
Innerhalb der Rückschau auf die Kulturrevolution und ihre Aufarbeitung in der zeitgenössischen chinesischen Literatur bildet, abgesehen von den Romanen, auch der „Essay" eine wichtige und von Lesern sehr geschätzte literarische Form. Dazu zählen insbesondere die Erinnerungstexte jener Autoren und Gelehrten, die schon vor der Gründung der Volksrepublik literarisches Renommee besaßen. Diese Kulturelite wurde während der Kulturrevolution am heftigsten verfolgt, und eine erschreckend große Anzahl der ihr Zugehörigen starb infolge von Gewalteinwirkung oder nahm sich das Leben. Das Zeugnis, das jene ablegten, die mit dem Leben davon gekommen waren – von Autoren und Gelehrten aus der Generation der Vierten-Mai-Bewegung bis hin zu den Linksintellektuellen der Yan'an-Zeit – stieß nach der Kulturrevolution bei den Lesern auf große Resonanz. Im Folgenden sollen die bekanntesten Beispiele vorgestellt werden.
Ba Jin (巴金)
„Gedanken unter der Zeit"
Ba Jin (巴金, 1904-2005) gilt als einer der wichtigsten Vertreter der chinesischen Literatur der Moderne. Sein in den 1930er Jahren erschienener Roman Die Familie war eine scharfe Kritik am traditionellen chinesischen Familiensystem und hat Generationen von jungen Lesern tief geprägt. Obwohl Ba Jin nach der Gründung des „Neuen China“ zu einer literarischen Leitfigur wurde, war er nach Beginn der Kulturrevolution Verfolgungen ausgesetzt: Man konfiszierte sein Vermögen, denunzierte und kritisierte ihn öffentlich, sperrte ihn ein und zwang ihn zu harter körperlicher Arbeit. Nach der Kulturrevolution verfasste er mit der Zeit 150 Erinnerungstexte, die 1987 unter dem Titel
Gedanken unter der Zeit veröffentlicht wurden. In dieser von ihm selbst als „Testament“ angesehenen Essaysammlung zeichnet er die physischen und seelischen Verletzungen auf, welche die Kulturrevolution ihm, seinen Familienmitgliedern und Freunden zugefügt hat, und geht den geistigen und kulturellen Wurzeln der Kulturrevolution nach. Nachdem er die psychologischen Grundlagen und Prozesse seziert hat, die ihn selbst in den politischen Kampagnen nach der Gründung der Volksrepublik nach und nach dazu brachten, seine Unabhängigkeit und sein Gewissen aufzugeben und sich gegen die eigene Überzeugung an der Kritik von Schriftstellerkollegen und Freunden zu beteiligen, gelangt er zu einer Haltung der tiefen Reue. Sie ist von unschätzbarem Wert, denn man findet sie selten in den Erinnerungen an die Kulturrevolution. War Ba Jins Sprache schon immer sehr geradlinig und voll menschlicher Wärme, ist dieses Buch noch mehr darauf bedacht „die Wahrheit zu sagen“. So gehen einem viele Texte sehr zu Herzen, beispielsweise jene beiden, in denen er sich daran erinnert, wie seine Frau vor Sorge erkrankt und stirbt. Der Autor ruft in diesem Werk dazu auf, ein Museum der Kulturrevolution zu bauen, über ihn selbst hieß es, er habe mit diesem Buch der Kulturrevolution ein Museum der Wörter geschaffen.
Yang Jiang (杨绛): „Sechs Kapitel aus
meinem Leben an der Kaderschule"
Die
Sechs Kapitel aus meinem Leben an der Kaderschule (1981) der Schriftstellerin Yang Jiang (杨绛), geboren 1911, stellen eine andere Form von Essays dar, die auf die Kulturrevolution zurückblicken. Die Autorin und ihr Ehemann, der Gelehrte und Schriftsteller Qian Zhongshu (钱钟书), gerieten während der Kulturrevolution ins Kreuzfeuer der Kritik und wurden aufs Land in eine Kaderschule in der Provinz Henan geschickt – diese Institutionen dienten während der Kulturrevolution dazu, Intellektuelle und Funktionäre gemeinsam zu körperlicher Strafarbeit antreten zu lassen. In
Sechs Kapitel aus meinem Leben an der Kaderschule lässt Yang Jian diesen Lebensabschnitt Revue passieren. Dabei konzentriert sie sich auf die weniger erdrückenden Erinnerungen, wie beispielsweise die Mußestunden neben der Arbeit oder die Verbundenheit mit den Tieren, und schildert selbst tragische Erlebnisse in einem gleichmütigen Ton. Anhand ihrer eigenen Erfahrungen zeigt die Autorin, dass sich der Mensch, selbst wenn er der Freiheit beraubt ist, von seinem Streben nach einer humanen Lebensform nicht abbringen lässt. Dies – das Ende des Buches bestätigt es – ist auch der Grund, warum die radikalen politischen Maßnahmen der Kulturrevolution letztlich scheiterten.
