Foto: Fernando Baptista © Frankfurter Buchmesse
Der Artikel bezieht sich auf die Spiegel Bestsellerliste Hardcover/Belletristik, Stand KW 50 und 51 (15.-22. und 22.-28. Dezember 2011).
Bestsellerlisten lassen Trends im Bücherkonsum deutlich werden, sie können diese aber auch verstärken und das Interesse der Käufer wecken und lenken. Seit 1961 wird die sogenannte „Spiegel-Liste“ des gleichnamigen Nachrichtenmagazins veröffentlicht, seit 1971 in Zusammenarbeit mit dem Branchenmagazin
buchreport.
Sarah Kuttner: „Wachstums-
schmerzen" © Fischer Verlag
Sarah Kuttners
Wachstumsschmerzen, erschienen im November 2011, schaffte es mit leichter Lesbarkeit und betont lustiger Aufbereitung im Dezember bereits auf Platz 14. Kein Wunder, stellte der Klappentext doch in Aussicht, Antworten auf ein großes Dilemma vieler Deutscher zwischen 20 und 40 zu finden: Eigentlich sollte man langsam erwachsen werden, aber irgendwie hat man doch das Gefühl, nur Erwachsener zu spielen. „Darf man die zahllosen Möglichkeiten des Lebens einfach ignorieren und wie ungebetene Gäste vor der Tür stehen lassen?“ fragt die Rückseite des Schutzumschlags, und: „Wie kann man der Liebe vertrauen, wenn man nicht mal sich selbst vertraut? Wie konnte die Zeit nur so schnell vergehen?“ Die Kritiker blieben skeptisch, die Leser kauften trotzdem. Auch Rebecca Gablés
Der dunkle Thron, ein historischer Roman und vierter Teil einer Serie, erfreute sich so großer Beliebtheit, dass er in Internetforen prompt zum „Besten Historischen Roman 2011“ gewählt wurde. Das zeigte sich dann eben auch in den Verkaufszahlen: Platz 22 belegte die Anglistin Gablé Ende Dezember 2011 und überholte damit sogar den Meister deutschsprachiger Erzählkunst Siegfried Lenz und seinen lange erwarteten Roman
Die Maske.
Dora Heldt: „Bei Hitze ist es
wenigstens nicht kalt" © dtv Verlag
Überhaupt könnte man annehmen, dass in der Belletristik die Weihnachtsfrau diesmal die Weihnachtspäckchen gepackt hat. Dora Heldt, Rita Falk und Kerstin Gier kämpften sich an die Spitze der Verkaufsliste und lieferten sich so eine Zeitlang selbst mit Eugen Ruge, dem diesjährigen Gewinner des deutschen Buchpreises, ein Wettrennen. Dora Heldts
Bei Hitze ist es wenigstens nicht kalt unterhielt in frostigen Wintertagen mit einer Geschichte über Frauen in den Wechseljahren und einer Geburtstagsreise an die Ostsee; nach
Tante Inge haut ab war dies bereits das zweite Werk der Autorin, das es auf Anhieb ganz nach vorne in die Bestsellerliste schaffte.
Eugen Ruge: „In Zeiten des
abnehmenden Lichts"
© Rowohlt Verlag
Da hechelte sogar Eugen Ruges Romandebüt
In Zeiten des abnehmenden Lichts zeitweise einen Platz hinterher, allerdings durfte man sich bei Ruge auf sprachlichen Tiefgang freuen, wird die ostdeutsche Familiensaga doch von Kritikern allseits in höchsten Tönen gelobt. Kerstin Giers
Auf der anderen Seite ist das Gras viel grüner, so man den rezensierenden Frauenmagazinen Glauben schenken darf, ist eine „turbulente Komödie“ (Joy) und Rita Falks
Schweinskopf al dente wird als Regionalkrimi der unterhaltsamen Art beschrieben. Wie ernst nimmt sich da im selben Genre des Kriminalromans doch Ferdinand von Schirachs
Der Fall Collini aus. Fragen nach dem Umgang der deutschen Justiz mit der Nazivergangenheit sind also doch noch bestsellerfähig und, halt – zeichnet sich da tatsächlich ein Muster ab? Unterhaltsame und leicht zu lesende Lektüre von weiblichen Autorinnen und ernste Literatur aus der Feder ihrer männlichen Pendants – kann die deutsche Bestsellerliste denn wirklich so einfach gestrickt sein?
Charlotte Roche: „Schoßgebete"
© Piper Verlag
Nein, denn zum Glück ist diese Linie zwischen Unterhaltung und Tiefgang nicht immer ganz so leicht zu ziehen. Wenn sich zum Beispiel Charlotte Roche mit
Schoßgebete wieder zurück in die Liste stiehlt, verwundert das eigentlich nicht – beherrscht die in England geborene und zweisprachig aufgewachsene Autorin doch bereits seit dem Sommer 2011 die Feuilletons mit ihrem neuen, teilweise autobiographischen Roman.
Schoßgebete provoziert, wie auch schon
Feuchtgebiete, durch seine Inhalte, und thematisiert dabei gleichzeitig den tragischen Unfalltod von drei Brüdern der Autorin kurz vor ihrer eigenen Hochzeit. Auch Walter Moers und seinem
Labyrinth der träumenden Bücher ist in diesem Zusammenhang Dankbarkeit dafür zu zollen, die Grenze zwischen Anspruch und Unterhaltung ein wenig zu verwischen. Der Autor, von dem es keine aktuellen Fotos oder Interviews gibt, weil er nach dem Erfolg seines kritischen Comics über Adolf Hitler zahlreichen Anfeindungen ausgesetzt war, hat mit seiner „Zamonien“-Reihe eine eigene kleine Welt geschaffen; eine Buchserie, die den Namen „all age“ tatsächlich verdient. So nahe können Fantasie, Kunst und Unterhaltung dann doch zusammenliegen.