Literatur/Sprache

Teil 1: Rückbesinnung oder Vergessen?

Die Kulturrevolution aus der Perspektive der Kader und der intellektuellen „Rechtsabweichler“



Die literarischen Schilderungen der Kulturrevolution konzentrierten sich in den ersten drei, vier Jahren nach deren Ende 1976 vor allem auf „Katastrophen-Stories“, in denen sich das erlittene Leid entlud. Da die Machthaber erst 1981 zu dem politischen Urteil kamen, die Kulturrevolution sei „total zu negieren“, konnten in den Werken jener Zeit persönliches Unglück, familiäre Tragödien und soziales Chaos nur der verbrecherischen „Viererbande“ und deren Parteigängern zur Last gelegt werden. Obwohl die Texte im Allgemeinen einen melancholischen Unterton anschlugen, welchen man aus der früheren Literatur nicht kannte und der eigentlich verboten war, lagen sie in ihrer narrativen Ungeschliffenheit gar nicht so weit entfernt von der literarischen Landschaft während und vor der Kulturrevolution. Nichtsdestotrotz erfreuten sie sich größter Beliebtheit, weil sie den ästhetischen Geschmack des Durchschnittslesers und sein Bedürfnis nach emotionaler Katharsis in hohem Maße befriedigten.

Seit 1979, nachdem einige Schriftsteller, die als „Rechtsabweichler“ gegolten hatten, nach und nach rehabilitiert worden waren und wieder in die literarischen Zirkel zurückkehrten, veränderte sich das Schreiben über die Kulturrevolution. Diese Autoren waren, da sie Arbeiten veröffentlicht hatten, die nicht im Einklang mit der orthodoxen Ideologie standen, in der „Anti-Rechts-Kampagne“ von 1957 bestraft worden. Man hatte sie aus ihren öffentlichen Ämtern entfernt und ihnen das Recht auf Veröffentlichung genommen. Einige von ihnen waren sogar für zwei Jahrzehnte eingesperrt oder in der Verbannung gewesen. In den post-kulturrevolutionären Literaturkreisen waren sie die viel beachteten Helden, die nach einer Odyssee heimkehrten. Durch ihr Bemühen, diesen Abschnitt der Geschichte von ihren persönlichen Erlebnissen ausgehend rational zu reflektieren sowie durch ihre mutigen Experimente mit neuen literarischen Erzähltechniken rückten sie bald ins Zentrum der Aufmerksamkeit.

Li Guowen (李国文): Die Mondfinsternis
Li Guowen (李国文):
"Die Mondfinsternis",
in: Das erste Glas bitteren Weins
Li Guowen (李国文), geboren 1930, wurde 1957 wegen einer Erzählung wider den Bürokratismus als „Rechtsabweichler“ abgestempelt. In seiner 1980 erschienenen Kurzgeschichte Die Mondfinsternis erzählt er die Geschichte von einer „Rückkehr zu den geistigen Ursprüngen“. Der Held der Erzählung, für zwanzig Jahre ein „Rechtsabweichler“, kehrt in das Dorf seiner Jugend zurück. Zum einen, um seine aus den Augen verlorene Frau wieder zu finden, aber auch um dem in den Jahren nach der Gründung der Volksrepublik gerissenen geistigen Band zwischen Stadt und Land, zwischen Kadern und Normalsterblichen nachzuspüren. Der Roman, der die moralische Korrumpierung der in die Städte abgewanderten KP-Funktionäre zur Katastrophe der Kulturrevolution in Beziehung setzt, endet optimistisch: Das Vergangene ist wie eine Mondfinsternis, die den Himmel nur vorübergehend verdunkelt, denn „morgen scheint wieder die Sonne“.

Wang Meng (王蒙): Schmetterling
Wang Meng (王蒙): "Schmetterling",
im Sammelband "Tiefer See"

Die im selben Jahr erschienene Novelle Schmetterling von Wang Meng (王蒙), geboren 1934, weist zwar Parallelen in der Erzählstruktur auf, ist jedoch inhaltlich vergleichsweise komplex. Wang Meng galt bereits Anfang der 1950er Jahre als talentierter Romanautor. 1957 wurde er wegen seiner den Bürokratismus entlarvenden Erzählung Der Neuling in der Organisationsabteilung als „Rechtsabweichler“ gebrandmarkt.

In Schmetterling wird der Protagonist zu Beginn der Kulturrevolution als lokaler KP-Funktionär vor eine Kritikversammlung gezerrt und anschließend eingesperrt. Nach seiner Gefängnisstrafe wird er zur körperlichen Arbeit in ein abgelegenes Dorf geschickt. Nachdem die Kulturrevolution vorbei ist, kommt er wieder zu Amt und Würden und steigt in die obere politische Führungsriege auf. Der Roman untersucht ausgehend von dem berühmten Schmetterlingsgleichnis Zhuangzis, inwiefern die durch Politkampagnen bedingte Achterbahnfahrt und „Mutation“ des Sozialstatus das Bewusstsein eines Individuums bedroht: „Ein Kader der Achten Roten Armee, der sich durch die Bergwildnis gekämpft hat, wird zu einem einflussreichen politischen Führer, ja einem Machthaber; dann wird er zur lebendigen Zielscheibe, wird von den revolutionären Massen herumgeschubst und landet in Isolationshaft im Gefängnis. Schließlich verwandelt er sich in einen von der Welt vergessenen, einsamen Schmetterling. Kann das „Ich“ diese Wandlungen ertragen?“ Die Novelle wendet geschickt die Technik des Stream of Consciousness an, die nach der Kulturrevolution durch Übersetzungen (westlicher Literatur erneut in China bekannt wurde, und fügt die Versatzstücke in einen klaren Erzählrahmen ein. Wirklich bemerkenswert ist jedoch, wie der Autor zwischen Erzähler und Hauptfigur eine ironische Distanz etabliert und so der Geschichte einen größeren Gedanken- und Interpretationsspielraum einräumt.

