Urbanität im Spiegel der Literatur


Berlin 1914. Blick auf den Potsdamer Platz und in die Königgrätzerstraße in Richtung Brandenburger Tor © Bundesarchiv, Bild 183-R52689, Foto: o. Ang. (Ausschnitt)
Manche Tagungen geben nicht nur Antworten, sondern werfen auch Fragen auf. Gerade im Verlauf von binationalen Tagungen drängen sich oft kulturelle Hintergrunddifferenzen auf, die zwar nicht eigens thematisiert werden, aber zugleich alle vorgetragenen Ausführungen bedingen. Eben dies geschah auch bei dem vom Deutschen Akademischen Austausch Dienst (DAAD) veranstalteten Deutsch-chinesischen Germanistentreffen, das vom 17.-20. September 2009 unter dem Titel Urbanität: Kommunikation und Medien an der Peking-Universität stattfand. So ausgiebig und differenziert man sich auch über moderne Stadterfahrungen in – vor allem – der Literatur verständigte, so offensichtlich – das sei schon vorweggenommen – wurde die Leerstelle einer Kulturkomparatistik der Urbanitätserfahrungen.
Wie die zunehmende Industrialisierung und Expansion der Städte zugleich die Grundlage für ein verändertes Naturverständnis liefert, illustrierte Katja Schmidt-Wistoff (Peking) am Beispiel des Begründers der Heimatschutzbewegung Ernst Rudorff. Eine idealisierte Natur, so Schmidt-Wistoff, bildet den Ausgangspunkt für eine gesteigerte Subjekterfahrung, dadurch dass die Natur zur Quelle der Poesie stilisiert wird. Prägnant gesagt: Rudorff vollzieht die Geburt des Naturschutzes aus dem Geiste der Romantik. Alexander Honold (Basel) demonstrierte am Beispiel von Gottfried Kellers Roman Der grüne Heinrich (Erstfassung 1853-55, endgültige Fassung 1879-80) und Robert Musils Der Mann ohne Eigenschaften (1931-32) zwei für das 19. und 20. Jahrhundert charakteristische Formen, Stadt zu erzählen.
Während Keller in einer Art Mythopoetik die Stadt literarisch begründet, indem er die Limmat als mütterlichen Geburtskanal imaginiert, akzentuiert Musil die Entwertung des Einzelschicksals in der modernen Stadt. Ihm geht es um das Nebeneinander verschiedener Diskurse, wobei der Straßenverkehr als Symbol für die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen fungiert. Auch Michael Scheffel (Wuppertal) entfaltete anhand zahlreicher Beispiele die sich verändernde Formensprache literarischer Urbanität. Organisiert Balzac als Begründer des dynamischen Stadterzählens sein Panorama über immer wiederkehrende Orte und Figuren, so etablieren Autoren wie Arthur Schnitzler mit Der Weg ins Freie (1908), Rainer Maria Rilke mit Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge (1910) und Alfred Döblin mit Berlin Alexanderplatz (1929) eine Ästhetik des Nebeneinanders, das sich mit einem flächigen Netzwerk vergleichen lässt. Die Stadterfahrungen, so Scheffels Fazit, nötigen die Schriftsteller spätestens im 20. Jahrhundert zu Innovationen, die die konventionellen Mittel des – zumal realistischen – Erzählens überschreiten. Die aktuelle Speerspitze der Entwicklung mache die Migrationsliteratur aus.

Berlin 1910, Alexanderplatz © Bundesarchiv, Bild 146-1976-028-11. Foto: o. Ang. (Ausschnitt)
Ausgehend von dem von Lu Xun (鲁迅) geprägten Begriff der „Heimat- und Bodenliteratur“ wagte Zhang Yun (张芸) aus Qingdao einen vergleichenden Blick auf die chinesische und deutsche Literatur. Während man in der deutschen Literatur auf die Städte nicht stolz sei, werden in der chinesischen Heimatliteratur in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Städte als Orte der Ideen und der Dynamik betrachtet. Gleichwohl bestehen Zhang zufolge die maßgeblichen Kontraste in der chinesischen Literatur nicht zwischen Stadt und Land, sondern zwischen den unterschiedlichen Konzeptualisierungen des Landlebens. Auf der Grundlage seiner Unterrichtserfahrungen berichtete Ralf Oldenburg, ebenfalls Qingdao, von den Problemen, chinesischen Studierenden die Kernmotive deutschsprachiger Stadtliteratur nahe zu bringen. Gegen die Anonymität der Großstadt argumentiere man von chinesischer Seite mit Kollektivstrukturen, die auch im urbanen Raum Bestand hätten; Geschwindigkeit, Simultaneität und Reizüberflutung würden weniger als Problem denn als Selbstverständlichkeit der aktuellen Lebenswelt gesehen; Traditionsverluste bemerke man angesichts einer ungebrochenen Fortschrittsaffirmation kaum. Schließlich habe eine Ästhetik des Hässlichen nur in Ansätzen eine Hochkulturreife erlangt, wogegen die Vorstellungen darüber, was Literatur leisten soll, in der Regel an Schönheit und moralischer Pädagogik orientiert seien.

