wOrtwechsel: Deutsch-chinesischer Schriftsteller-Dialog in Nanjing


M. Beyer, Bi Feiyu, U. Kautz, Su Tong, Lu Min, Ye Zhaoyan, Huang Beijia, J. Magenau, Fotos: Qiu Biao und Xiao Lin, bearbeitet von Lao Du
An einem Nachmittag im Mai war im lichtdurchfluteten Studentencafé Sculpting in Time nahe der Nanjing Universität die schreibende Elite Nanjings versammelt: Ye Zhaoyan (叶兆言), Su Tong (苏童), Bi Feiyu (毕飞宇), Huang Beijia (黄蓓佳) und Lu Min (鲁敏). Sie waren eingeladen, sich im Rahmen des Projektes wOrtwechsel mit drei aus Deutschland angereisten „Berufsgenossen“ in einem „reinen Gespräch“ auszutauschen. Dies waren Marcel Beyer, Dichter und Romanschriftsteller, Jörg Margenau, Kritiker, Redakteur und Verfasser von Biografien und Sachbüchern mit Bezug zur deutschen Geschichte, und Ulrich Kautz, Sinologe und Übersetzer vieler chinesischer Autoren.
Das Projekt wOrtwechsel wurde vom Literarischen Colloquium Berlin e.V. (LCB) initiiert und wird vom Auswärtigen Amt, der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia und der Robert Bosch Stiftung gefördert. Um die deutschsprachige Gegenwartsliteratur in China bekannter zu machen, reisten insgesamt vier Autoren - neben den zwei bereits genannten waren Rolf Lappert und Hans Jakob Roth mit von der Partie – in vier chinesische Städte, wo sie in Lesungen ihre Werke vorstellten. Dies vor allem an den Deutschabteilungen von Universitäten in Ningbo, Shanghai, Hangzhou und eben Nanjing.
Während in Shanghai – organisiert von der dortigen Abteilung für Kultur und Bildung des Generalkonsulats – auch zweimal Dialoge stattfanden, die jeweils einen deutschen und einen chinesischen Autor mit gemeinsamen Bezugspunkten gegenüberstellten, stellte die Zusammenkunft in Nanjing, die als „reines Gespräch“ angekündigt war, in dieser Form wohl eher eine Ausnahme dar. Und es sollte wohl auch eher als Experiment betrachtet werden, denn am Schluss hatte sich bei mir wieder einmal der Eindruck verstärkt, dass es, um einen Austausch zwischen so unterschiedlichen und sprachlich so schwer zu überbrückenden Kulturen wie der deutschen und der chinesischen zu ermöglichen, nicht nur eines guten Übersetzers bedarf – eine Voraussetzung, die in diesem Fall gegeben war – sondern vor allem auch eines Moderators, der sich in beiden Kulturen auskennt und die Punkte herauskitzelt, identifiziert, aufgreift und vertieft, die für beide Seiten von Interesse sind. Das ist keine leichte Aufgabe. Aber sonst bleibt es eben doch bei einer Art von Kulturaustausch, wie ihn die Theaterexpertin Li Jianming kürzlich nüchtern in einem Artikel definierte: „’Ich sag’ meins, und du sagst deins’. Bewahrt man sich dabei ein offenes Ohr für den anderen, ist das schon sehr beachtlich.“

Dr. Maja Pflüger von der Robert-Bosch-Stiftung stellt wOrtwechsel vor. Foto: Sun Yi
Schlaglicht auf die Autoren
Schon bei einer ersten ganz kurzen Vorstellung fragte Jörg Magenau den Übersetzer, warum seine Übersetzung denn so viel länger gewesen sei, als was er, Magenau, gesagt habe. Jörg Magenau hat ein Buch über die taz geschrieben. Die kennt ja jeder Deutsche, aber warum es sich lohnt, darüber ein Buch zu schreiben und was gerade mit dieser Tageszeitung auf sich hat, welche gesellschaftlichen Entwicklungen sie repräsentiert, braucht für einen Fremden schon einiger Ausführungen.