Zhang Xianliang (张贤亮): Die Hälfte des Mannes ist Frau
Zhang Xianliang (张贤亮):
"Die Hälfte des Mannes ist Frau"
Die Novelle Die Hälfte des Mannes ist Frau von Zhang Xianliang (张贤亮), geboren 1936, erschien 1985 als Teil seiner in den 1980er Jahren viel beachteten und umstrittenen Buchserie Enthüllungen eines Materialisten. Zhang Xianliang wurde im Alter von 21 wegen seiner ketzerischen Poesie als „Rechtsabweichler“ deklariert und musste über 22 Jahre disziplinarische Maßnahmen, Umerziehungslager und Haft über sich ergehen lassen. Die autobiografisch geprägte Novelle erzählt von den amourösen Wirren, die der „Rechtsabweichler“ und Intellektuelle Zhang Yongling während seiner Gulag-Laufbahn in der Kulturrevolution mit der Gefangenen Huang Xiangjiu erlebt. Dabei kombiniert der Roman lyrische Sprache, staatspolitische Spekulationen und innere Selbstschau mit für das China der 1980er Jahre sehr gewagten erotischen Schilderungen. Der durch die politische Verfolgung gemütskranke Protagonist erlangt durch die „urmütterliche“, vitale Zärtlichkeit einer Frau aus der Unterschicht wieder sexuelle Potenz und findet daraufhin auch mental seinen Glauben und seine Berufung. Durch die nicht unbedingt intendierten sexuellen Metaphern wird die Auffassung vermittelt, dass die Kulturrevolution für die Intellektuellen sowohl Leidensgeschichte als auch Erlösungsweg darstellte. Dies scheint auf eine sehr skurrile und bizarre Weise die den Politkampagnen wie der „Anti-Rechts-Bewegung“ oder der Kulturrevolution zugrunde liegende zivilisatorische Logik zu bestätigen: Die Intellektuellen können erst indem sie sich von Grund auf einem körperlichen und geistigen Wandel unterziehen zu echten Revolutionären des Materialismus werden.

Die Werke dieser sogenannten „Literatur der Rückbesinnung“ (fansi wenxue), in der Intellektuelle und Kader die Hauptrolle spielen, zeigen, dass es sich bei den als „Rechtsabweichler“ abgestempelten Autoren überhaupt nicht um eingefleischte Ketzer oder politische Umstürzler handelte, sondern um Linksintellektuelle mit sozialistischen Idealen. Durch ihre geistige Herkunft und Überzeugungen schlug ihr Herz selbst nach dem, was sie durchgemacht hatten, noch heftig für die Politik. Und durch ihr intuitives Bewusstsein, privilegiert zu sein, waren ihre Reflexionen meist von der „Dankbarkeit über die erlittene Not“ gefärbt und schlugen in eine optimistische Zukunftshaltung um, während Trauer und Skepsis stark gezügelt wurden. Dies stand in einem unbeabsichtigten Einklang mit dem politischen Leitslogan des „nach vorne Schauens“ (xiang qian kan) nach der Kulturrevolution, stieß aber später bei Wissenschaftlern auf Kritik: Im Namen der „Rückbesinnung“ werde man womöglich zum Aufgeben derselben, ja sogar zum Vergessen angehalten.

Um diese „der Not dankenden“ Werke zu verstehen, muss der Hintergrund ihres Erscheinens bedacht werden. Vom Ende der Kulturrevolution bis in die 1980er Jahre wurden literarische Äußerungen nach wie vor überwiegend als „Stimmungsbarometer“ betrachtet, so dass sie von der offiziellen Ideologie – auch wenn sich diese ebenfalls allmählich änderte – mit Argusaugen beobachtet wurden. Insofern waren die publizierbaren Werke in ihrer Dimension der Rückbesinnung tatsächlich eingeschränkt, ein Handicap, welches auch die Schriftsteller und Herausgeber der Literaturzeitschriften ständig im Hinterkopf behielten. Dieses Phänomen der Selbstzensur existierte bereits seit den 1950er Jahren. Auch wenn der Schmetterling unter anderem das Thema der Privilegien kommunistischer Kader berührte und ganz leise skeptische Töne anschlug, vernichtete er diese doch am Ende mit euphorischem Zungenschlag. Ein rhetorischer Kniff, welcher ganz offensichtlich den Hintersinn hatte, das Buch durch die Zensur zu bringen.

Genannte Literatur (erstmalige Veröffentlichung):

Li Guowen (李国文): Die Mondfinsternis, in Volksliteratur Nr.3, 1980

Wang Meng (王蒙): Schmetterling, in Oktober Nr. 4, 1980

Zhang Xianliang (张贤亮): Die Hälfte des Mannes ist Frau, in Ernte, Nr. 5, 1985

Zu:
Teil 2: Jugend ohne Reue? Die Kulturrevolution aus der Perspektive der Roten Garden und der „Gebildeten Jugendlichen“

Teil 3: Parabeln des Bizarren und Absurden - Die Kulturrevolution in der Literatur der Avantgarde

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Text: Dr. Leng Shuang (冷霜)
Dozent an der Minzu University of China
Übersetzung: Julia Buddeberg
September 2009

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