Teil 3: Parabeln des Bizarren und AbsurdenDie Kulturrevolution in der Literatur der Avantgarde

Als nach der Kulturrevolution immer mehr moderne Literatur aus Amerika und Europa ins Chinesische übersetzt wurde, bewirkte dies in der zeitgenössischen chinesischen Literatur der 1980er Jahre einen tiefgreifenden Wandel. Immer radikaler rückte man vom literarischen Realismus ab. Die Motivation dafür entstand einerseits aus der Konfrontation mit den neuen Theorien, Formen und Techniken des Erzählens, andererseits entsprang sie der Einsicht, dass es zwischen jener Erzähldoktrin und der der Vergangenheit angehörenden politischen Ideologie eine gewisse, zweifelhafte Verbindung gäbe. Nachdem sich Überdruss und Skepsis einmal geregt hatten, richtete sich der Arbeitseifer der Autoren vor allem auf die Suche nach neuen sprachlichen Ausdrucksformen. In der Darstellung der Kulturrevolution manifestierte sich dies seit den 1980er Jahren in einer Reihe von allegorischen Werken, die das Bizarre und Absurde zum Thema machten. Sie versuchten zu belegen, dass die Kulturrevolution in Form von schwer heilbaren psychischen Schäden und der Erschütterung der Werte tiefe Spuren bei den Chinesen hinterlassen hatte.
Die Novelle Schlammstraße der Schriftstellerin Can Xue (残雪), geboren 1953, ist die Parabel eines absurden Traumes. Die Ich-Erzählerin sucht nach einem Ort namens „Schlammstraße“, aber alle Leute streiten deren Existenz ab, bis die Protagonistin sie im Traum begeht bzw. - die Autorin bleibt hier bewusst zweideutig - sich in einem Albtraum wieder findet, als sie die Straße entdeckt. Die Menschen aus der Schlammstraße, die in einer Atmosphäre leben, welche durch den zersplitterten politischen Jargon der Kulturrevolution, durch den durch Volksaberglauben und Gerüchte gespeisten Argwohn sowie durch nicht eingestandene Ängste bestimmt ist, zeigen alle möglichen Symptome von nervlicher Überempfindlichkeit und Verfolgungswahn. Die Bilder von Schmutz und Krankheit, die den gesamten Roman durchziehen, sind deutliche Metaphern für den durch die kulturrevolutionäre Ideologie besudelten und vergifteten Alltag. Am Eindrucksvollsten ist der Roman in seiner Entlarvung der ideologischen Sprachgewohnheiten der Kulturrevolution. Durch diese sprachlichen Stereotypen wurden Bewusstsein und Gefühlswelt der Menschen radikal kontrolliert. Selbst als sie sich nach der Kulturrevolution allmählich aufzulösen begannen, war ihr Einfluss noch unübersehbar. Die Entscheidung der Erzählung für die absurde Sprache der Allegorie mag einen willentlichen Versuch darstellen, sich im Ausdruck von dieser Kontrolle zu befreien.

Yu Hua (余华): „1986“ in
„Mit 18 in die Welt gezogen“
„Mit 18 in die Welt gezogen“

Wang Xiaobo (王小波):
"Das goldene Zeitalter"
"Das goldene Zeitalter"
Der Avantgardismus, den die Werke in ihrem künstlerischen Ausdruck erkennen lassen, stützt sich nicht allein auf Einflüsse der europäischen und amerikanischen Nachkriegsliteratur, wie dem Absurden Theater, der Beatnik-Literatur oder dem französischen Nouveau Roman, er schöpft ebenfalls aus dem Alltag in der eigenen Heimat. So lassen sich Yu Huas detaillierte und nüchterne Gewaltbeschreibungen in Novellen wie 1986 mit Sicherheit auf das zurückführen, was er in der Kulturrevolution als Kind mit eigenen Augen gesehen hat. Gerade die Vergangenheit der Schriftsteller machte sie empfänglich für die genannten literarischen Strömungen, so dass diese für sie zum Quell der Inspiration wurden.

Yu Hua (余华): „Brüder“

Han Dong (韩东): „Wurzeln schlagen“ und Wang Gang (王刚): „English“
Vielleicht verdienen einige Romane dieser Autorengeneration, die erst in den letzten Jahren erschienen, und in welchen die Kulturrevolution aus einer kindlichen Perspektive geschildert wird, noch mehr unsere Beachtung. Bei einigen handelt es sich um autobiographische Erinnerungen an die Kulturrevolution. Etwa bei Han Dong (韩东), geboren 1961, der sich in seinem Roman Wurzeln schlagen (2003) erinnert, wie er während der Kulturrevolution mit seinem Vater zur körperlichen Arbeit aufs Land verschickt wurde. Andere können hingegen als Bildungsromane vor dem Hintergrund der Kulturrevolution gelten. So erzählt der Roman English (2004) von Wang Gang (王刚), geboren 1960, von der Sehnsucht eines zur Zeit der Kulturrevolution im Grenzland lebenden Jungen nach einem durch die englische Sprache symbolisierten „kultivierteren“ way of life.
Genannte Literatur
(erstmalige Veröffentlichung):
Can Xue (残雪): Schlammstraße
Yu Hua (余华): 1986, 1987 und Brüder, 2006
Wang Xiaobo (王小波): Das goldene Zeitalter (1994) und Liebe in den Zeiten der Revolution, 1994
Su Tong (苏童): Flussufer, 2006
Han Dong (韩东): Wurzeln schlagen, 2003
Wang Gang (王刚): English, 2004
Can Xue (残雪): Schlammstraße
Yu Hua (余华): 1986, 1987 und Brüder, 2006
Wang Xiaobo (王小波): Das goldene Zeitalter (1994) und Liebe in den Zeiten der Revolution, 1994
Su Tong (苏童): Flussufer, 2006
Han Dong (韩东): Wurzeln schlagen, 2003
Wang Gang (王刚): English, 2004
Weiter zu:
Teil 1: Rückbesinnung oder Vergessen? Die Kulturrevolution aus der Perspektive der Kader und der intellektuellen „Rechtsabweichler“
Teil 2: Jugend ohne Reue? Die Kulturrevolution aus der Perspektive der Roten Garden und der „Gebildeten Jugendlichen“
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Text: Dr. Leng Shuang
Dozent an der Minzu University of China
September 2009
Dozent an der Minzu University of China
September 2009










