Literatur/Sprache

Liu Zhenyun im Goethe-Institut München

Liu Yulin
 Liu Zhenyun mit Tilman Spengler und Dolmetscherin Ding Na, Foto: Liu Yulin
Liu Zhenyun mit Tilman Spengler, Dolmetscherin Ding Na, Foto: Liu Yulin

Dr. Tilman Spengler brachte es als Moderator gleich zu Beginn auf den Punkt: Man habe die Ehre, mit Liu Zhenyun (刘震云) einen der „sensibelsten, fleißigsten und erfolgreichsten Schriftsteller Chinas“ im Goethe-Institut begrüßen zu dürfen. Liu Zhenyun, der auf Einladung des Deutsch-Chinesischen Kulturnetzes und der Confucius Class Munich nach München gekommen war, ist mit seinen Werken in China äußerst erfolgreich: Frühe Werke wie Das Mobiltelefon wurden ebenso wie sein vorletztes Buch Taschendiebe millionenfach verkauft. Die Werke des Autors, der gerne in der ideellen Tradition des Autors Lu Xun (鲁迅), dem großen Erneuerer der chinesischen Literatur zu Anfang des 20. Jahrhunderts, gesehen wird – werden ebenso filmisch umgesetzt: So das Buch Taschendiebe, das unter dem Titel Lost and found 2008 verfilmt wurde. Liu Zhenyun war hierbei nicht nur Drehbuchautor und Produzent, sondern auch Schauspieler.

Das Werk Taschendiebe, als erstes Werk Liu Zhenyuns seit August 2009 auf dem deutschen Büchermarkt erhältlich (Übersetzung: Marc Herrmann, DIX-Verlag), bildete den Anknüpfungspunkt des literarischen Gesprächs im Goethe-Forum, das mit einer Lesung des ersten Kapitels startete. Die chinesische Lesung Liu Zhenyuns zeigte im Vergleich zur deutschen durch Tilman Spengler zunächst eines: Das Lesen der chinesischen Fassung war in wesentlich kürzerer Zeit möglich – Liu Zhenyun verwies hier humorvoll auf das Charakteristikum der chinesischen Sprache, „kurz und bündig“ zu sein, während seine Bücher in anderen Sprachen immer nahezu doppelt so dick seien wie das chinesische Original. Und fügte noch einen Schwenk aus seinen Erfahrungen hinzu, die er im Laufe seines jetzt bald zweimonatigen Aufenthalts in Deutschland zum Thema „kurz und bündig“ gemacht habe: Auf seine Frage, wie tief der Rhein sei, habe er die Gegenfrage gestellt bekommen, ob er das auf Frühjahr, Sommer, Herbst oder Winter beziehe, das sei jeweils unterschiedlich. So dass er zu einem späteren Zeitpunkt auf die Frage, wie es ihm gehe, meinte, ebenso eine Rückfrage stellen zu müssen: „Wann meinen Sie, morgens, mittags oder abends?“

Volle Zuschauerreihen bei der Lesung mit Liu Zhenyun, Foto: Liu Yulin
Volle Zuschauerreihen bei der Lesung mit Liu Zhenyun, Foto: Liu Yulin

Taschendiebe handelt von dem Koch Liu Yuejin auf einer Pekinger Großbaustelle, der auf der Suche nach seiner gestohlenen Geldtasche eine andere Tasche mit hochbrisantem Inhalt findet – und infolgedessen immer tiefer in die Pekinger Unterwelt verstrickt wird. Allerdings, wie Liu Zhenyun betonte, mit unerwartetem Ausgang: Ähnlich einem Lamm, das zufällig in die Gruppe von Wölfen gerate, beginne die Geschichte – doch dass das Lamm dann Wölfe fresse und sich nach einigen Verwicklungen die Rollen änderten, entspreche dem überraschenden Fortlauf der Handlung.

Liu Zhenyun, der zwar seit langem in Peking lebt, aber eigentlich aus Henan stammt, hob im Gespräch mit Tilman Spengler den großen Einfluss hervor, den seine Heimat auf sein Schreiben habe: „Die Lebensvorstellung der Menschen in Henan unterscheidet sich stark von der der Menschen in Peking oder Shanghai.“ Es gebe dort eine besondere Form des Humors und eine ausgeprägte Form der Ironie, die er sehr schätze. Liu Zhenyun, der sich bei seiner Erzählung unter anderem von seinem Cousin inspirieren ließ – tatsächlich Koch auf einer Baustelle – traf bei seiner Lesung auf ein interessiertes, an vielen Stellen amüsiertes Publikum im nahezu bis auf den letzten Platz besetzten Goethe-Forum.

Reges Interesse am Büchertisch, Foto: AR
Reges Interesse am Büchertisch, Foto: AR

Auch die Publikumsfragen zeigten das große Interesse an dem Autor: Die Frage, ob Liu Zhenyuns Schreiben über kleine Leute, Diebe und Prostituierte die sozialen Probleme widerspiegele, die im heutigen China sicherlich spürbar seien, bejahte er nicht eindeutig: Die mit diesen sozialen Gruppen verbundenen Probleme gebe es ja nicht nur in China, sondern weltweit. Ihm ginge es vielmehr um die Frage: „Wie versuchen diese Leute, das Leben zu meistern?“

Sein Humor trage auch dazu bei, so Liu Zhenyuns eigene Einschätzung, dass die chinesische Zensur bei ihm wohl kaum greife – außerdem sähen die Zensurverantwortlichen seines Wissens viel lieber Filme, weshalb Bücher in China weniger stark zensiert seien als Filme, wie er schmunzelnd anmerkte. Zwischenzeitig hat sich in China tatsächlich schon der Begriff des „Liu-Humors“ etabliert, der für seine Werke charakteristisch ist. Diese ihm eigene Haltung gab Liu Zhenyun gleichsam als Ratschlag an die Zuhörer weiter: „Der Humor ist das Meer, die Situation das Eis. Fällt das Eis ins Meer, löst es sich auf.“
Anke Rönspies
Redakteurin Deutsch-Chinesisches Kulturnetz, München
Oktober 2009
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