Wei Junyi (韦君宜):
„Schmerzliches Gedenken"
Die Schriftstellerin Wei Junyi (韦君宜, 1917-2002) hat einen für Linksintellektuelle modellhaften Werdegang: Sie studierte in den 1930er Jahren an der Tsinghua-Universität, trat 1936 der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh) bei und ging 1939 nach Yan`an. Während der Kulturrevolution wurde sie kritisiert und bekämpft und erlitt einen Nervenzusammenbruch. In ihrem 1998 veröffentlichten Erinnerungsband
Schmerzliches Gedenken zieht sie ausgehend von ihren persönlichen Erfahrungen eine Bilanz der Fehler der Politkampagnen der KPCh seit der Yan`an-Ära und rechnet auch mit der Kulturrevolution ab. Dabei offenbart sie ihr eigenes Irregehen, ihren blinden Gehorsam und den Verrat an sich selbst. Der bemerkenswerteste Text gilt ihrem Ehemann und seinem tragischen Schicksal eines kommunistischen Kaders. Dieser getreue Parteigenosse, „dessen Gedanken stets dem Wort der Partei folgten“, wurde in der Kulturrevolution als „konterrevolutionäres Element“ öffentlich geschmäht. Trotz Qualen und Demütigungen blieb er weiterhin von der Richtigkeit der Kampagne „Kulturrevolution“ überzeugt, in dem Glauben, dass er schließlich rehabilitiert würde. Zuletzt starb er desillusioniert auf dem Krankenbett.
Ji Xianlin (季羡林):
„Erinnerungen aus dem Kuhstall
Ji Xianlin (季羡林, 1911-2009) war einer der renommiertesten Wissenschaftler der chinesischen Gegenwart. Er studierte in jungen Jahren an der Tsinghua-Universität, ging 1935 zum Studium nach Deutschland und erwarb 1941 an der Universität Göttingen seinen Doktor der Philosophie. Nach 1946 war er lange Zeit Professor sowie Institutsleiter der Fakultät für orientalische Sprachen und Literatur an der Peking-Universität. Während der Kulturrevolution wurde er im sogenannten „Kuhstall“ interniert, einem besonders schlimmen Gefängnis, das die „Rebellen“ höchstselbst eingerichtet hatten, um Intellektuelle einzusperren, anzuprangern, zu kritisieren und zu körperlicher Arbeit zu zwingen. Ji Xianlins 1998 veröffentlichte Memoiren Erinnerungen aus dem Kuhstall sind ein Rückblick auf die erlittenen Diffamierungen. Wie Ba Jin und Wei Junyi ist es sein Ansinnen, durch sein persönliches Zeugnis sowie die eigene Gewissensprüfung dem Leser eine schmerzliche historische Lektion eindringlich vor Augen zu führen, jedoch beschreibt das Buch noch lückenloser und noch lebhafter, wie ein Intellektueller in die politischen Kampagnen verwickelt und zum Spielball der Katastrophe wird. Der Autor schildert seine tragischen Erlebnisse haargenau, kleidet seinen Schmerz dabei aber in humorvolle Worte. Zum Beispiel bezeichnet er seine Gefühlsregungen, als ihn das Unglück am Schopf packt und er sich zunächst das Leben nehmen will, als „vergleichende Suizidalwissenschaft“ und wird nicht müde, diese bis ins Kleinste zu beschreiben. Die Übel und Absurditäten der kulturrevolutionären Terrorpolitik deckt er so mit einem lachenden und einem weinenden Auge auf.
Genannte Literatur:
Ba Jin (巴金): Gedanken unter der Zeit, 1987
Yang Jiang (杨绛): Sechs Kapitel aus meinem Leben an der Kaderschule, 1981
Wei Junyi (韦君宜): Schmerzliches Gedenken, 1998
Ji Xianlin (季羡林): Erinnerungen aus dem Kuhstall, 1998
Zu:
Teil 1: Rückbesinnung oder
Vergessen? Die Kulturrevolution aus der Perspektive der Kader und der
intellektuellen „Rechtsabweichler“ Teil 2: Jugend ohne Reue?
Die Kulturrevolution aus der Perspektive der Roten Garden und der
„Gebildeten Jugendlichen“Teil 3: Parabeln des Bizarren und AbsurdenDie Kulturrevolution in der Literatur der AvantgardeZurück zum
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Text: Dr. Leng Shuang
Dozent an der Minzu University of China
Oktober 2009