Der Fall Helene Hegemann oder was darf Literatur heute?

Helene Hegemann (Foto: Sören Stache): „Axolotl Roadkill" © Ullstein Verlag
Der Fall Helene Hegemann, der Fall der äußerst erfolgreichen Jungautorin von Axolotl Roadkill, die in Deutschland gerade in einen heftigen Plagiatsskandal verwickelt ist, mag viele Facetten haben. Aber er hat nur zwei Seiten: eine konzeptionell-künstlerische und eine rezeptive.
Die erste umfasst - binnenästhetisch - alle Fragen der Produktion von Kunstwerken und ihrer Möglichkeit, noch so etwas wie Inhalt, Sinn und Relevanz unter den Bedingungen einer Post-Avantgarde herzustellen. Die zweite behandelt Fragen der Kritik: des Verstehens, Einordnens, Kategorisierens dieser Kunstwerke, also der Zuweisung von Bedeutung, aber auch Rechtsfragen, etwa Fragen des Urheberrechts. Während Künstler mit jeder Generation ihr Material immer wieder neu ordnen, ausprobieren und gestalten, obliegt der Rezeption quasi die Pflege des Erbes: die Einordnung neuer Werke in die Kunsthistorie, die Klärung des Kontextes und Wahrung seiner Gepflogenheiten – und damit die Feststellung, dass ein neues Werk Gewicht, ein neuer Autor Stimme hat und würdig ist, in die Arsenale des Vorhandenen eingereiht zu werden. Plagiate, die unausgewiesene Übernahme von Kunst-Inhalten, die nicht die eigenen sind, stört diese unausgesprochene Verständigung zwischen Kunst und ihrer Rezeption und damit den Mechanismus des Betriebs da empfindlich.
Die Literaturkritik ist nun nervös, um nicht zu sagen fix und fertig
Entsprechend scharf fällt der Konflikt aus, der entstand, weil das von der Literaturkritik fast einvernehmlich hochgelobte Buch von Helene Hegemann nun im Ruch steht, nicht aus der Feder von Frau Hegemann zu stammen, sondern aus der Tastatur eines Bloggers namens Airen, der zu seinen oft drastischen Schilderungen anmerkt: „Was im Buch steht, habe ich erlebt. Ein paar Sachen habe ich zeitlich umgestellt, aber es ist alles passiert.“ Helene Hegemann also als Okkupatorin einer fremden Autobiografie, die damit nicht nur einen Text 1:1 übernommen, sondern auch fremdes Leben ausgesaugt hat wie ein Vampir, um es als schöne Literatur auszugeben? Klar, dass die Literaturkritik nun nervös und ratlos, um nicht zu sagen fix und fertig ist.
Dieser Vorlauf, die Erinnerung an die unterschiedlichen Bedingungen der beiden Seiten der Kunst: der Produktion und der Rezeption, ist deswegen notwendig, weil das uralte Band der Avantgarde, das Theorie und Ästhetik harmonisch Seit an Seit gehen ließ, das Band zwischen der Innovation des Werks und dem Wert des Bestandes, das Band zwischen Autor und Kritiker, nicht nur seit dem Fall Hegemann zerschnitten zu sein scheint. Nur jetzt wird es eklatant.

Helene Hegemann: „Axolotl Roadkill"
© Ullstein Verlag
© Ullstein Verlag
Wenn der Opponent den Sinn des ganzen Sprachspiels nicht verstehen will
Der Plagiatsfall von Frau Hegemann ist nun gleich doppelt vertrackt, weil die irritierte Literaturkritik die Autorin zum einem ja eben nicht in flagranti erwischte, also das Plagiat nicht sofort erkannte, sondern deren Axolotl erst hochjazzte, um dann zu erfahren, dass man eigentlich der Beichte eines weithin unbekannten Party-Animals applaudiert hatte. Und zum anderen deswegen, weil Frau Hegemann nach den Enthüllungen eben nicht die zerknirschte Sünderin gab, sondern ihr Tun verteidigte und gleich mit schwerstem Theoriegeschütz des Poststrukturalismus‘ in die Offensive ging.
„Intertext, Intertext!“, schwallte es aus Hegemann (und dem Chor ihrer Verteidiger). Außerdem seien Plagiat, Bricolage, Pastiche etcetera immer schon gängige Verfahren der Kunstproduktion gewesen. Da gebe es etwa die schon Literaturstudenten im Grundstudium bekannte Ahnenreihe, die von Goethe über Büchner und Thomas Mann zu Elfriede Jelinek und irgendwie ja dann doch auch berechtigt zu Helene Hegemann führt. Und hat nicht Giovanni Boccaccios Il Decamerone Pate gestanden für eine ganze Reihe von Novellensammlungen unter anderen von Geoffrey Chaucer (Canterbury Tales), Margarete von Navarra (Heptaméron), Miguel de Cervantes (Novelas ejemplares), François Rabelais und einigen heute nicht mehr so bekannten Autoren. Und apropos Shakespeare: Kann man bei den vielen, vielen Übereinstimmungen zwischen dessen Kaufmann von Venedig mit dem Juden von Malta von Christopher Marlowe überhaupt noch von Anleihen sprechen oder muss man von Abschrift reden oder gar von einem Palimpsest? Und - in neuerer Zeit: Disneys Cinderella und Schneewittchen sind doch auch sicherlich mehr als inspiriert von den ursprünglichen Märchen der Brüder Grimm. Hat Hegemann am Ende also Recht? Hat sie nicht eigentlich wie Marcel Duchamps einst Gegenstände der Realität in den Kunstbetrieb brachte, reale Lebensbeschreibungen von Anderen als Text-Ready Mades in den Literaturbetrieb gehoben?
