Michael Roes: "Die fünf Farben Schwarz": Grenzgänge eines Gelehrten


Yangtze-Brücke Nanjing © www.icpress.cn, Karikatur: Lao Du
Was passiert einem erfolgreichen deutschen Geisteswissenschaftler, nachdem sein Sohn entführt wurde? Er verliert seine Frau, lernt über einen chinesischen Studenten die Kultur Chinas kennen, nimmt eine Gastprofessur in Nanjing an und büßt dort Stück für Stück seine alteuropäischen Gewissheiten ein. Auf diese Kurzform könnte man Die fünf Farben Schwarz bringen und den neuen Roman von Michael Roes als eine Art interkulturellen Anti-Bildungsroman präsentieren, als Desillusionsroman vor deutsch-chinesischer Kulisse. Einerseits. Andererseits hätte man dann aber etwas Entscheidendes vergessen. Das Buch umfasst nämlich darüber hinaus nicht nur einen philosophischen Essay über den Tod in 59 Teilen, sondern auch unzählige Beobachtungen über das Alltagsleben in China, an die sich oft grundsätzliche Reflexionen über die europäisch-chinesischen Kulturunterschiede anschließen. Verklammert werden die beiden Ebenen, die narrative und die diskursive, durch den überaus schlagenden Kunstgriff, die Andersartigkeit kultureller Fremdheitserfahrungen – hier eines Deutschen in China – mit der Unverfügbarkeit des Todes zu parallelisieren.
Ein Stoiker auf chinesischen Abwegen
Viktor Holz traut keinen „Grenzüberschreitungen und Maßlosigkeiten“ und verlässt sich stattdessen lieber auf „Ruhe und Sicherheit in einer immer beunruhigenderen Welt“. Jedenfalls blüht das Gefühl jugendlicher Freiheit in ihm erst zu dem Zeitpunkt auf, als er nach einem Studium an der Bundeswehrhochschule auf eine Rhetorik-Professur in Leipzig berufen wird und zum geisteswissenschaftlichen Shootingstar aufsteigt. Kurz darauf heiratet er seine Jugendliebe Miriam, die inzwischen nicht nur ein Studium der Kunstgeschichte, sondern auch die Ehe mit einem „langhaarigen Kiffer“ hinter sich gebracht hat. Die traute Familie freilich will sich auch nach der Geburt des gemeinsamen Sohn Titus nicht so recht einstellen; zeigt der Intellektuelle, den Roes mit dem sprechenden Namen ‚hölzerner Sieger’ versehen hat, seinen Liebsten doch allzu oft die kalte Schulter, um sich am Schreibtisch dem geschriebenen Wort zu widmen. Nach dem Verschwinden von Titus nun wird die Kluft zwischen den Ehepartnern unüberbrückbar.

Michael Roes: „Die fünf Farben
Schwarz“ © Matthes & Seitz
Schwarz“ © Matthes & Seitz
Zwischen Moderne und Postmoderne
Es fällt nicht ganz leicht, diese Verfallsentwicklung vom biederen, europäischen Gelehrten zum vogelfreien Stadtnomaden in Jiangsus Metropole nachzuvollziehen. Und doch gibt es gerade dafür, dass kultivierte Westler in der Fremde sukzessive ihr bürgerliches Selbstverständnis einbüßen, zahlreiche literarische Vorbilder. So ähnelt Viktor Holz durchaus derjenigen Figur, die sich ergäbe, wenn man den dandyesken Ich-Erzähler aus Christian Krachts 1979 mit dem ehemaligen Konsul Geoffrey Firmin aus Malcolm Lowrys Roman Unter dem Vulkan kreuzen würde. Beiden widerfährt ein schonungsloser Entindividualisierungsprozess, an dessen Ende sich Krachts Erzähler in einem chinesischen Arbeitslager willenlos dem Tod entgegenhungert, während Lowrys Held, alkoholsüchtig und der Welt völlig abhanden gekommen, zuletzt von einer Bande mexikanischer Faschisten gefangengenommen und erschossen wird.
Überhaupt handelt es sich bei Die fünf Farben Schwarz um einen ausgesucht intertextuellen Roman, der nur so gespickt ist mit literarischen und philosophischen Zitaten, Verweisen und Anspielungen (z. B. auch auf chinesische Autoren wie Lu Xun (鲁迅) und Yu Hua (余华)). Mit den für avanciertes Erzählen typischen Merkmalen (Auflösung des Subjekts, Destruktion von Wirklichkeitsmodellen, Sprachexperimente und Beteiligung des Lesers am Prozess der Bedeutungsproduktion) changiert er zwischen moderner und postmoderner Literatur. Zudem enthält er eine Reihe von Signalen, dass wir das blutige Ende nicht wirklich für bare Münze nehmen, sondern eher als eine ins Monströse kippende Übertreibung bzw. als Allegorie lesen sollen. Etwa als eine von dem Protagonisten traumhaft imaginierte Selbstbestrafung (um in der Vorstellung für die Vernachlässigung seiner Familie zu büßen) oder als ein Veto gegen die Selbstgerechtigkeit des abendländischen Denkens (das mit einem professoralen Exponenten Pars pro Toto verabschiedet wird) bzw. den in China allerorts grassierenden Modernisierungs- und Jugendlichkeitswahn (mit jungen Hipstern, die amoralische Übermenschen spielen). So bekennt Viktor Holz zu Ende des Buches nicht nur: „Die Strafe ist gerecht“, sondern orakelt auch noch beziehungsreich: „Meine Anwesenheit hier ist eine Erfindung Chinas. Ich selbst bin eine chinesische Erfindung!“
Absage an einen wohlfeilen Dialog der Kulturen
Ungeachtet aller Legitimationsstrategien des erzähltechnischen Verfahrens sei hier die Äußerung eines kleinen Vorbehalts erlaubt. Wenn der Leser seine Realismus-Erwartungen spätestens im letzten Drittel des Buches, also nach ungefähr 400 Seiten, als Holz durch eine spektakuläre Aktion aus dem Gefängnis befreit wird, auf ein Minimum zurückschrauben muss, dann mag folgende Frage erlaubt sein: Warum wurde zuvor soviel Wert auf die Entfaltung einer kriminalistisch angehauchten Familiengeschichte gelegt, die sogar bis in die traumatische Kriegskindheit von Holz’ Vater zurückreicht? Direkt gesagt: Weniger Quentin Tarantino und Abdriften ins Groteske hätten ein Mehr an kausaler Motivierung von Figurenhandlungen und Geschehnissen, ja, insgesamt einen plausibleren Plot ergeben können.

Michael Roes © Michael Roes
Kurz, wir haben es hier mit einem Buch zu tun, das sich allen Versprechungen eines wohlfeilen Dialogs der Kulturen verweigert und dadurch, dass es die Tücken des fremdkulturellen Verstehens mit dem Dilemma einer Phänomenologie des Todes verbindet, einen entscheidenden Schritt hin zu einer ästhetischen Globalisierung vollzieht.
Michael Roes: Die fünf Farben Schwarz, Matthes & Seitz, Berlin 2009, 568 Seiten, 24,80 Euro.
Text: Dr. Michael Ostheimer
Germanist/TU Chemnitz/Lehrstuhl für Neuere Deutsche und Vergleichende Literaturwissenschaft
März 2010
Germanist/TU Chemnitz/Lehrstuhl für Neuere Deutsche und Vergleichende Literaturwissenschaft
März 2010