Shanghai Xintiandi, Starbucks im Shikumen-Nachbau © www.icpress.cn
Spätestens hier wird offenbar, dass Großstadterfahrungen und ihr literarischer Ausdruck in Europa und China nur schwer vergleichbar sind. Vielmehr stellt sich die Frage, ob und, wenn ja, inwiefern man in Bezug auf die moderne chinesische Literatur überhaupt von einer urbanen Literatur im westlichen Sinne sprechen kann.
Über ein vormodernes Stadtleben wurde in der Kaiserzeit des Reichs der Mitte schon vor tausend Jahren geschrieben. Eine von der Urbanisierung bzw. Modernisierung geprägte Dichtung kam aber, angeregt von der modernen Ästhetik in Europa, nicht vor den 1920er Jahren in der ersten modernen chinesischen Metropole Schanghai auf. Maßgeblich dafür ist die Gruppe der „Neuen Sensualisten“ mit Namen wie Shi Zhecun (施蛰存), Mu Shiying (穆时英), Ye Lingfeng (叶灵风), die in von starker Psychologisierung geprägten Erzählformen die schier unerschöpflichen Reize der zeitgenössischen Großstadt schilderten. Einen qualitativen Höhepunkt erreichte die Schanghaier Stadtliteratur dann in den 1940er Jahren mit Zhang Ailing (张爱玲), die die zwischenmenschliche Entfremdung – zumal in den Geschlechterbeziehungen – vor allem auf die ökonomisierten Beziehungen in der bürgerlichen Lebenswelt zurückführte. So nahe hier eine Parallele zu der Stadtliteratur in Europa liegt, so schwer ist es, eine literarische Formierung der Urbanitätserfahrung in Schanghais großstädtischem Pendant Peking zu finden. Die ehemalige Kaiserstadt mit ihrer langen politischen Hauptstadtgeschichte bildete vielmehr eine Projektionsfläche der Nostalgie wie bei Yu Dafu (郁达夫) oder einen Schauplatz der krassen Gesellschaftskonflikte wie bei Lao She (老舍), die beide kaum von Prozessen der Urbanisierung hergeleitet werden können.

Shanghai, 1920er Jahre © www.icpress.cn
Die von Schanghai in den 1920-1940er Jahren repräsentierte chinesische Urbanisierung erlebt nach etwa einem halben Jahrhundert, also nach Kulturrevolution und Öffnungspolitik eine umfassende Renaissance, so dass einer möglichen Fortsetzung der modernen Großstadtliteratur nichts im Wege stünde. Und in der Tat liefert die in den letzten Jahren ähnlich wie in Deutschland auch in China boomende Popliteratur nicht selten auch spektakuläre Stadtbilder von Schanghai oder Peking. Bei genauerer Beobachtung jedoch zeichnet sich kein Gegenstück zu einer Großstadtliteratur ab, wie sie etwa in der ästhetischen Komplexität und Ausgereiftheit von Joyce, Musil oder Döblin vorliegt. Zudem ist das Thema des Landlebens so einflussreich in der Gegenwartsliteratur – man denke nur an Mo Yans (莫言) Romane, die im dörflichen oder Kleinstadtmilieu spielen, oder an Yu Huas (余华) bzw. Lu Yaos (路遥) Bauerngeschichten – dass die das Stadtleben thematisierenden Zeitromane, z.B. von Qiu Huadong (邱华栋) oder Chi Li (池莉), kaum eine Konkurrenz darstellen können. Und auch wenn bei ihnen eine zeitgenössische urbane Daseinsform zum Ausdruck kommt, führt die Spannung zwischen dem Individuum und der städtischen Lebenswelt nur selten zu einer auf der ästhetisch-stilistischen Ebene ausgeprägten Modernitätsreflexion oder gar Modernitätskritik, die seit dem späten 19. Jahrhundert in der europäischen Literatur virulent ist. Resümierend gesagt: Einerseits ist man in China – gerade in den letzten Jahrzehnten – mit einer unerhört rasanten Urbanisierung konfrontiert, andererseits mit der Nichtexistenz einer modernen Großstadtliteratur mit eigenen ästhetischen Prinzipien, die als der europäischen vergleichbar gelten könnte. Dies ist eine der vielen Paradoxien, die aus einer europäischen Perspektive eminent fremd und unverständlich anmuten.

Soziales Integrationsbestreben, Foto: ML
Warum dies so ist, das ist die Frage, auf die die Urbanitäts-Tagung an der Peking-Universität mit aller Dringlichkeit aufmerksam machte. Für die für China nicht kompatiblen Konzepte europäischer Großstadterfahrung kommen unter anderem vier spezifisch kulturelle Eigenarten in Betracht: Erstens ein soziales Integrationsbestreben in der VR China, das auch in den Städten überaus lebendig ist und kaum Einzelgänger- und Außenseitertum zulässt. Zweitens ein bei den Intellektuellen nicht vorhandenes urbanes Krisenbewusstsein, weshalb sich auch sein Gegenstück, ein urbanes Flaneurtum nie hat ausbilden können. Drittens die Vorherrschaft von Natur und Land als den für die chinesische Literatur grundlegenden Kategorien, mit denen die Stadt als Topos nie ernsthaft hat konkurrieren können. Und viertens die empirische Tatsache, dass die prägenden Erfahrungen der meisten Autoren, wie Yu Hua, Mo Yan, Wang Xiaobo (王小波) – in jüngerer Zeit zumal wegen der Kulturrevolution – Landerfahrungen sind. Zusammengenommen ergibt sich mit dem Thema einer europäisch-chinesischen Kulturkomparatistik der Urbanität ein Arbeitsgebiet, das Geistes- und Sozialwissenschaftlern hinreichend Stoff für weitere Tagungen liefern wird.
Text: Dr. Michael Ostheimer/Li Shuangzhi
Germanist, Universität Chemnitz/Germanist, Universität Nanjing
Oktober 2009
Germanist, Universität Chemnitz/Germanist, Universität Nanjing
Oktober 2009