Um es klar zu sagen: Nein, sie hat nicht Recht.
Plagiate im Kunstbetrieb heute können nur dann beanspruchen, eigenständige Kunst zu sein, wenn sie ausdrücklich als Plagiate veröffentlicht und auch als solche vorgelegt werden. Der britische DJ Eric Kleptone, ein Meister des Re-Arrangements und Mash-Ups vorhandenen Materials liefert gleich einen Wikipedia-Eintrag mit jedem seiner Werke, in dem minutiös gelistet wird, von welchen Songs die seinen inspiriert sind. Damit kann jeder prüfen, wie souverän, reflektiert und kommunikativ Kleptone sein Material handhabt, ob er also seine Originale lediglich unbehandelt wie Intarsien auf einen Klangteppich legt oder ob er sie kombiniert, miteinander konfrontierte – und so Neues schafft. Hegemann hat all das nicht getan: Sie hat passagenweise geklaut und als ihr Werk ausgegeben. Sorry, aber das ist Intertext leicht gemacht. (Da hilft es auch nicht, dass ihr Verlag nun um Schadensbegrenzung bemüht ist und die Quellen in nachfolgenden Auflagen benennt. Denn dazu wurden er und seine Autorin durch die erdrückende Beweislage nachgerade genötigt.) Hegemann hat auch nicht in einer Art künstlerischem Staffellauf Variationen zum Thema verfasst wie etwa für Jiang Rongs Zorn der Wölfe noch etwa 42 andere Versionen existieren. Ein Text also, der immer weiter geschrieben, weiter entwickelt wurde - im Wissen aller und als bewusster Akt.
Sie hat aber auch nicht wie es etwa Raubkopierer von Software tun, die Kopien als legitime Originale vom Ur-Original ausgegeben – und nur zu günstigerem Preis angeboten: also ununterscheidbare Kopien etwa eines Betriebssystems hergestellt, das dann wie das Original-Betriebssystem auf Computern läuft. Nein, sie hat Autorschaft behauptet, wo keine Autorschaft war. Und das ist ein Fiasko. Denn die Gemengelage von Intertext und Autorschaft formt sich zur logischen Falle, aus der es kein Entrinnen gibt, wenn man sich im Hegemannschen Sinne tatsächlich auf sie einlässt. So stellt sich die Frage, warum der Echokammer Hegemann Talkshow-Einladungen ausgesprochen, Tantiemen gezahlt und vielleicht einmal Preise für ihre Copy&Paste-Werk verliehen werden sollten – und eben nicht den tatsächlichen Urhebern, die ja offensichtlich so viel näher dran waren am ausdrucksstarken Leben, dass Frau Hegemann bei ihnen klauen musste. Außerdem: Wenn doch alles schon gesagt ist, muss man schweigen und nicht die Rede Anderer als eigene ausgeben. Mindestens ein mieser Nachgeschmack bleibt also – und ein diskursives Hase-und-Igel-Spiel: Jürgen Habermas war es, der vor über 20 Jahren den Einbruch der Postmoderne in das bis dato ruhige Diskurs-Gebäude der Moderne konstatiert und bereits, ja, hämisch kommentiert hat: „Es besteht eine Asymmetrie zwischen dem rhetorischen Gestus, mit dem diese Diskurse (sprich: Kunstwerke) um Verständnis heischen und der kritischen Behandlung, der sie institutionell ... unterzogen werden. Immer entsteht eine Symbiose aus Unverträglichem, ein Amalgam, das sich der „normalen“ wissenschaftlichen Analyse widersetzt. ... Solche Diskurse (sprich: Kunstwerke) erlauben, wenn die Argumentation schon verloren ist, immer noch ein letztes Wort: dass der Opponent den Sinn des ganzen Sprachspiels nicht verstanden, in seiner Art zu antworten einen Kategorienfehler begangen hat.“ Frau Hegemann wirft gerade jedem ihrer Kritiker vor, den Sinn ihres Sprachspiels nicht verstanden zu haben. Wenn sie sich da mal nicht täuscht. Denn zum Spielen mit Sprache gehören immer zwei.
Text: Dr. Bernd Graff
Ressortleiter Kultur, Süddeutsche Zeitung München
März 2010
Ressortleiter Kultur, Süddeutsche Zeitung München
März 2010










