Literatur/Sprache

Begegnung aus entgegengesetzter Richtung

Christian Y. Schmidt © Christian Y. Schmidt
Christian Y. Schmidt bei Kilometer 5.000 der 318 zwischen Lhasa und dem Mount Everest © Christian Y. Schmidt
Christian Y. Schmidt bei Kilometer 5.000 der Nationalstraße 318 zwischen Lhasa und dem Mount Everest © Christian Y. Schmidt

Christian Y. Schmidts Reiseroman Allein unter 1,3 Milliarden – Eine chinesische Reise von Shanghai bis Katmandu wurde 2008 vom Rowohlt Verlag herausgegeben. Im Januar 2010 erschien er, übersetzt von der Ehefrau des Autors, Gong Yingxin (龚迎新), in chinesischer Sprache bei der Central Compilation and Translation Press. Hier schildert Zhou Wenhan (周文翰), ebenfalls Autor und Vielreisender, seine Eindrücke von der Lektüre. Zhou Wenhan ist einer der drei chinesischen Journalisten/Autoren, die 2009 von der taz eingeladen waren, über die Frankfurter Buchmesse zu berichten.
 
Drei Monate Zeit nahm sich Christian Y. Schmidt und machte sich von Shanghai aus über die Nationalstraße 318 auf den Weg - natürlich mit dem Bus, denn wäre er wirklich auf seinen zwei Beinen gelaufen, hätte er wesentlich länger gebraucht und unterwegs wären ihm allzu viele Versuchungen und Schwierigkeiten begegnet, ich vermute einmal, seine Frau hätte ihm das gar nicht erlaubt. Er machte sich also auf den Weg in das 5.386 km entfernte Zhangmu am Ende der Nationalstraße, überquerte anschließend die Grenze von China nach Nepal, und erreichte Katmandu, wo er ein paar Tage blieb.

Der Zufall will es, dass ich mich zwei Jahre zuvor ebenfalls auf eine dreimonatige Reise begeben hatte. Von der Wirtschaftsmetropole Mumbai auf dem südasiatischen Subkontinent, dem „indischen Shanghai“ (!), fuhr ich per Zug und Bus gen Norden bis nach Katmandu. Anschließend brachte mich ein Bus über die chinesische Grenze nach Zhangmu und Lhasa, und dann ging es mit vielen Zwischenstopps nach Chengdu. Hätten wir damals vor zwei Jahren, als China und Indien auf internationalen Foren noch heiß gehandelt wurden, in gemeinsamer Autorenschaft über unsere Durchquerung Chinas und Indiens berichtet, das Reisebuch wäre mit Sicherheit ein Bestseller geworden. Zum jetzigen Zeitpunkt allerdings erscheint diese Idee etwas überholt, denn derzeit sind die Top-Themen Toyota und das in die Krise geschlitterte Griechenland – und womöglich zerbricht sich die deutsche Kanzlerin gerade den Kopf darüber, wie man den kleinen EU-Partner retten könnte.

Christian Y. Schmidt: „Allein unter 1,3 Milliarden“ © Central Compilation and Translation Press
Christian Y. Schmidt: „Allein unter
1,3 Milliarden“ © Central Compilation
& Translation Press

Für einen Reisenden kann natürlich nichts interessanter sein, als zu vergleichen, was ein anderer auf derselben Reiseetappe erlebt hat: Die Strecke zwischen Katmandu und Chengdu haben Christian Y. Schmidt und ich beide gemacht, nur eben in umgekehrter Richtung und zu einer anderen Zeit. Doch das Entscheidende sind die Unterschiede zwischen ihm und mir.

Über Katmandu scheinen wir uns einig zu sein. Der Moment des unvermeidlichen allabendlichen Stromausfalls hat in mir jedes Mal eine unvergleichliche Sehnsucht nach den erleuchteten Straßen Pekings, ja sogar Lhasas ausgelöst. Aber einmal innerhalb chinesischer Landesgrenzen, kann ich nicht umhin, Christian Y. Schmidt doch sehr oberflächlich zu finden. Das ist auch völlig verständlich, da er kaum Chinesisch versteht und auf dem Weg von Chengdu nach Tibet der Reiseplanung von wenig vertrauenswürdigen Reiseleitern und Chauffeuren folgen musste. Als Chinese hingegen konnte ich ganz nach Belieben in jedem Dorf meiner Wahl anhalten und mit Tibetern ins Gespräch kommen, auch wenn mich deren Akzent etwas ratlos machte.