Später stellten sich die deutschen Gäste auf Wunsch der Chinesen dann noch ausführlicher vor. Marcel Beyer sprach über seine vielen Umzüge innerhalb Deutschlands, die Grund dafür sind, dass er gerne mit unterschiedlichen Dialekten spielt. Auch entwirft er gerne Personen mit außergewöhnlichen Berufen, um deren „exotisches“ Fachvokabular auskosten zu können. Dabei komme es nicht darauf an, dass die Leser jedes Wort verstehen, sondern dass die Wörter ihren eigenen Zauber entwickelten. Diese Vorstellung fand besonders bei Ulrich Kautz Zustimmung, der diesen Effekt auch bei seinen Übersetzungen aus dem Chinesischen in Kauf nimmt, oder sogar anstrebt. Für die chinesischen Zuhörer wohl schwieriger nachvollziehbar waren Ausführungen zur Frage, inwieweit Romanfiguren wirklichen Personen entsprechen, die in West- oder Ostdeutschland bekannt sind.
Jörg Magenau stellte seine drei Bücher vor: neben jenem über die taz eine Biografie über die wichtigste ostdeutsche Schriftstellerin Christa Wolf, sowie eine Biografie über Martin Walser. Beide Arbeiten hätten ihn sehr befriedigt, denn er habe dabei viel lernen können, sagte der aus Ludwigsburg stammende Wahlberliner Magenau. Seine Motivation für die Beschäftigung mit Christa Wolf sei aus einem Gefühl der Ungerechtigkeit entstanden, welches die Diskussionen in Deutschland in den 90er Jahren in ihm ausgelöst hatten, „weil westdeutsche Intellektuelle es sehr leicht hatten, das, was ostdeutsche Intellektuelle während der Zeit der DDR getan oder eben auch nicht getan hatten, wo sie geschwiegen hatten oder auch einfach nur da geblieben waren, moralisch zu bewerten und zu diskreditieren.“ Mit dem Untergang des Sozialismus (der weniger offensiv als „Wiedervereinigung“ übersetzt wurde…) seien aber die Bindungen an die Ideologien verloren gegangen. „Was sich gehalten hat – mehr in West- als in Ostdeutschland – ist die Ideologie des Rechthabens.“ Diesen Punkt hätte ein Moderator beispielsweise aufgreifen können, da diese Eigenschaft ja nicht nur im deutsch-deutschen sondern gerade auch im deutsch-chinesischen Verhältnis regelmäßig zu Brüchen und Missstimmungen führt.
Größte Aufmerksamkeit und Sympathien bei den chinesischen Anwesenden erregte natürlich der 70-jährige Professor Kautz, nicht nur wegen seines auffallenden weißen Schopfes und des Altersbonus’, sondern wegen seiner rund 50 Jahre andauernden Beschäftigung mit China und seiner profunden Kenntnisse der chinesischen Literatur. Professor Kautz’ Biografie ist an sich schon ein spannendes Stück Zeitgeschichte: Nach dem Übersetzerstudium für Chinesisch und Englisch wurde er 1961 an die ostdeutsche Botschaft in Peking versetzt. 1966 ging es zurück in die Heimat, und da die Kulturrevolution schon im Gange war, „wurde ich am Flughafen von Roten Garden mit zwei symbolischen Ohrfeigen verabschiedet.“ Später erhielt Herr Kautz eine Stelle an der Sinologie der Humboldt Universität Berlin und begann Anfang der 1980er mit dem Übersetzen chinesischer Literatur. Zu den Werken, die ihn am meisten beeindruckten, gehörte Wang Shuos Oberchaoten, „denn dies war der erste chinesische Roman, der mich zum Lachen brachte“ und Yu Huas Leben, „bei dem ich geweint habe.“
Im zweiten Teil des Nachmittags gab es Gespräche in kleineren Gruppen zwischen den chinesischen Autoren und den Gästen, darunter auch einigen Pressevertretern.
Fußnote: Am Tag darauf erschien ein Artikel auf www.sina.com in dem es bezeichnenderweise nur in einem Nebensatz um die deutschen Literaten ging, während im Hauptteil ausgeführt wurde, dass Prof. Kautz dem vernichtenden Urteil Kubins widersprochen und die chinesische Literatur in Schutz genommen habe.
Text: Maja Linnemann
Chefredakteurin Deutsch-Chinesisches Kulturnetz
Mai 2009
Chefredakteurin Deutsch-Chinesisches Kulturnetz
Mai 2009









