Freischaffender Medienwächter – Stefan Niggemeier


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„Meine erste hautnahe Begegnung mit der Bild-Zeitung hatte ich 2001 in Kopenhagen“, erzählt Stefan Niggemeier. Damals berichtete er für die Süddeutsche Zeitung aus Dänemark über den Eurovision Song Contest, der damals noch Grand Prix d'Eurovision de la Chanson hieß. Die Bundesrepublik wurde von Schlagersängerin Michelle vertreten, ihr angeblich selbst geschriebenes Grand-Prix-Tagebuch täglich in Bild veröffentlicht. „Ich stand eines Morgens neben Michelle, als sie die Zeitung aufschlug und sagte: ‚Das stimmt doch alles gar nicht, was hier steht!‘“, erinnert sich Niggemeier. Niggemeier schrieb eine Glosse, die er rückblickend seinen „ersten Quasi-BILDblog-Eintrag“ nennt. Darin schildert er, wie die Tagebuch-Notiz über Michelles erste Gesangsprobe von einem Bild-Redakteur verfasst wird, noch bevor die Probe überhaupt begonnen hat: „Er kennt Michelle sozusagen besser als sie sich selbst. Er denkt sie sich aus.“
„Medien brauchen Kritik“
Der namentlich genannte Bild-Journalist schlägt zurück. „Er hat mir später üble Vorwürfe gemacht“, sagt Niggemeier. „Das macht man doch nicht! Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus.“ Niggemeier verblüfft die Reaktion des Kollegen bis heute: „Wie alle anderen Bereiche des öffentlichen Lebens brauchen auch Medien Kritik.“ Journalisten müssten auch kritisch über andere Journalisten berichten und Missstände bekannt machen. Dass er in der Branche inzwischen als „Medienwächter“ betitelt wird, gefällt Niggemeier. „Aber ich habe weder ein Amt, noch bin ich Oberaufseher“, wie er lachend betont. Mit der Bezeichnung verbinde sich für ihn weder eine Rangfolge noch Exklusivität: „Diese Funktion kann jeder übernehmen.“
Von der Schülerzeitung zur FAZ

Stefan Niggemeier © Christian
Thiel
Thiel
Niggemeier wusste schon früh, dass er Journalist werden wollte. Im Gymnasium arbeitete er bei der Schülerzeitung mit, nach dem Abitur schrieb er für die Neue Osnabrücker Zeitung. Danach besuchte er die Deutsche Journalistenschule in München und machte bei der Süddeutschen Zeitung ein Praktikum. Mittlerweile schreibt der 40-Jährige regelmäßig für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (FAS) und gelegentlich für die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ).
Den ganzen Tag bloggen
Viel Zeit verbringt Niggemeier auch im Internet. Als Blogger bestückt er neben dem FAZ.net.-Fernsehblog zusätzlich noch seine eigenen Seiten im Netz. Unterstützt wird er dabei von anderen Bloggern, denn es gibt viel zu tun. Seit April 2009 versteht sich BILDblog.de als „ein Watchblog für deutsche Medien“ und hat nun nicht mehr nur die Bild-Zeitung, sondern die gesamte Presse im Blick. Außerdem bietet Niggermeiers virtuelles Nachlagewerk fernsehlexikon.de außer Detailwissen zu einzelnen Sendungen auch einen Neuigkeiten-Blog und Antworten auf individuelle Fragen. Und unter stefan-niggemeier.de hat sich der Medienjournalist auch ein persönliches Blog als „Spielwiese“ geschaffen. Darin beschäftigt er sich ebenfalls mit Medienkritik, was schon mal zu Abgrenzungsproblemen führt: „Mit BILDblog.de gibt es zwar thematische Überschneidungen, aber mein Blog ist noch kommentierender.“
Ausgezeichnete Kritik
„Arbeit und Freizeit mischen sich bei mir sehr“, sagt Niggemeier. „Bloggen hat die Eigenschaft, sich sehr auszuweiten und manchmal den ganzen Tag auszufüllen.“ Das lohnt sich: Kritik als Geschäftsmodell funktioniert für den freien Journalisten mit seinem Büro in Berlin hervorragend. Immer wieder wird er mit Preisen geehrt. Unter anderem wurden sowohl BILDblog.de als auch stefan-niggemeier.de mit dem renommierten Grimme-Online-Award ausgezeichnet. Ob Niggemeier bei den von ihm kritisierten Medien ebenfalls etwas bewegt, ist hingegen nur schwer messbar. „Möglicherweise werden interne Diskussionen ausgelöst oder beeinflusst“, hofft der Journalist. Festgestellt hat Niggemeier jedenfalls, dass in Bild weniger Schleichwerbung zu lesen war, nachdem BILDblog.de immer wieder Beispiele dafür dokumentiert hatte.
Kommunikation, Distanz, Konfrontation
Der „eigentliche Lohn“ des Bloggens sind für Niggemeier jedoch die Reaktionen der Leser. „Für mich ist es eine Sucht. Ein unstillbarer Hunger nach Aufmerksamkeit“, schrieb er 2007 in einem FAS-Artikel Übers Bloggen: „Oder, um es positiver und weniger egozentrisch zu sagen: nach Kommunikation.“ Das direkte Feedback beim Bloggen gibt Niggemeier nach wie vor Befriedigung. Die virtuellen Rückmeldungen empfindet er als Luxus. „Für Tageszeitungen schreibe ich wirklich gern, aber die Resonanz dabei ist viel geringer.“
Bei aller Lust nach Kommunikation hat Niggemeier auch ein „Abgrenzungsbedürfnis“. Er fühlt sich außerhalb von Gruppen wohl: „Ich stehe gern einen Schritt daneben und nicht so richtig mittendrin.“ Niggemeier möchte mit Abstand beobachten, sich nicht in eine Schublade zwängen lassen. Er gehöre weder ausschließlich zu den Journalisten, noch zu den Bloggern. „Ich finde es wunderbar, es mir zwischen allen Stühlen bequem zu machen.“
Niggemeier geht auch ungern zu Veranstaltungen, um nützliche Kontakte zu knüpfen: „Ich bin kein guter Netzwerker.“ Unabhängigkeit, sagt Niggemeier, bedeute ihm alles. Das Bedürfnis, Distanz zu halten, sei für einen Journalisten wahrscheinlich keine schlechte Eigenschaft. „Wer nicht jeden Abend mit Leuten am Buffet steht, über die er schreibt, hat auch die Freiheit, unbefangen an Geschichten heranzugehen und zu sagen: ‚Moment mal, da stimmt doch was nicht!‘“
Dieser Artikel erschien erstmals im September 2009 bei www.goethe.de.
Text: Dominik Reinle
Diplom-Soziologe, freier Journalist, Köln
Copyright: Goethe-Institut e.V., Internet-Redaktion
Januar 2010
Diplom-Soziologe, freier Journalist, Köln
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Januar 2010