Sprache und Physiognomie stehen nach vor wie gigantische Trennwände zwischen uns Menschen. Am Anfangs- und Endpunkt seiner Reise merkt Christian Y. Schmidt, dass er den Kreisen der Deutschen und Europäer nicht ausweichen kann und letztendlich vermitteln ihm gerade diese, von denen er sich anfangs fern zu halten bemüht, doch ein Gefühl von Vertrautheit und Normalität, sodass sein großartiges Vorhaben „ganz Chinese zu werden“ gescheitert zu sein scheint. Nichtsdestotrotz möchte ich betonen, dass das Interessanteste am Reisen gerade darin liegt, dass der Mensch trotz dieser Trennwände von Sprache, Äußerem und Geld mithilfe einiger Laute, Blicke und Gesten sowie durch die Geschwindigkeit, mit der er seine Renminbi aus der Tasche zieht, kommunizieren kann. Innerlich indessen können auf der Reise das frühere Ich, die Landschaften im Kopf und die Bücher, die man gelesen hat, mit dem augenblicklichen Ich Gespräche führen. In diesem Sinne reist Christian Y. Schmidt nicht nur unter 1,3 Milliarden Menschen, man muss zu diesen noch etliche kleine und große Christians unterschiedlichen Alters hinzurechnen, sowie die 81,7 Millionen Deutschen und die 700 Millionen Menschen aus ganz Europa, so dass er mindestens zwei Milliarden Menschen begegnet ist.

Christian Y. Schmidt: „Allein unter 1,3 Milliarden“ © Rowohlt Verlag
Christian Y. Schmidt: „Allein unter
1,3 Milliarden“ © Rowohlt Verlag
Beispielsweise erwähnt er im Buch Filme wie Train Spotting oder TV-Serien wie Die Simpsons, die Band Genesis und den Hollywood-Star Tom Cruise. Sei es, weil einige ausländische Dinge bereits im Alltag der Chinesen auftauchen oder weil der Autor China aus dem ihm vertrauten globalisierten Koordinatensystem heraus betrachtet und in Beziehung setzt, jedenfalls zeigt dies, dass er auf seiner Reise mitnichten allein war. Er hatte eine Heerschar virtueller Begleiter und auch die Chinesen sind nicht mehr einsame Helden oder Waisenkinder hinter dem Eisernen Vorhang, sondern haben inzwischen unzählige unterschiedliche Individuen hervorgebracht, die zumindest nicht eintöniger sind als die Deutschen. In jedem Fall haben mich das chinesische Fräulein, der Lehrer und der Motorradfahrer, die mit Herrn Christian gleich auf du und du waren, und sich nicht scheuten, mit ihm um Preise zu feilschen, eine ganze Weile bei Laune gehalten.

Ich weiß, dass China in den 1960er Jahren für die europäische Jugend einmal das Land mit dem größten Exotikfaktor war – auch das Wort „Revolution“ umwehte damals der Hauch der Exotik. Vier Jahrzehnte später stelle ich fest, dass die kleinen Buchläden in Berlin Kreuzberg auch heute noch gerne China-Bücher in ihren Schaufenstern auslegen, allerdings befindet sich die Farbe Rot mittlerweile auf dem Rückzug. China ist heute wieder zu dem „Goldenen Land“ geworden, das Marco Polos Feder beschrieben hatte. So sind es die Wolkenkratzer Shanghais und Pekings sowie Chinesinnen in aufreizenden Dudou-Tops, welche die Umschläge der neuen Bücher zieren, was in mir die abstruse Assoziation von Riesenphalli mit Puderduft hervorruft. Auch Christian Y. Schmidt hat damals als junger Linker für Rotchina geglüht, doch zum Glück hatte er sich nicht mit einer Kalaschnikow über der Schulter der Dschungel-Guerilla angeschlossen, so dass ich heute die Gelegenheit habe, seine launigen Reiseanekdoten zu lesen. Ich vermute, dass ihn der heutige Wandel in China begeistert, doch dass er darüber auch ins Grübeln kommt. Die meisten Chinesen allerdings denken sich nichts weiter bei alledem: Tatsächlich sind sie in den vergangenen hundert Jahren zu oft „tyrannisiert“ worden, und angesichts massiver sozialer Erschütterungen ist es wichtiger, beharrlich weiter zu leben, als über diese Veränderungen nachzudenken.

Zum Schluss muss ich noch einen winzigen Punkt klarstellen: In der chinesischen Provinz gibt es Leute, die gerne den Hitlergruß nachahmen und dazu „Hi Hitler“ rufen. Dies haben sie sich aus Filmen über den Zweiten Weltkrieg abgeschaut, und sie empfinden diese Geste einfach genauso dramatisch, wie wenn der US-General Patton im Film Ohrfeigen austeilt. Dies bedeutet also keineswegs, dass sie Neonazis sind oder „ein Hitler werden wollen“. Überdies haben sehr viele Chinesen gar keine Ahnung, was für ein Dreckskerl Hitler war, ganz ähnlich wie die jungen Linken aus dem Deutschland des Jahres 1968 auch nicht wussten, dass unter den Roten Garden, zu denen sie aufblickten, viele blutige Henker waren.
Text: Zhou Wenhan (周文翰)
Reiseautor und Kolumnist, Peking
März 2010

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