personen, deren privater Alltag vom Smartphone bestimmt sei, von Menschen, die abwesend über dem Blackberry hängen, während sie ihre Kinder „betreuen“. Gelang Ihnen eine „Bewusstseinsschärfung“ im Privatleben? Genossen Sie es, nicht wie sonst nachts wie ein – Zitat: – „süchtiger Pegeltrinker“, wenn die Familie schläft, noch schnell heimlich am Schuhschrank die Mails zu checken?
Dieses Mailchecken, diese Krankheit, dass man dauernd gucken muss, das war ganz am Morgen sofort schon eine Falle. Das ist deshalb so gefährlich, weil sich Arbeitsethos und Narzissmus hier so gut mischen. Gut für den Dealer, sozusagen! Man tut seine Pflicht, schaut immer und immer wieder in die Mails rein - für meine Arbeit im Feuilleton der SZ natürlich wichtig - aber gleichzeitig sind diese Mails ja wie ein warmer Brei und ein warmes Fläschchen fürs Ego. Es denkt jemand an einen - man ist irgendwie wichtig! Jemand adressiert was an mich! Diese Verknüpfung funktioniert zumindest bei mir enorm stark. Die "Bewusstseinsschärfung" - das wäre jetzt schon wieder so eine Mystifizierung. Vielleicht gelang es mir wirklich, etwas ruhiger und klarer zu sein. Das hatte aber viel damit zu tun, dass ich eben frei hatte. Und es hatte natürlich viel mit der Befriedigung zu tun, an dem Buch zu schreiben. Sonst arbeiten wir Journalisten ja immer sehr kleinteilig. Im Umgang mit meinen Kindern bin ich hoffentlich sowieso nicht so schlimm wie manche Anderen.

Buchcover „Ohne Netz" von
Alex Rühle, Foto: Marijan Murat
Alex Rühle, Foto: Marijan Murat
Ich hatte ja gehofft, dass z. B. meine Vergesslichkeit weniger würde – aber ich wurde kein anderer Mensch! Aber ex negativo formuliert: Dadurch, dass dieses Zerschredderte wegfiel, dieses Gehüpfe... es war so, wie wenn sich in einer Pfütze die Sedimente absetzen - alles wurde ein bisschen klarer...ganz realistisch betrachtet habe ich als Journalist aber auch weniger die Wahl als Leute in anderen Berufen. Journalist sein bedeutet immer arbeiten gegen die Zeit, immer vorne dran zu sein. Man muss wissen, was gerade passiert und kann nicht irgendwelche Nachrichten von vorgestern bringen. Daher dann auch die Verpassensängste. Ich schaue nun abends zu Hause weniger oft in die Mails als früher und habe mir nach Abschluss des Experiments selbst zwei Barrieren gebaut: Ich habe mir den BlackBerry nicht mehr wieder geholt, weil ich diese Mails nicht mehr ständig an meinem Körper haben will, sondern gerne wieder einen autonomen Körper besitzen möchte. Ich habe nur noch ein Handy, das lasse ich während der Arbeit aber auch zu Hause, weil ich es nicht unbedingt brauche. Und ich experimentiere mit zwei Rechnern zu Hause - einem, an dem ich nur Word habe. Früher war der Rechner abends auch immer an - jetzt mache ich den Versuch des besseren Portionierens. Beide Barrieren verschaffen mir ein wenig mehr Freiheit.
Wie sah der Arbeitsalltag in dieser Zeit aus – wenn man Ihr Buch liest, scheint es, als ob Sie ständig auf der Suche nach Briefkästen und selten gewordenen Faxgeräten waren?
Es war eine unglaubliche Arbeitsverkomplizierung, weil ich immer andere Kanäle suchen musste. Viele haben ja gar kein Faxgerät mehr und dann dauert alles immer so furchtbar lang. Probleme haben sich auf infrastrukturelle Themen verlagert.
Google-Recherchen bedeuten manchmal, wie Sie schreiben, womöglich etwas Anderes zu finden als das, wonach man suchte – und am Ende gar nicht mehr zu wissen, warum man ins Netz ging. Half die analoge Phase, stringenter zu recherchieren, schnellere, klarere Ergebnisse in kürzerer Zeit zu bekommen?
Ja und nein. Was die Google-Recherchen betrifft - da läuft man tatsächlich immer quer und nie geradeaus, mir zumindest geht es so. Und es gibt beeindruckende Studien, die besagen, dass Leute durch Internet oder Mail von einer Sache abgelenkt werden, im Schnitt 25 Minuten brauchen, um wieder zu ihrer eigentlichen Arbeit zurückzukehren. Zum Teil hatte ich das Gefühl, dass ich zum Beispiel bei einer Arbeit zu einem bestimmten Artikel gut ohne Internet auskomme, da ich, wohlwissend, dass ich kein Google habe, vorher schon genau meine Ansprechpartner kannte, bei denen ich per Telefonat nachfragen konnte. So konnte ich mit drei Anrufen Fragen klären, wozu ich sonst sicher 30 Mal ins Netz gegangen wäre. Aber als ich zum Beispiel mal in Bethlehem etwas zu einem palästinensischen Krimiautor machte und verzweifelt für meinen Artikel den Namen der berühmten Selbstmordattentäterin suchte, die da überall auf Plakaten hängt - da half letztlich nur noch ein Anruf beim Goethe-Institut Ramallah, um schnelle Auskunft zu bekommen.
Sie sprechen in Ihrem Buch von einer bei Ihnen diagnostizierbaren „Informationssucht“, einer „Angstgier“, die dazu führte, dass Sie mehrmals am Tag die Schlagzeilen im Netz verfolgten – einer „Vergiftung durch Nonstopinformiertheit“ durch das Lesen der „permanenten digitalen Newsbrühe“. Hatten Sie tatsächlich ein besseres Gefühl dabei, nur einmal am Tag die Zeitung zu lesen?
Das ist wieder unauflösbar mit meinem Job verknüpft - in der Arbeit ist das nicht besser geworden. Die Anderen haben einfach andere Quellen gehabt als ich, die lesen nur noch online. Die gesamte Zeitung hängt eigentlich am Netz. Als Privatperson – klar, da hatte ich keine Bringschuld, da musste ich ja nicht immer am Start sein.
Sie trafen in Ihrer „analogen Testphase“ den Soziologen Hartmut Rosa, der viel über das Paradoxon schreibt, dass man in der Moderne, in der man eigentlich viel Zeit gewonnen hat, permanent von dem Gefühl gequält werde, keine Zeit zu haben. Wie stand es mit Ihrem subjektiven Zeitempfinden?
Ja, die Monate waren ganz klar ruhiger getaktet – mit weniger Atemnot, dadurch erfüllter – aber es geht mir hier um keine Analogmystik, ich bin nicht am Urgrund des Seins gesessen. Ich war weiter der komische neurotische Typ, der ich eben bin. Also keine Erleuchtung... aber diese Beruhigung, die einkehrte, die hat es gegeben – aber nur in der arbeitsfreien Phase.
Sie trafen auch einen Häftling, dessen Hauptproblem weniger die Haft , sondern die Abnahme des BlackBerrys war, die bei ihm Entzugserscheinungen bis hin zur Panik hervorriefen. Hatten Sie auch „Phantomschmerzen“ und spürten das Vibrieren eines Smartphones in der Hosentasche, das de facto gar nicht da war?
Phantomschmerzen – nein. Ich bin, denke ich, nur moderat süchtig. Körperliche Entzugserscheinungen hatte ich nicht. Und da ich ein Buch darüber schrieb, war ich quasi Ratte und Forscher in einem. Alles, was mir passierte, schrieb ich gleich nieder – dadurch steht man auch gleich wieder neben sich. Durch die Selbstbeobachtung versteht man vieles besser, leidet nicht so von innen heraus. Aber wie ich es in meinem Buch beschrieben habe - manchen Schülern, die ich besuchte, geht es da ganz anders, die kennen mit ihren Geräten alle Phänomene - Phantomblinken, Phantomvibrieren und Phantomschmerzen.
Würden Sie nach Ihrem Experiment zustimmen, dass der größte Luxus auf Dienstreisen ein unvernetztes Hotelzimmer ist – wie es zum Beispiel viele Hotels für gestresste Manager verstärkt anbieten? Und wird doch wieder ein Smartphone bei Ihrem nächsten Urlaub dabei sein?
Es war vor 5 Jahren Avantgarde, online zu sein. Und es ist jetzt Avantgarde, offline zu sein. Es gibt wieder Chefs, die ihre Emails an Sekretärinnen delegieren. Der Soziologe Richard Sennett beispielweise stellte ja seine Emails ab mit dem Vermerk, dass er die Beantwortung nicht mehr schaffe. Für mich wäre es kein Luxus, ein unvernetztes Hotelzimmer zu haben - ich brauche das dringend für meine Arbeit. Ich habe ja bei meinem Experiment weitgehend aufs Handy verzichtet, aber bei Dienstreisen brauchte ich unbedingt mein Handy, um erreichbar zu sein, falls sich etwas ändert. Für Manager mag das ein Anreiz sein, mal in solche unvernetzten Hotels zu fahren, wo sie endlich mal draußen sind. Im Urlaub würde ich auf jeden Fall versuchen, offline zu sein und keinen Rechner mitzunehmen.
Auch wenn Sie sich nicht als „Digital Native“ bezeichnen, empfinden Sie das Schimpfen über das Netz und Soziale Netzwerke als ähnlich verbohrt, wie wenn Kulturkritiker im Jahr 1880 über die Entstehung von Postämtern schimpften oder Glasfaserkabel schlecht geredet wurden…
Das Internet ist nicht der Feind – es kam einfach über Nacht über uns mit einer Geschwindigkeit, die kein Mensch voraussehen konnte. Wenn man sich ansieht, was 1990 über Internet orakelt wurde, das ist völlig lachhaft. Niemand hat vorhergesehen, auf welche Art es sich entwickeln und ausbreiten würde. Aber das Internet ist nicht böse. Es ist einfach ein wahnsinnig riesiges Universum und ich glaube, wir haben bislang einfach nicht so richtig den Umgang damit gelernt. Darum ging es mir in dem Buch. Womit hängt das alles zusammen, dass wir so unkontrolliert sind? Es ist aus meiner Sicht diese Mischform aus Narzissmus und dem Druck der Arbeitserfüllung, der uns da so unglaublich reinschraubt.
Herzlichen Dank für das Interview, Herr Rühle!
Interview/Text: Anke Rönspies
Redakteurin Deutsch-Chinesisches Kulturnetz, München
August 2010
Redakteurin Deutsch-Chinesisches Kulturnetz, München
August 2010








